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19.7.2010 | Von:
Klaus Schroeder

Deutschland nach der Wiedervereinigung

Mit der Wiedervereinigung hat sich Deutschland insgesamt stärker verändert, als es vielen bewusst ist: Auf den Fundamenten der alten Bundesrepublik ist ein neues Deutschland entstanden.

Einleitung

Nach dem Fall der Mauer nahm die Geschichte Fahrt auf: Die DDR brach nach vierzigjähriger Existenz gleichsam über Nacht ein. Knapp ein Jahr später veränderte die Wiedervereinigung das Leben der ehemaligen DDR-Bevölkerung nahezu vollständig. Die westdeutsche Bevölkerung, welche die friedliche Revolution und den damit verbundenen Sturz der SED-Diktatur gleichsam als Zuschauer mit Sympathie betrachtet hatte, nahm dagegen an, für sie würde alles beim Alten bleiben.

Doch zwanzig Jahre später wird deutlich, dass sich mit der Wiedervereinigung nicht nur die neuen Länder, sondern Deutschland insgesamt stärker verändert hat, als es vielen bewusst ist: Auf den Fundamenten der alten Bundesrepublik ist ein neues Deutschland entstanden.

Schlussbilanz der DDR

Wer den Weg, den Deutschland und speziell die Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung in den beiden nachfolgenden Jahrzehnten zurückgelegt haben, ermessen und das Erreichte würdigen will, sollte mit einer Betrachtung der Schlussbilanz der DDR beginnen. Der erst nach dem Fall der Mauer und der Öffnung der Archive mögliche, nüchterne Blick auf die Hinterlassenschaften der SED offenbart, was viele seinerzeit ahnten, aber aufgrund fehlender Öffentlichkeit und der rigiden Geheimhaltungspolitik der Machthaber nicht konkretisieren konnten: Die DDR hat aus politisch-ideologischen Motiven weit über ihre Verhältnisse gelebt, die Umwelt flächendeckend zerstört, Innenstädte verfallen lassen und die Menschen in ein zentralistisch gelenktes Korsett von Vorgaben gespannt. Die sozialistische Diktatur, die letztlich nur wegen des Schutzes durch die Rote Armee und der Gewaltandrohung der "Sicherheitsorgane" vier Jahrzehnte lang überleben konnte, hinterließ in der Natur und in der Psyche vieler Menschen einen Scherbenhaufen. Der Preis der sozialen Sicherheit auf niedrigem Niveau bestand in einer von einem linkstotalitären Anspruch der Herrschenden geprägten Gesellschaft in der weitgehenden Entmündigung des Individuums.

Wie marode die Wirtschaft tatsächlich war, erfuhr eine breite Öffentlichkeit erst im Oktober 1989, nach dem Sturz Erich Honeckers. Nun diagnostizierten Planer, Ökonomen und für die Volkswirtschaft zuständige Offiziere der Staatssicherheit den weitgehenden Zerfall der zentralistischen Planwirtschaft und ihrer industriellen Basis. Es wurde öffentlich, wie veraltet und verschlissen die industrielle Maschinerie, wie rückständig nahezu alle Wirtschaftsbereiche und wie hoch der Aufwand für Reparaturen, Subventionen und die Aufrechterhaltung der "inneren Sicherheit" gewesen waren. Aus eigener Kraft hätte die DDR nur mittels massiver sozialer Einschnitte überleben können. Der Sozialismus hatte in vielerlei Hinsicht von der 1945 übernommenen Substanz gelebt, sie aufgebraucht und nur unzureichend ersetzt.

Wer meint, weil er in der DDR gelebt hat, kenne er sie hinreichend, sollte sein Bild nach Kenntnisnahme der seinerzeit nicht bekannten Daten und Fakten kritisch hinterfragen.[1] Nach der marxistisch-leninistischen Logik der SED-Führung war alles erlaubt, was dem Sozialismus und der eigenen Partei diente. Brisante Daten über den Zustand der Wirtschaft, die Außenhandelsbeziehungen mit der westlichen Welt, die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen, den Zustand der Umwelt und das Gesundheitswesen wurden auf Weisung von oben oder durch Selbstzensur eifriger Untergebener geheim gehalten oder gefälscht. So entstand das Bild einer ökonomisch starken DDR, die angeblich unter den zehn führenden Industrienationen der Welt rangierte. Tatsächlich erreichte der Staat nur etwa das Niveau der schwächsten EU-Länder.

Wie zahlreiche Eingaben von DDR-Bürgern an die Partei- und Staatsführung offenbarten, bestimmten von Anfang bis Ende der DDR Versorgungsmängel den Alltag. Selbst in Ost-Berlin, wo die SED-Führung viele Ressourcen des privaten Verbrauchs konzentrierte, kam es immer wieder zu Engpässen bei bestimmten Produkten. Dabei ging es nicht nur um Bananen und andere Südfrüchte, sondern um Dinge des Alltags wie Straßenschuhe, Bettwäsche oder Puddingpulver. Die Neu- oder Ersatzbeschaffung von technischen Konsumgütern zog sich bei vielen Produkten, nicht nur bei Autos, zum Teil über Jahre hin. Selbst überhöhte Preise für diese Güter schreckten die potenziellen Käufer nicht ab, denn es gab einen Geldüberhang. Viele technische Konsumgüter waren nicht nur überteuert, sondern im Vergleich zu westlichen Produkten auch hoffnungslos veraltet.

Die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln, Energie und ähnlichen Gütern führte im Resultat nicht nur zu Verschwendung, sondern auch zu Verwahrlosung, sozialer Nivellierung und Unterhöhlung der Leistungsbereitschaft. Kurz vor dem Ende der DDR wurden von Experten Vorschläge vorgebracht, die Subventionierung aufzuheben und durch individuelle Förderung zu ersetzen, mithin den Weg einer sozialen oder sozialistischen Marktwirtschaft zu gehen. An die Stelle vorgeschriebener billiger Mieten wurde die Einführung von Wohngeld erwogen; die Reduktion oder Aufhebung der Subventionierung der Grundnahrungsmittel sollte durch die Senkung der Preise von so genannten Luxusgütern kompensiert werden.

Die mangelnde Leistungsbereitschaft vieler Werktätiger, hohe Ausfallzeiten und Krankenstände wurden ebenfalls erst kurz vor dem Ende des SED-Staates ausführlich auf der Führungsebene thematisiert. Angesichts der verdeckten Arbeitslosigkeit wäre auch ohne Wiedervereinigung eine Arbeitslosenrate von mindestens zehn Prozent rasch Realität geworden.[2] Betriebsleiter und Wirtschaftslenker räumten nach dem Ende des starren Honecker-Systems freimütig ein, dass es in fast allen Betrieben, Staatsverwaltungen und Massenorganisationen eine große Zahl nichtarbeitender Werktätiger gab. Der SED-Staat hinterließ eine erschöpfte Wirtschaft, die nicht mehr in der Lage war, die im Vergleich zur Bundesrepublik ohnehin eher bescheidenen sozialen Leistungen zu gewähren. Bei Fortbestehen der DDR hätte der Sozialstaat zur Modernisierung der Volkswirtschaft um mindestens ein Drittel seines Niveaus reduziert werden müssen,[3] so dass sich die Diskrepanz im Wohlstand zwischen Ost und West noch einmal spürbar vergrößert hätte. Dieses Szenario blieb der DDR-Bevölkerung erspart.

Sozialer Transformationspfad

Die Annahme der Bundesregierung, durch ordnungspolitische Weichenstellungen und massive Transfers binnen weniger Jahre einen sich selbst tragenden Wirtschaftsaufschwung entfalten zu können, erwies sich als Fehlschluss. Der ökonomische Angleichungsprozess stockte bereits Mitte der 1990er Jahre, als die Bauwirtschaft - in den Jahren zuvor durch staatliche Subventionen und Steueranreize begünstigt - erlahmte und zu Überkapazitäten im gewerblichen und privaten Hochbau führte. Seit diesem Zeitpunkt wuchs die ostdeutsche Wirtschaft im Durchschnitt wieder schwächer oder nur geringfügig stärker als die westdeutsche, so dass die Differenz in Wirtschaftskraft und Produktivität annähernd konstant blieb. Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung liegt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Osten bei etwa 73 Prozent des westdeutschen Niveaus, die Produktivität bei 81 Prozent; zum Ende der DDR waren es nur rund 33 bzw. 27 Prozent.[4] Trotz des verbliebenen Abstandes hat sich das materielle Lebensniveau weiter Bevölkerungskreise in Ost- und Westdeutschland dank kontinuierlich fließender Transfers in etwa angeglichen.

Durch den von der Bundesregierung unter Helmut Kohl eingeschlagenen sozialen und konsumorientierten Vereinigungspfad, der zwangsläufig gewaltige finanzielle Transfers von West nach Ost voraussetzte, vollzogen sich unmittelbar nach der Vereinigung materielle und soziale Angleichungsprozesse in atemberaubender Geschwindigkeit, die kein wirtschaftliches Fundament hatten. Schon Mitte der 1990er Jahre lebten etwa drei Viertel der Deutschen in Ost und West unter fast gleichen materiellen Bedingungen. Seither hat sich zwar die durchschnittliche materielle Annäherung der Haushalte verlangsamt, wiewohl inzwischen - unter Berücksichtigung fortbestehender regionaler Kaufkraftunterschiede - die durchschnittlichen realen ostdeutschen Haushaltseinkommen etwa 80 bis 85 Prozent des Westniveaus erreicht haben dürften. Noch bestehende und nur langfristig abschmelzende Unterschiede existieren insbesondere in der Verteilung des Vermögens und der hieraus resultierenden Einkommen. Aber selbst auf diesem Feld lässt sich eine erstaunliche relative Verbesserung für ostdeutsche Haushalte konstatieren: Ihre durchschnittlichen Geldvermögen stiegen in den vergangenen zwanzig Jahren von etwa einem Fünftel auf über die Hälfte des westdeutschen Niveaus. Werden die kapitalisierten Besitzansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen, erreichen Ostdeutsche - je nach Alter und Geschlecht - sogar etwa 70 bis 90 Prozent des westdeutschen Niveaus.[5]

Der durchschnittliche Lebensstandard ostdeutscher Haushalte hat sich sowohl im Ausstattungsgrad mit langlebigen Konsumgütern als auch bei den Wohnverhältnissen dem westdeutschen weitgehend angeglichen und ihn in einigen Bereichen sogar überholt. Jenseits der Betrachtung des Durchschnitts haben sich freilich auch die sozialen Differenzierungsmechanismen in Ost und West vereinheitlicht; in Ostdeutschland ist eine nach anderen Kriterien als zuvor materiell und sozial ausdifferenzierte Gesellschaft entstanden. Sie ist etwas - jetzt öffentlich sichtbar - ungleicher und vielfältiger und damit der westdeutschen ähnlicher geworden, aber es finden sich in ihr nach wie vor Überbleibsel alter Verhältnisse, die sich teils in das neue System einfügen, teils ihm fremd bleiben. Trotz der lebensgeschichtlichen Umbrüche, von denen die meisten Menschen betroffen waren, änderten sich die sozialen Hierarchien nach der Transformation nur wenig. Die in der DDR privilegierten Beschäftigtengruppen konnten, sei es als Arbeitnehmer, Selbstständige oder als Rentner, auch nach der Vereinigung ihre Vorrangstellung behaupten. Sie wurden seltener arbeitslos und waren weniger von sozialem Abstieg betroffen.[6] Durch die Währungsumstellung und die Sozialunion sicherten sie sich zudem ihre schon zu DDR-Zeiten vorhandenen überdurchschnittlichen Vermögen und vergleichsweise hohen Renten. Wie ungleich in der DDR die Einkommen und vor allem die Geldvermögen verteilt waren, wurde erst im Nachhinein deutlich - etwa 10 Prozent der Konteninhaber besaßen rund 60 Prozent des Geldvermögens.[7] Während die Anpassung der materiellen Verhältnisse an das "Westniveau" bei den unteren und mittleren sozialen Gruppen - insbesondere durch massive Sozialtransfers - weitgehend abgeschlossen ist, besteht im oberen Segment der Gesellschaft, also bei den einkommens- und vermögensstärksten 10 bis 20 Prozent, weiterhin ein erheblicher und wahrscheinlich nur langfristig zu schließender Wohlstandsgraben. Deutschland ist in den vergangenen zwanzig Jahren materiell von unten zusammengewachsen.

Obwohl auch nach zwei Jahrzehnten Marktwirtschaft die regionalen Wohlstandsdisparitäten wesentlich geringer sind als in Westdeutschland, erreichen und überholen einige ostdeutsche Regionen inzwischen ökonomisch schwache westdeutsche und liegen gleichzeitig deutlich über den schwächsten ostdeutschen. Eine hoch aggregierte Ost-West-Betrachtung übersieht, dass es im Westen immer schon große regionale Disparitäten gab, die im Ausmaß die heutigen im Ost-West-Verhältnis übertreffen. Auch nach der Wiedervereinigung differenzierte sich der Westen - sogar stärker als der Osten - regional weiter aus. So lag die maximale Einkommensdifferenz je Einwohner in den alten Bundesländern im Jahre 2006 bei knapp 90 Prozent, die in den neuen bei nur knapp 30 Prozent. Die Wohlstandsunterschiede zwischen Hamburg und Niedersachsen zum Beispiel fallen in etwa gleich hoch aus wie die zwischen den alten und den neuen Ländern, und selbst innerhalb der Länder existieren enorme regionale Unterschiede. Die Differenz zwischen dem ärmsten und dem reichsten Landkreis in Bayern betrug knapp 78 Prozent.[8]

Die ökonomischen Probleme des Transformationsprozesses nach dem Mauerfall verdanken sich in erster Linie der jahrzehntelangen Misswirtschaft im SED-Staat. Es wird aber auch deutlich, in welchem Maße ostdeutsche Unternehmen zusätzlich zu ihren schlechten Ausgangsbedingungen durch den gewählten Kurs der Währungsumstellung von 1:1 und vor allem durch die massiven Lohnerhöhungen unmittelbar vor und nach der Vereinigung in ihrer Wettbewerbsfähigkeit schwer beeinträchtigt wurden.[9] Da außerdem der Markt des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) gleichsam über Nacht zusammenbrach, konnten viele Betriebe trotz milliardenschwerer Subventionen nicht überleben. Viele Akteure mussten nach dem Ende der Planwirtschaft das marktwirtschaftliche Agieren erst erlernen und waren auf westdeutsche Berater angewiesen, die nicht immer das Wohl des Betriebes im Sinn hatten.

Die Vertreibung der wirtschaftlichen Eliten durch die SED und die Verstaatlichung auch mittlerer und kleiner Betriebe erwiesen sich nach 1990 als die größten Probleme Ostdeutschlands. Wie der unmittelbar nach dem Mauerfall einsetzende Gründungsboom eindrucksvoll belegt, war bei vielen Ostdeutschen indes die Bereitschaft vorhanden, unternehmerisch tätig zu werden. Seitdem hat sich eine neue Unternehmerschicht herausgebildet, die in kleinen und mittleren Betrieben des verarbeitenden Gewerbes die Mehrzahl der Arbeitnehmer - knapp 63 gegenüber gut 41 Prozent im Westen - beschäftigt. Inzwischen erreicht auch der Anteil der Selbstständigen an der erwerbstätigen Bevölkerung westdeutsches Niveau.

Die Transformation einer zentral geleiteten Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft konnte sich 1989/90 nicht an historischen Vorbildern orientieren und musste daher gleichsam aus dem Stand, aufgrund von wirtschaftstheoretischen Annahmen, erfolgen. Als naiv entpuppte sich schon bald die Vorstellung, allein die Übertragung von Institutionen und Ordnungsprinzipien würde marktwirtschaftliches Verhalten hervorbringen, denn dabei blieben die Mentalität der Akteure, ihre Erfahrungen und Erwartungen unberücksichtigt.[10] Erst allmählich spielte sich der Umgang mit der neuen Institutionenordnung in den ostdeutschen Betrieben und Verwaltungen ein, wenngleich immer noch, zumindest in rudimentärer Form, jahrzehntelang eingeübte Abläufe des sozialistischen Berufslebens nachwirken.

Die räumliche, ökonomische und soziale Modernisierung Ostdeutschlands vollzog sich binnen weniger Jahre - ein Prozess, der in der alten Bundesrepublik Jahrzehnte gedauert hatte. Dieser schnelle Wandel konnte zwangsläufig nicht ohne Brüche erfolgen, die aber in hohem Maß sozial abgefedert wurden. Gleichwohl belastete die im Vergleich zur Bundesrepublik deutlich höhere Arbeitslosigkeit die positiven Aspekte des Transformationsprozesses, worauf sich ostdeutsche Kritik an der Wiedervereinigung konzentrierte. Bis heute besteht das Hauptproblem der Vereinigung in der Massenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland, die zwar vordergründig aus der Vereinigung resultiert, ihre tiefen Wurzeln aber in der unterschiedlichen Erwerbsbeteiligung in den Jahrzehnten der Teilung hat. Während sich die Erwerbstätigenquote, also die Zahl derjenigen, die tatsächlich einer Erwerbsarbeit nachgehen, schon wenige Jahre nach dem Fall der Mauer annäherte, blieb die Erwerbsneigung, vor allem bei Frauen, unterschiedlich. Da westdeutsche Frauen in deutlich höherem Maße weiterhin teilzeitbeschäftigt sind und Vollzeitbeschäftigte im Gegensatz zu ihren ostdeutschen Geschlechtsgenossinnen nach der Geburt von Kindern ebenfalls Teilzeitarbeit präferieren, könnten sich die unterschiedliche Erwerbsneigung und damit unterschiedlich hohe Arbeitslosenquoten zukünftig fortsetzen.[11]

Schnelle Angleichung und fortbestehende Unterschiede

Zentrale Resultate des Wiedervereinigungsprozesses sind sowohl der schnelle materielle Angleichungsprozess als auch die fortbestehenden sozialen und mentalen Unterschiede zwischen Ost und West, die aus systembedingten Nachwirkungen resultieren, auch wenn sich Haushaltsstrukturen und Haushaltsformen angeglichen haben. Der schon zu DDR-Zeiten hohe Anteil nichtehelich geborener Kinder und alleinerziehender Mütter stieg in den ostdeutschen Ländern weiter an und übertrifft derzeit das westdeutsche Niveau erheblich. Ursächlich hierfür sind wahrscheinlich die Scheu vor der Eheschließung aufgrund hoher Kosten einer möglichen Scheidung, bessere Sozialleistungen für Alleinerziehende und der geringe Anteil religiös eingestellter Personen.

Im Paarungsverhalten sind systembedingte Unterschiede weitgehend entfallen. Inzwischen ähneln sich Heirats- und Erstgeburtenalter von Frauen in beiden Landesteilen. Die stark gefallene Geburtenrate Anfang der 1990er Jahre verdeckte darüber hinaus, dass ostdeutsche Frauen vieler Jahrgänge im Vergleich zu westdeutschen mehr Kinder zur Welt brachten. Inzwischen liegen die Geburtenziffern in etwa auf gleichem Niveau; im vergangenen Jahr übertraf die ostdeutsche erstmalig nach der Wiedervereinigung die westdeutsche. Durch Abwanderung hat sich jedoch das durchschnittliche Alter der Bevölkerung in Ostdeutschland stark erhöht und liegt inzwischen über dem in Westdeutschland.

Die rasche Verbesserung der Ernährungssituation, der medizinischen Versorgung und der Umwelt führten in kurzer Zeit selbst bei älteren Jahrgängen zur Annäherung der Lebenserwartung, die zum Ende der DDR noch etwa drei Jahre geringer ausgefallen war. Diese positive Entwicklung sowie der überproportionale Rückgang der Suizidrate werden bei der Betrachtung des Vereinigungsprozesses zumeist übersehen. Entgegen finsterer Stimmungsbilder scheint die Lebensfreude Ostdeutscher nach dem Fall der Mauer eher gestiegen als gesunken zu sein. Trotz des schnellen materiellen Angleichungsprozesses zeigen sich Ostdeutsche unzufriedener mit dem Leben als Westdeutsche. Sie vergleichen ihre derzeitige Situation nicht mit den Zuständen in der DDR der 1980er Jahre oder mit der Situation in den ehemaligen sozialistischen Bruderländern, sondern mit dem - von ihnen zumeist überschätzten - Wohlstand im Westen. Das rasch Gewonnene wird von vielen gering geschätzt, vieles Verlorene nostalgisch verklärt.

Werden die individuellen Wohlstandsgewinne wenigstens zum Teil positiv gesehen, blenden viele die Rundumsanierung der alten DDR-Zustände aus. Durch den Einsatz mehrerer hundert Milliarden Euro wurde die Umwelt saniert, die marode Infrastruktur in Gestalt verfallender Häuser, zerschlissener Straßen und Schienen modernisiert sowie das Gesundheitswesen und die Telekommunikation auf den modernsten technischen Stand gebracht. Die negativen Hinterlassenschaften der DDR und ihre schnelle Beseitigung finden bisher noch keinen Platz im kollektiven Gedächtnis vieler Ostdeutscher. Die Verdrängungsleistung geht bei vielen so weit, dass sie zum Beispiel beim Betrachten von Bildern über Häuser und Straßenzüge, die einer Ruinenlandschaft gleichen, die seinerzeitige Realität bestreiten. Gerade der direkte Vergleich von Häusern, Straßenzügen, Plätzen, Straßen oder Bahnhöfen von vor 1990 und danach demonstriert den enormen positiven Wandel der äußeren Verhältnisse. Ja es sind blühende Landschaften entstanden, nicht nur in der Natur!

Ostdeutsche Nostalgiker färben die tristen DDR-Verhältnisse schön und verschweigen zudem die umfassenden Modernisierungsleistungen in den ostdeutschen Ländern. Vor allem aber werden die hohen Kosten für die Beseitigung der Hinterlassenschaften der SED-Diktatur ausgeblendet oder banalisiert. Nicht zuletzt durch das Fehlen eines sich selbst tragenden Wirtschaftsaufschwungs und die konsequente Fortführung einer konsumorientierten Vereinigungspolitik summieren sich die Vereinigungskosten bis 2009 auf etwa 1,6 Billionen Euro netto, wobei der Löwenanteil auf soziale Leistungen entfällt.[12] Diesen kaum vorstellbaren Betrag hielten selbst die größten Skeptiker der Vereinigung seinerzeit nicht für möglich. Da der größte Teil der Vereinigungskosten gesetzlich festgelegt und nur ein kleiner Teil variabel ist - derzeit vor allem im Rahmen des Solidarpakts II und einiger Sondermaßnahmen -, werden auch zukünftig jährlich etwa 80 Milliarden Euro in die ostdeutschen Länder fließen.

Die West-Ost-Transfers werden überwiegend vom westdeutschen Steuer- und Sozialbeitragszahler sowie durch künftigen Generationen aufgebürdete Schulden aufgebracht. Um die Höhe der Vereinigungskosten zu verschleiern, entschloss sich die damalige Bundesregierung, den größten Teil der notwendigen Transfers auf die Sozialkassen abzuwälzen. Dies belastete aber nicht nur die einzelnen Zweige der Sozialversicherung, sondern erhöhte die Lohnnebenkosten, was sich wiederum dämpfend auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auswirkte. Durch die Finanzierung der Einheit erhöhten sich die Sozialbeiträge je Arbeitnehmer im Westen insgesamt um knapp sechs Prozentpunkte. Die gewaltige Dimension der Sozialtransfers wird durch einen Blick auf die Höhe der ohne Transfers notwendigen Sozialbeiträge für ostdeutsche Arbeitnehmer sichtbar: Sie würden knapp die Hälfte des Bruttolohns betragen.[13] Entsprechend liegt die Sozialleistungsquote, der Anteil der Sozialleistungen am Bruttosozialprodukt, in Ostdeutschland auf einem historisch und international einmaligen Niveau von etwa 50 Prozent.

Die Finanzierung der deutschen Einheit durch Sozialversicherungskassen und Bundessteuern belastet weit überdurchschnittlich Arbeitnehmer, die über ein sozialversicherungspflichtiges Einkommen zwischen monatlich 3500 und 6000 Euro verfügen. Sie sind die Hauptfinanciers der Einheit. Andere soziale Gruppen wie Beamte und Selbstständige, die nicht sozialbeitragspflichtig sind, sind von den Transfers nur unterdurchschnittlich stark betroffen.

Das neue Deutschland

So schnell und erfolgreich die "äußere Einheit" nach 1990 hergestellt wurde, so schleppend verläuft der Prozess der "inneren Einheit": das Zusammenwachsen der Deutschen. Insgesamt hat sich die politische und mentale Spaltung zwischen den beiden Teilgesellschaften im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre eher verfestigt als verflüchtigt. Die neuen Institutionen sind vielen Ostdeutschen fremd geblieben. Die Ernüchterung über die Realität führte nicht nur bei Ewiggestrigen zu einer Renaissance sozialistischen Gedankenguts, wonach die kapitalistische Bundesrepublik von sozialer Kälte beherrscht werde, auch ostdeutsche Normalbürger sahen sich als vom Westen bzw. vom Kapitalismus unterdrückt und ausgebeutet. Hiervon profitierte vor allem die erst in PDS und jetzt in "Die Linke" umbenannte SED, die bei Wahlen ihren relativen Stimmenanteil in Ostdeutschland verdoppeln konnte und sich nicht zuletzt durch die Popularität von Oskar Lafontaine auch im Westen ausbreitete.

Mit der praktizierten Demokratie zufrieden äußerte sich im Jahre 2009 nur gut jeder dritte Ostdeutsche; eine gute Meinung über das Wirtschaftssystem hatte nur gut jeder vierte. Doch auch unter Westdeutschen bröckelt die Zustimmung. Während zu Beginn der Vereinigung etwa 80 bzw. 60 Prozent mit Demokratie und Wirtschaftssystem einverstanden waren, verringerten sich die Anteile auf 76 bzw. 43 Prozent. Diesen Ergebnissen entspricht die Quote derjenigen, die davon ausgehen, dass die Demokratie prinzipiell die Probleme in Deutschland lösen kann. Diese Annahme teilen knapp zwei Drittel in den alten und etwa jeder Dritte in den neuen Ländern. Es besteht also weiterhin eine beträchtliche Differenz zwischen Ost und West in der Beurteilung der politischen Ordnung und des Wirtschaftssystems.[14] Einige Jahre zuvor lagen - unter dem Eindruck des konjunkturellen Einbruchs - die Zustimmungsraten sowohl im Osten als auch im Westen sogar noch deutlich niedriger. So glaubten 2007 nur jeder knapp jeder Zweite im Westen und jeder Vierte im Osten, dass die Demokratie fähig sei, Probleme zu lösen. Eine ähnliche Tendenz ist bei den Antworten auf die Frage, ob die Gesellschaftsordnung verteidigenswert ist, zu erkennen. Die Anteile derjenigen, die dies bejahten, stiegen zwischen 2005 und 2009 im Westen von 55 auf 68 Prozent und im Osten von 32 auf 37 Prozent. Dahinter verbirgt sich eine nicht unbeträchtliche Zahl von Personen in beiden Landesteilen, die Deutschland offenbar als "Wohlstandsdemokratie" betrachtet.

Trotz aller Kritik im Detail und einem Unbehagen an der Einheit generell ist sich jedoch eine sehr breite Mehrheit in den östlichen und eine Mehrheit in den westlichen Bundesländern darin einig, die Wiedervereinigung eher mit Freude als mit Sorge zu betrachten. Zurück in die reale Vergangenheit will im Osten nur eine kleine Minderheit, etwa jeder Zehnte. Die anderen, die zur nostalgischen Verklärung der DDR neigen, sehnen sich nach einer im Nachhinein konstruierten und idealisierten Gesellschaft zurück, die ihnen das verlorene Vertraute zumindest in den Träumen wiedergibt.[15] Anders sieht es im Westen aus: Hier beurteilt eine absolute Mehrheit die Zeit vor 1989 besser als die Zeit nach der Wiedervereinigung. Die Dimension von "Westalgie" übertrifft - von der Öffentlichkeit kaum beachtet - insofern die der "Ostalgie".

Eine breite Mehrheit der Ostdeutschen möchte die heutigen Lebensverhältnisse nicht missen und keineswegs mehr mit denen in der DDR tauschen, aber sie fühlen sich oft von ihren Landsleuten missverstanden. Sie beklagen insbesondere eine fehlende Anerkennung ihrer Lebensleistung, die jedoch weder bezogen auf West- noch auf Ostdeutsche pauschal erfolgen kann. Es geht um die individuelle Lebensleistung, der Anerkennung gebührt, keineswegs um die Gleichsetzung von System und Lebenswelt. Gerade an dieser Differenzierung mangelte es in den vergangenen zwanzig Jahren. Westdeutsche rechneten sich die Überlegenheit ihres Systems zu und werteten gleichzeitig Ostdeutsche gemeinsam mit ihrem System ab. Erst wenn dieses Missverständnis ausgeräumt ist, kann das Zusammenwachsen ohne individuelle oder sogar kollektive Kränkungen gelingen. Dabei darf jedoch die notwendige Delegitimierung des SED-Regimes, der sozialistischen Diktatur, nicht zugunsten individueller Lebensleistungen aufgegeben werden. Ansonsten geht die zweite Säule des wiedervereinigten Deutschlands verloren: das Bekenntnis zu einer freiheitlich-demokratischen, mithin zivilen Gesellschaft.
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Fußnoten

1.
Vgl. Klaus Schroeder, Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft, München 1998; ders., Das neue Deutschland, Berlin 2010 (i.E.); Susanne Müller, Von der Mangelwirtschaft zur Marktwirtschaft, Berlin 2000.
2.
Vgl. Joachim Gürtler/Wolfgang Ruppert/Kurt Vogler-Ludwig, Verdeckte Arbeitslosigkeit in der DDR. Ifo-Studien zur Arbeitsmarktforschung 5, München 1990.
3.
Vgl. das so genannte "Schürer-Papier", abgedruckt in: Deutschland Archiv, (1992) 10, S. 1112ff., und das Interview mit Günter Mittag in: Der Spiegel, (1991) 37, S. 104ff.
4.
Vgl. Wilma Merkel/Stefanie Wahl, Das geplünderte Deutschland, Bonn 1991; Oskar Schwarzer, Sozialistische Zentralplanwirtschaft in der SBZ/DDR, Stuttgart 1999.
5.
Vgl. Andreas Ammermüller et al., Die Entwicklung und Verteilung des Vermögens privater Haushalte unter besonderer Berücksichtigung des Produktivvermögens, Mannheim 2005.
6.
Vgl. Karl-Ulrich Mayer/Martin Diewald, Kollektiv und Eigensinn. Die Geschichte der DDR und die Lebensverläufe ihrer Bürger, in: APuZ, (1996) 46, S. 8ff.
7.
Vgl. Monika Deutz-Schroeder/Klaus Schroeder, Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - ein Ost-West-Vergleich, Stamsried 2008, S. 412ff.
8.
Vgl. Klaus Schroeder, Ostdeutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall - eine Wohlstandsbilanz. Gutachten für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Berlin 2009, S. 129.
9.
Vgl. Klaus Schroeder, Die veränderte Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung, Stamsried 2006, S. 165ff., S. 199ff.
10.
Vgl. Robert Böhmer, Der Geist des Kapitalismus und der Aufbau Ost, Dresden 2005.
11.
Vgl. Christina Klenner, Wer ernährt die Familie? Erwerbs- und Einkommenskonstellationen in Ostdeutschland, in: WSI-Mitteilungen, (2009) 11.
12.
Vgl. K. Schroeder (Anm. 8), S. 188ff.
13.
Vgl. Martin Koller, 15 Jahre nach dem Fall der Mauer: Einkommen und Finanzkraft in Deutschland, Ms., Nürnberg 2004.
14.
Vgl. das Kapitel "Die politische und mentale Spaltung Deutschlands", in: K. Schroeder, Das neue Deutschland (Anm. 1).
15.
Vgl. Monika Deutz-Schroeder/Klaus Schroeder, Oh, wie schön ist die DDR. Kommentare und Materialien zu den Ergebnissen einer Studie, Schwalbach/Ts. 2009.

Dossier

Deutsche Teilung - Deutsche Einheit

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

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