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19.7.2010 | Von:
Rolf Reißig

Von der privilegierten und blockierten zur zukunftsorientierten Transformation

Besonderes deutsches Transformations- und Einheitsmuster

Der Systemwechsel in und die Transformation der DDR waren durch ein Bündel von Gemeinsamkeiten mit den anderen 28 postsozialistischen Ländern Mittelosteuropas gekennzeichnet. Doch ist das deutsche Transformations- und Einheitsmusters zugleich durch eine Reihe spezifischer Prämissen und Merkmale zu charakterisieren:

  • Die DDR-Transformation vollzog sich unter den Bedingungen einer Staatsauflösung und eines Beitritts zu einem "Fertig-Staat" (ready-made-state), d.h. eines Beitritts zu einer alles in allem stabilen Demokratie und funktionierenden Marktwirtschaft. Die Transformation Ostdeutschlands und die Integration der neuen Bundesländer in die Bundesrepublik sind eng miteinander verknüpft und bilden zwei Seiten derselben Medaille.
  • Für die Lösung der Transformationsprobleme Ost sind mit der Bundesrepublik West das Modell und die Ressourcen gegeben. Transformation Ost bedeutet in diesem Fall Institutionen-, Eliten- und Ressourcentransfer von West- nach Ostdeutschland, Einschwenken auf den Entwicklungspfad West, nachholende Modernisierung.
  • Kontinuität und Stabilität der "alten" Bundesrepublik hatten Vorrang vor möglichen Übergangsregeln, Experimentierklauseln, Neuerungen in Ost sowie Wandlungen und Reformen in West und der sich formierenden gesamtdeutschen Bundesrepublik. Reformen würden in dieser Situation nur die Risiken, Ambivalenzen und Kosten der Transformation und Einheit erhöhen.
Die Transformation Ostdeutschlands und die Herstellung der deutschen Einheit waren daher durch spezifische Referenzmaßstäbe geprägt:

  • Einer kurzen, auch schmerzhaften Übergangsphase sollten ein selbsttragender Wirtschaftsaufschwung in Ostdeutschland sowie gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland folgen.
  • Dieser Prozess würde von wachsendem Zufriedenheits- und Zukunftspotenzial sowie von rasch zunehmendem Systemvertrauen in der ostdeutschen Bevölkerung begleitet werden.
  • Der Anpassung würde schließlich die Angleichung der Einstellungen und Werteorientierungen, also der politischen Kultur der Ost- an die der Westdeutschen folgen und damit die "innere Einheit" vollenden.
Die "neue" gesamtdeutsche Bundesrepublik würde so durch den Beitritt der ostdeutschen Länder die vergrößerte und erfolgreiche "alte" sein. Die ostdeutsche Transformation galt national und international als privilegierter Fall, denn alles, was gebraucht wurde, war schon da und erprobt - in Westdeutschland. Die Westdeutschen wollten, dass alles so bleibt wie es war; die Mehrheit der Ostdeutschen wollte, dass alles so wird, wie es in Westdeutschland ist.


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