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19.7.2010 | Von:
Rolf Reißig

Von der privilegierten und blockierten zur zukunftsorientierten Transformation

Kulturell-mentale Transformation

Einheit und Transformation durch Beitritt zum westdeutschen Modell des Wohlfahrtsstaates, der liberalen Demokratie und des Sozialtransfers sollte den Ostdeutschen auch den Weg zur kulturell-mentalen Integration ("innere Einheit") erleichtern. Doch zeigte sich bald, dass dieser Weg mit enormen kulturell-mentalen Umstellungs- und Anpassungsleistungen verbunden war und ist.

Die Ostdeutschen hatten nicht nur einen einmaligen System-, sondern zugleich einen tief greifenden Kulturbruch zu verarbeiten. Von heute auf morgen fand eine grundlegende Umbewertung aller vormals geltenden gesellschaftlichen Leitorientierungen, Normen, Werte und Symbole statt. Über vielfältige berufliche, private und lebensweltliche Brüche und Krisen haben die Ostdeutschen mehrheitlich diesen Kulturbruch in den vergangenen zwanzig Jahren alles in allem individuell verarbeitet. Allerdings auf eigentümliche und oft auch auf unvorhergesehene Art und Weise: Sie bejahen in ihrer großen Mehrheit den Systemwechsel, die neue politische Ordnung, die Demokratie als Staatsform und die deutsche Einheit. Die entsprechenden Annahmen von 1989/90 fanden hier ihre Bestätigung. Doch andererseits bezeichnen lediglich rund 30 Prozent der Ostdeutschen die neue Gesellschaft als "gerecht",[3] und nur rund 23 Prozent fühlen sich als "richtige Bundesbürger".[4] Mehr als 60 Prozent sehen sich gar - und dies seit Jahren relativ konstant - als "Bürgerinnen und Bürger 2. Klasse".[5] Offensichtlich haben sich gerade unter Ostdeutschen Desintegrations- und Benachteiligungsgefühle (wie berechtigt sie auch immer sein mögen) verfestigt, wohl auch, weil sie sich nach ihrer Selbstbefreiung nicht auf dem "Siegerpodium" wiederfanden, wie der Münchener Historiker Christian Meier unlängst feststellte.[6]

Gesellschaftliche Einheit erfordert daher zum einen "soziale Einheit", zum anderen aber und vor allem eine Kultur wechselseitiger "Anerkennung" (Lebensleistungen, Erfahrungen, Eigen-Sinn) und eines "Dialogs unter Gleichen". Dass hier vielfältige Versäumnisse, Missverständnisse im deutschen Einigungsprozess vorliegen, wird kaum noch bestritten. Doch sollten die Ostdeutschen nicht auf "Besserung" von oben warten oder sich zurückziehen, sondern sich aktiv und selbstbewusst gerade mit ihren einzigartigen Umbrucherfahrungen und ihren sozialen Werteorientierungen in die öffentlichen Debatten einbringen. Dazu gehört aber auch, die unterschiedlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen der Westdeutschen noch besser verstehen zu lernen, wie diese wiederum die der Ostdeutschen. Eine Akzeptanz kulturell-mentaler Verschiedenheit ist eine Bereicherung, keine Gefährdung eines solidarisch-pluralistischen Gemeinwesens.

Fußnoten

3.
Quelle: Forsa-Umfrage 1989-2009, in: Berliner Zeitung vom 2.1.2009, S. 2.
4.
Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum (Hrsg.), Sozialreport 2008, Berlin 2008.
5.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Deutsche Zustände. Folge 7, Frankfurt/M. 2009, S. 13-49.
6.
Vgl. Christian Meier, Abbruch einer Ordnung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.5.2010, S. 7.

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