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19.7.2010 | Von:
Rolf Reißig

Von der privilegierten und blockierten zur zukunftsorientierten Transformation

Paradigmenwechsel

Das bisherige Entwicklungsmodell, der bisher und lange Zeit erfolgreiche Pfad wirtschaftlicher, sozialer, kultureller Entwicklung, ist seit Längerem an seine gesellschaftlichen und natürlichen Grenzen gestoßen. Seit Ende der 1970er, spätestens seit den 1980er und 1990er Jahren befinden sich die verschiedenen fordistisch-industriellen Wirtschafts- und Sozialmodelle (geprägt durch ungebrochenes Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, Produktivitäts- und Reallohnsteigerung, Massenkonsum und politische Stabilität) im Umbruch.[7] Es geht um Wege zu einem neuen Entwicklungsmodell und -pfad, um Wege in eine soziale, solidarische und ökologische Moderne.[8]

Kein Land hat diesen erforderlichen Wandel schon nachhaltig vollzogen. Die Transformation Ostdeutschlands und die deutsche Einheit fielen eben nicht mehr in die Phase fordistischer Prosperität, sondern in eine Umbruchphase von globaler und europäischer Dimension. 1989/90 konnte aus unterschiedlichen Gründen ein solcher wirtschaftlicher und sozialer Modell- und Pfadwechsel nicht in Angriff genommen werden und wurde "vertagt" - mit Folgewirkungen für Ost und West und das vereinte Deutschland. So wurde ein Produktions-, Sozial- und Kulturmodell fortgeführt (Westdeutschland) und übernommen (Ostdeutschland), das zum Zeitpunkt der deutschen Vereinigung seine Erfolgsgeschichte schon hinter sich hatte und dessen Funktionsweisen bereits erodierten. Das führte, wie gezeigt, in Ostdeutschland dennoch zu wichtigen Entwicklungen und Ergebnissen und hat die Stärke und Robustheit der "alten" Bundesrepublik manifestiert, aber die der "neuen" zugleich blockiert, strukturell und mental.

Der Modus der Transformation und ein Angleichungsprozess als übergeordnete Zielvorstellung haben ihre Potenziale ausgereizt. Es geht beim "Aufbau Ost" nun nicht mehr so sehr um eine Zeitverschiebung (von ursprünglich zehn, über 20 oder 30 bis zu nun diskutierten 50 oder gar 60 Jahren), um kleinere Korrekturen und modifizierte Instrumente des strukturellen Wandels, sondern um einen tief greifenden, anderen Wandel. Der sozial-ökologische Umbauprozess ist die grundlegende Herausforderung für Ost und West und kann nur gemeinsam ge- oder misslingen.

Fußnoten

7.
Vgl. Martin Baethge/Peter Bartelheimer, Deutschland im Umbruch, in: Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland, Wiesbaden 2005, S. 11-37.
8.
Vgl. Rolf Reißig, Gesellschafts-Transformation im 21. Jahrhundert. Ein neues Konzept sozialen Wandels, Wiesbaden 2009.

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