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19.7.2010 | Von:
Rolf Reißig

Von der privilegierten und blockierten zur zukunftsorientierten Transformation

Ostdeutschland auf neuem Entwicklungspfad?

Nachdem offensichtlich geworden ist, dass Ostdeutschland nicht mehr werden kann, wie Westdeutschland früher war, bedarf es eines Perspektivenwechsels und zu seiner Voraussetzung einer Diskurswende. Denn die Fortsetzung des Aufholjagd- und Angleichungsszenarios, das nie das Ziel zukunftsfähiger Entwicklung erreichen wird, lähmt die Kräfte und führt zu Resignation und Depression wie auf der anderen Seite das Niedergangsszenario, das den Osten abschreibt und ihn als deutsches Mezzogiorno sieht. "Ostdeutschland" und "Zukunft" sind auf neue Art zusammenzudenken und zusammenzuführen. Die neue Leitfrage lautet: Wie kann sich Ostdeutschland, wie können sich seine Regionen dem "doppelten Umbruch" (Folgen der postsozialistischen Transformation und Herausforderungen des postmodernen Umbruchszenarios) stellen und Wege zu einem zukunftsfähigen, sozial und ökologisch geprägten Entwicklungspfad und -modell finden?

Maßstab und Meßlatte gelingender Transformation und Vereinigung sind nicht mehr so sehr das "Auf- und Einholen", nicht mehr primär die gängigen quantitativen Ost-West-Vergleiche, sondern ein "selbsttragender, dynamischer Entwicklungs- und Zukunftspfad", sind "Modernität" und "Modernisierung", "Innovation", "Entwicklungs- und Zukunftspotenziale", "Handlungs- und Teilhabechancen" sowie "soziale und kulturelle Lebensqualität". Dabei müssen die ostdeutschen Regionen vor allem die eigenen Ressourcen und Zukunftspotenziale[9] mobilisieren, ihre Stärken stärken und ihr spezifisches Profil im Europa der Regionen finden. Hier besitzt Ostdeutschland durchaus Standortvorteile: So sind die ostdeutschen Länder führend bei der Stromerzeugung aus regenerativen Energien. Sie könnten bei der weltweit erforderlichen Energiewende eine wichtige Rolle spielen und - gestützt auf ein Netz kleinerer und mittlerer Unternehmen - neue Lösungen gerade auch "von unten" einbringen. Damit ließen sich neue Märkte erschließen, statt den gesättigten (vergeblich) hinterher zu laufen. So könnte eine endogene Innovation, eine Selbst-Transformation in Gang gesetzt werden.

Systematische Entwicklung der ostdeutschen Zukunftspotenziale heißt auch Stärkung der produktiven Formen der Kooperation und Vernetzung zwischen den kleinen und mittleren Unternehmen und zwischen diesen und den regionalen Forschungseinrichtungen; heißt Förderung einer Regionalentwicklung, in der die jeweils ganz unterschiedlichen Ansätze und Entwicklungspotenziale in den Regionen (z.B. sozialökologische Neuindustrialisierung, ökologische Landwirtschaft, Kultur, Tourismus) zum Ausgangspunkt von Innovation und Entwicklung werden.

In diesem Sinne ist die Zukunft des "Ostens" heute vielleicht offener als zu Beginn des Systembruchs 1989/90 und der Transformation. Jedoch ist die Rolle Ostdeutschlands, der neuen Bundesländer und Regionen in diesem Entwicklungsszenario nicht mehr von Vornherein die des "Nachzüglers" (nachholende Modernisierung), aber natürlich auch nicht die der "Avantgarde" und des "Modells" (gelungene postsozialistische Transformation). In dieser neuen Umbruchsituation stößt man in den ostdeutschen Räumen sowohl auf Nachholendes und Konservierendes wie auch auf Vorangehendes, Innovatives und Zukunftsfähiges. Ostdeutschland und seine Regionen suchen und finden angesichts des doppelten Umbruchs erste Antworten auf die neuen Herausforderungen: bei der Gestaltung von qualitativem Wachstum bei gleichzeitiger Stagnation und Schrumpfung; beim Stadtumbau; bei der Energiewende; beim Umbau der Arbeitsgesellschaft und der neuen Verfasstheit der Erwerbsarbeit; bei der Nutzung des Sozialkapitals für nachhaltige Entwicklung; bei der Entwicklung und Gestaltung regionaler Räume durch Reorganisations- und Selbstorganisationsprozesse der Gesellschaft von unten. Chancen und Risiken liegen dicht beieinander. Doch nur durch das Einschwenken auf diesen neuen Entwicklungspfad könnte sich ein dauerhafter Erfolg für Ostdeutschland einstellen.

Dabei gibt es angesichts der Komplexität und neuen Differenziertheit in und zwischen den Regionen und lokalen Räumen nicht mehr die eine "ostdeutsche" Antwort auf die Vielfalt der spezifischen Lagen, Probleme und Herausforderungen. Auch deshalb haben die ostdeutschen Länder und viele ihrer Regionen inzwischen eigene, spezifische Leitbilder und Strategiekonzepte mit Blick auf das Jahr 2020 erarbeitet. Transformation und Einheit sind heute - auf der Grundlage der erreichten Ergebnisse und gewonnenen Erfahrungen - zugleich neu zu denken und zu gestalten:

  • Von der einseitigen Angleichungsperspektive Ost an West zur gemeinsamen Gestaltung eines zukunftsfähigen, neuen Deutschlands unter Nutzung der Stärken, Erfahrungen und Zukunftspotenziale des "alten Westens" wie der für die Zukunft relevanten spezifischen ostdeutschen Erfahrungen und Potenziale der vergangenen Jahrzehnte.
  • Das Zusammenwachsen erfolgt durch Zusammen(Ost-West-gemeinsam)-Wachsen.
  • Die Einheit wird auch mit ihren sozial-strukturellen und regionalen Unterschieden sowie soziokulturellen Verschiedenheiten akzeptiert, die das vereinte Deutschland immer weniger trennen, sondern auf neue Weise zugleich verbinden.

Fußnoten

9.
Vgl. Michael Thomas, Ostdeutsche Zukunftspotenziale - oder: Wie man das Rad doch noch einmal neu erfinden muss, Ms., Berlin 2010.

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