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19.7.2010 | Von:
Michael C. Burda

Wirtschaft in Ostdeutschland im 21. Jahrhundert

Die Entwicklung der ostdeutschen Wirtschaft wird – umrahmt von langsamem Abschwung und von Entvölkerung – von räumlichen Lichtblicken der Stabilisierung oder sogar von Wachstumspolen gekennzeichnet sein.

Einleitung

Zwanzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung gleicht die wirtschaftliche Situation Ostdeutschlands dem sprichwörtlichen Wasserglas, das gleichzeitig halb voll und halb leer ist. Es gibt wohl kaum eine vergleichbare Episode des Wirtschaftswachstums und der Konvergenz. Auch kann man sich kaum eine entmutigendere Herausforderung vorstellen als die, vor der die deutschen Politiker Anfang der 1990er Jahre standen: Der Lebensstandard im Osten musste rasch angehoben werden, um zu verhindern, dass die Einwohner ihre Region scharenweise verlassen. Gleichzeitig sollte Ostdeutschland neue Investitionen aus wohlhabenderen Teilen der Welt anziehen. Es waren die jungen, gebildeten und produktiven Eliten, die ihre Heimat als Erste verließen. Ihr Verschwinden bedeutete für Ostdeutschland einen drohenden Verlust an Attraktivität sowohl für westdeutsche und internationale Investoren als auch für die Daheimgebliebenen. De facto gab es keine wirtschaftliche Alternative zur deutschen Vereinigung.

Für die Wirtschaftswissenschaft kam es zu neuen Fragestellungen. Robert Barro aus Harvard prophezeite, es werde 35 Jahre dauern, bis der Osten die Hälfte der 70-prozentigen Produktivitätslücke zum Westen aufholen würde.[1] Diese Voraussage, die sich auf bemerkenswert robuste ökonometrische Ergebnisse aus den USA, Westeuropa und Japan stützte, stellte sich als wenig zutreffend heraus, es sei denn, man ignoriert die starken Produktivitätsanstiege der Jahre 1991 bis 1994. Des Weiteren bedeutete diese Annahme, dass Ostdeutschland eines Tages eine Kopie des Westens sein würde; paradoxerweise bestimmten die Ausgangsbedingungen und der Anpassungspfad den gleichgewichtigen Endpunkt des Systems - was wiederum bedeutet, dass dieser nicht eindeutig festgelegt sein würde. Anfang der 1990er Jahre sagte ich voraus, die ostdeutsche Wirtschaft könne im Jahr 2020 hoch industrialisiert sein wie die Region um Dresden-Leipzig-Halle im späten 19. Jahrhundert; ebenso könnten die neuen Bundesländer aber auch einen riesigen Nationalpark bilden, der Biodiversität von Flora und Fauna, einschließlich des legendären "Ossi", gewidmet.[2] Diese Spannbreite möglicher Endzustände der ostdeutschen Wirtschaft hat vermutlich das Handeln der Regierung Kohl geleitet, das deutlich entschlossener war als das ihrer wirtschaftspolitischen Berater.[3]

Fußnoten

1.
Vgl. Robert Barro, Eastern Germany's Long Haul, in: The Wall Street Journal vom 3.5.1991.
2.
Vgl. Michael Burda/Charles Wyplosz, Labor Mobility and German Integration: Some Vignettes, in: Horst Siebert (ed.), The Transformation of Socialist Economies, Tübingen 1992.
3.
Karl-Heinz Paqué zitiert Aufsätze des Sachverständigenrats sowie der Bundesbank, die sich vehement gegen die Wirtschafts- und Währungsunion aussprachen: vgl. Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der Deutschen Einheit, München 2009. Frühe wirtschaftliche Analysen: George Akerlof et al., East Germany In From the Cold: The Economic Aftermath of Currency Union. Brookings Papers on Economic Activity, Washington, DC 1991; Michael Burda, Capital Flows and the Reconstruction of Eastern Europe: The Case of the GDR after the Staatsvertrag, in: Horst Siebert (ed.), Capital Flows in the World Economy, Tübingen 1991; Hans-Werner Sinn/Gerlinde Sinn, Kaltstart, München 1991; Irwin Collier/Horst Siebert, The Economic Integration of Post-Wall Germany, in: American Economic Review, 81 (1991), S. 196-201; Rüdiger Dornbusch/Holger Wolf, Eastern German Economic Reconstruction, in: Olivier Jean Blanchard/Kenneth A. Froot/Jeffrey D. Sachs (eds.), The Transition in Eastern Europe, Vol. I, Chicago 1994.

Dossier

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