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19.7.2010 | Von:
Rüdiger Thomas

Deutsche Kultur im Einigungsprozess

Erbe der Klassik

Nach der bedingungslosen Kapitulation, die zugleich eine Befreiung vom Joch der Diktatur darstellte, begann ein doppeltes, von den Siegermächten bestimmtes Experiment: die Demokratiegründung im Westen und der oktroyierte sowjetsozialistische Weg im Osten. Der Kalte Krieg wurde in Europa vor allem als ideologischer Fundamentalkonflikt ausgetragen, der in der Kultur deutliche Spuren hinterließ. Der wichtigste gemeinsame Bezugspunkt für das gesellschaftliche Bewusstsein der Deutschen war in dieser Periode der politischen Konfrontation das kulturelle Erbe.

Vor allem die Klassik hatte im ersten Nachkriegsjahrzehnt jenseits der ideologischen und systempolitischen Grenzen für Anknüpfungspunkte gesorgt. So waren das Goethejahr 1949 und das Schillerjahr 1955 kulturelle Ereignisse, die durch Thomas Manns Präsenz im Osten und Westen Deutschlands die Gemeinsamkeiten der deutschen Kultur symbolisch eindrucksvoll unterstrichen. Thomas Mann erwies sich als konsequenter Verfechter der Einheit aus dem Geist der Kultur, als er am 3. April 1955 in Weimar formulierte: "Möge das Schiller-Jahr 1955 dazu dienen, die Einheit unseres Vaterlandes und seiner humanistischen Kultur im Gedanken und in der Tat zu stärken! (...) Möge das poetische Feuer des Patriotismus, das in Schiller glühte und in seinen Werken weiterlebt, die Herzen der deutschen Jugend begeistern und entflammen!" Es mutet im Rückblick merkwürdig an, dass DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl seine Festrede unter die Überschrift stellte, die 1989 zum Motto des Vereinigungswillens der Ostdeutschen werden sollte: "Wir sind ein Volk!"[1]

Anlässlich der Schiller-Ehrung 1959 reklamierte Kulturminister Alexander Abusch das Vermächtnis Schillers als Alleinbesitz der DDR - ein eigentümliches kulturpolitisches Pendant zum politischen Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik: "Unser erster Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden ist zum Treuhänder von Schillers Erbe für die ganze deutsche Nation geworden."[2] Als Vorbilder für diese "Nationalkultur" wurden in einem programmatischen Aufsatz, der im November 1960 in der SED-Zeitschrift "Einheit" erschien, "Goethes Faust, Schillers Tell und Lessings Nathan, Beethovens Fidelio und Mozarts Figaro, Dürers Mutter und Menzels Eisengießer"[3] genannt. Jenseits solcher ideologischen Vereinnahmung war die seit 1955 erschienene, seit 1964 vom Aufbau-Verlag Berlin-Weimar publizierte, von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar herausgegebene Bibliothek deutscher Klassiker (BDK) mit insgesamt 153 Bänden ein wichtiges Element der kulturellen Traditionspflege.

Fußnoten

1.
Otto Grotewohl, Schiller - Wir sind ein Volk. Eine Rede, Berlin 1955.
2.
Wir bewahren Schillers humanistisches Erbe für die ganze Nation. Rede des Ministers für Kultur, Alexander Abusch, auf dem Festakt zur Schiller-Ehrung in Weimar, in: Neues Deutschland vom 11.1.1959.
3.
Hannelore Ortmann, Die nationale Bedeutung der sozialistischen Kulturpolitik in der DDR, in: Einheit, (1960) 4, S. 1733.

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