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19.7.2010 | Von:
Rüdiger Thomas

Deutsche Kultur im Einigungsprozess

Kultur als Politikum

Wo es um das kulturelle Erbe ging, öffneten sich in der DDR Freiräume. Doch der schöne Schein trog: Die andere Seite der kulturellen Entwicklung war durch massive kulturpolitische Reglementierungen bestimmt. Das von der SED viel beschworene "Bündnis zwischen Geist und Macht" zerbrach nach der Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns am 16. November 1976 endgültig. Stefan Heym formulierte sarkastisch: "Das Ausbürgern könnte sich einbürgern." Wichtige Schriftsteller und bildende Künstler wie Sarah Kirsch oder A.R. Penck verließen das Land. In der jungen Generation, die in die DDR "hineingeboren" war, entwickelte sich jenseits der Staatskultur eine Gegenkultur. Uwe Kolbes hektografierte inoffizielle Zeitschrift "Der Kaiser ist nackt" begann 1981 mit diesem programmatischen Text des Herausgebers: "Der Kaiser ist nackt; d.h.:/Weg mit der Ersatz- und Sklavensprache, d.h.:/Verweigerung dem verlogenen Sinnschema, d.h.:/Nachsehen, den Augen trauen, sagen, d.h.:/VERANTWORTLICHES ALLGEMEINES GESPRÄCH..."[4]

Dieser Programmsatz schien vergessen, als sich die Deutschen nach der Öffnung der Mauer und der wenig später geglückten Neuvereinigung frei und ungehindert begegnen konnten. Dass die Normen des Grundgesetzes den politischen Einigungsprozess bestimmt haben, der sich in fortschreitender Beschleunigung scheinbar alternativlos gestaltete, war nachvollziehbar. Dass sich aber auch der Diskurs über das kulturelle Erbe aus beiden deutschen Teilgesellschaften ausschließlich an den Normen der westdeutschen Kultur orientiert hat, sollte sich als ein Dilemma erweisen, das bis heute nicht gelöst werden konnte. Es bleibt eine unabgegoltene Aufgabe, die Kulturgeschichte der DDR neu zu besichtigen und dabei die Bedeutsamkeit der Kunstwerke in den Mittelpunkt zu rücken, statt nur über ihre politischen Entstehungszusammenhänge zu reflektieren. Bereits 1990 hat Eduard Beaucamp pointiert und provozierend konstatiert: "Die freieste und selbstbewußteste Malerei, die das Abendland kennt, entfaltete sich in den verdorbensten Zeiten der Kirche am Hof der Päpste und im Spanien der Inquisition."[5]

Fußnoten

4.
Zit. nach: Adolf Endler, "Alles ist im Untergrund obenauf, einmannfrei ..." Beiträge aus der Zeitschrift KONTEXT 1-7. Ausgewählt und hrsg. von Torsten Metelka, Berlin 1990, S. 186.
5.
Eduard Beaucamp, Der verstrickte Künstler, Köln 1998, S. 94.

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