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19.7.2010 | Von:
Rüdiger Thomas

Deutsche Kultur im Einigungsprozess

Literatur und Kunst im Widerstreit

Doch an dieser Einsicht ist der "Literaturstreit", der sich an Christa Wolfs 1979 geschriebener, aber erst im Frühjahr 1990 veröffentlichter Erzählung "Was bleibt" entzündete und das Verhältnis von Politik, Kunst und Moral am untauglichen Beispiel und an der falschen Person exemplifizierte, vorbeigegangen. Das gilt auch für den "Bilderstreit",[6] den Georg Baselitz zur gleichen Zeit mit der These einleitete, in der DDR habe es überhaupt keine Künstler gegeben, die diesen Namen verdienten: "Keine Künstler, keine Maler. Keiner von denen hat je ein Bild gemalt. Das ist ja alles ganz langweilig. (...) Die Künstler sind zu Propagandisten der Ideologie verkommen."[7] Längst haben sich die Kontroversen erschöpft, doch ihre Spätfolgen sind erkennbar. Es wäre überfällig, über die bleibende Substanz der Literaturen aus dem geteilten Nachkriegsdeutschland neu zu debattieren und vor diesem Hintergrund das Projekt einer gesamtdeutschen Literaturgeschichte voranzubringen.[8]

Auch für die bildende Kunst fällt die Bilanz zwiespältig aus. Zwar hat Eckhart Gillen bereits 1997 mit seiner Ausstellung "Deutschlandbilder" die "Kunst aus einem geteilten Land" in einen gemeinsamen Wahrnehmungshorizont gerückt, doch warfen viele ostdeutsche Kommentatoren dieser großen Berliner Festspielausstellung im Martin-Gropius-Bau eine unzureichende Berücksichtigung von Künstlern aus der DDR vor. Die von Roland März und Eugen Blume kuratierte Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie "Kunst aus der DDR" fand 2003 in Berlin (anders als später in Bonn) eine nachhaltige Publikumsresonanz, offenbar vor allem, weil sie die Künstler aus der DDR weitgehend umfassend, aber von der westdeutschen Entwicklung separiert vorstellte und damit von ostdeutschen Besuchern vielfach als Akt einer notwendigen Rehabilitierung verstanden wurde, nachdem die Weimarer Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" 1999 als provozierende Abwertung aller DDR-Kunst empfunden worden war und allgemeine Entrüstung hervorgerufen hatte. Sie hatte Malerei und Grafik aus der DDR in wahlloser Hängung und ohne erkennbare Auswahlkriterien präsentiert und im ehemaligen Gauforum unter dem Vorzeichen des Antimodernismus mit der Kunst des "Dritten Reiches" in Beziehung gesetzt.

Wie schwierig gesamtdeutsche Kulturdebatten sind, wurde deutlich, als 1999 heftig um die Ausgestaltung des Reichstagsgebäudes mit zeitgenössischen Kunstwerken gestritten wurde. Als der Kunstbeirat des Deutschen Bundestages auch Bernhard Heisig ausgewählt hatte, wurden von Vertretern aus der früheren ostdeutschen Gegenkultur auf Initiative von Christoph Tannert heftige Proteste laut, die sich zuerst gegen seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS richteten (Heisig war damals 17 Jahre alt und wurde als Fahrer eingesetzt), aber auch seine Funktion als "Staatsmaler" attackierten, ohne die Qualität des Werkes zu würdigen. Als Folge dieser Kritik wurden neben dem ursprünglich vorgesehenen "Aurora-Experimentalraum" des Chemnitzers Carlfriedrich Claus Werke von Gerhard Altenbourg, Lutz Dammbeck, Hermann Glöckner, Wolfgang Mattheuer und Strawalde angekauft, sodass in den Arbeits- und Erholungsbereichen des Bundestags wichtige Künstler aus dem Osten Deutschlands gemeinsam mit Joseph Beuys, Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Markus Lüpertz, Sigmar Polke, Gerhard Richter und anderen vertreten sind. So ist im gesamtdeutschen Parlament ein bemerkenswertes Kunststück geglückt: bildende Kunst aus Deutschland zusammenzuführen.

Erst 2009 ist es der amerikanischen Kuratorin Stephanie Barron gemeinsam mit Eckhart Gillen in Los Angeles mit der Schau "Art of Two Germanys/Cold War Cultures" gelungen, einen spannungsreichen und umfassenden Blick auf die Kunstentwicklung in den beiden Deutschländern zu richten, der auch dadurch überzeugt hat, dass er die politischen Kontexte berücksichtigt, ohne damit künstlerische Werturteile zu verwechseln. Die Ausstellung, die unter dem Titel "Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945-89" anschließend auch im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und im Deutschen Historischen Museum Berlin gezeigt wurde, hat trotz ihrer überzeugenden Konzeption nicht verhindern können, dass ein Kampf um die "Deutungshoheit" (Christoph Tannert) über die Kunst in der DDR begonnen worden ist, der sich eher an den Abgrenzungskriterien einer vergangenen Diktatur zu orientieren scheint als an einem gesamtdeutschen Erkenntnisinteresse.[9]

Fußnoten

6.
Vgl. Rüdiger Thomas, Wie sich die Bilder gleichen. Ein Rückblick auf den deutsch-deutschen Literatur- und Bilderstreit, in: Deutschland Archiv (DA), (2007) 5, S. 872-882.
7.
"Ein Meister, der Talent verschmäht". Interview von Axel Hecht und Alfred Welti mit Georg Baselitz, in: art, (1990) 6, S. 70.
8.
Ein anregender Beitrag ist Norbert Niemann/Eberhard Rathgeb (Hrsg.), Inventur. Deutsches Lesebuch 1945-2003, München-Wien 2003.
9.
Vgl. dazu Eckhart Gillen, Die Kunstszenen der DDR als Familienbande. Über Verrat, Anpassung und Widerstand in einem protestantischen Land, in: DA, (2010) 2, S. 315f.

Dossier

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