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19.7.2010 | Von:
Rüdiger Thomas

Deutsche Kultur im Einigungsprozess

Film - Literatur - bildende Kunst

Schon 1990 waren Stimmen laut geworden, die "den" Roman zur Wiedervereinigung forderten - eine merkwürdige Verkennung des Vermögens von Schriftstellern, das aktuelle Geschehen und die damit verbundenen mentalen Entwicklungsprozesse künstlerisch synchron zu gestalten. Allerdings ist es Autoren wie Günter de Bruyn[15] oder Monika Maron[16] in pointierten Essays gelungen, Mentalitäten und Habitusformen zu analysieren, die sich in der ostdeutschen Gesellschaft unter den Bedingungen der SED-Diktatur entwickelt haben. Das gilt auch für die vor allem im Westen viel beachteten sozialpsychologischen Studien von Hans-Joachim Maaz[17] und Annette Simon[18] oder für die soziologischen Analysen von Wolfgang Engler,[19] in denen er den Mentalitätswandel von der "arbeiterlichen Gesellschaft" in der DDR zur "Transfergesellschaft" elaboriert. Dabei versteht er die Ostdeutschen in den Widersprüchen einer Gesellschaft, der die Arbeit auszugehen droht, als neue Avantgarde, weil sie von den Wirkungen massenhafter Arbeitslosigkeit besonders betroffen ist und damit herausgefordert wird, einen neuen Lebensstil zu entwickeln.

Es waren vor allem Filme, die für ein breites Publikum die Spannweite der Rückblicke auf einen untergegangenen Staat mit einer in den Westen katapultierten Gesellschaft gezeigt haben. Diese bilden besonders ermutigende Beispiele für ein Zusammenwirken von Regisseuren und Schauspielern aus dem ehemals geteilten Land. Thomas Brussig hat mit seiner surrealen Mauerfall-Groteske "Helden wie wir" (1995) und seiner das Leben ostdeutscher Jugendlicher am Rande der Mauer liebevoll-ironisch schildernden Erzählung "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" (1999), von Leander Haußmann kongenial verfilmt, mit Witz und ironischer Distanz auf die DDR zurückgeblickt. Doch erst Wolfgang Becker ist es mit dem Film "Good Bye, Lenin!" (2003) gelungen, in einer grotesken Geschichte die Widersprüche aufzudecken, die sich für Ostdeutsche der älteren Generation zwischen dem enttäuschten Glauben an eine sozialistische Utopie mit der Realität einer sklerotischen Diktatur ergeben haben. Statt nostalgische Gefühle zu beleben, löste die Geschichte befreiendes Lachen aus. Der Film wurde von mehr als sechs Millionen Kinobesuchern gesehen, mit deutschen Auszeichnungen überschüttet und mit europäischen Filmpreisen gewürdigt. Diesen Erfolg hat Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen" (2006) noch übertroffen, der - zwischen beklemmender Entlarvung der Täter und Empathie mit den Opfern changierend - das Drama eines Konflikts zwischen dem Stasi-Apparat und der Ost-Berliner Kulturszene schildert. Neben dem Europäischen Filmpreis errang das Werk den Oscar für den besten ausländischen Film.

In der Literatur sind die Bücher von Günter Grass "Ein weites Feld" (1995), Ingo Schulze "Simple Storys" (1998) und Uwe Tellkamp "Der Turm" (2008) sowie Christa Wolfs soeben erschienenes Buch "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" signifikante Beispiele für die künstlerische Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die abgeschlossen scheint, aber nicht abgegolten ist. Christa Wolfs neues Buch fokussiert einen Studienaufenthalt als Scholar des Getty Center in Santa Monica 1992/93. Die Erzählerin verknüpft autobiografische Erinnerungen mit zeithistorischen Reminiszenzen und öffnet in fiktionalen Passagen Dialogräume, in denen widerspruchsvolle Erfahrungen vielfältiger situationsgebundener Lebensgeschichten facettenreich reflektiert werden. Es ist eine emphatische Elegie, desillusioniert vom Utopieverlust, doch nicht ohne Selbstermutigung.

Ein bemerkenswerter Vorgang war die Verleihung des Georg-Büchner-Preises an den jungen, aus Dresden stammenden Lyriker und Essayisten Durs Grünbein im Jahr 1995. Der 1962 geborene Autor hatte in seinem durch Heiner Müller vermittelten literarischen Debüt im renommierten Suhrkamp Verlag ("Grauzone morgens", 1988) die beklemmende Atmosphäre einer niedergehenden Diktatur beschworen, sich in seinen späteren Werken aber zunehmend auf bis in die Antike zurückweisende historische Horizonte bezogen. Grünbein steht für viele Autoren der jungen Generation, die sich in ihrem Schaffen nicht durch die Last der Vergangenheit einengen lassen wollen. Sein Gedicht-Zyklus "Europa nach dem letzten Regen" (1996) enthält die Zeilen: "Zerrissen ist das Blatt vorm Mund, Geschichte -/Geht mir der Staubwind wirklich nah/der alles auslöscht?"[20] Eine vermeintliche Abkehr von der Zeitgenossenschaft hat sich bei Grünbein zuletzt wieder in eine Annäherung an aktuelle Befindlichkeiten der vereinten Deutschen gewandelt, wobei er im Oktober 2009 nostalgische Wehleidigkeiten heftig attackiert hat.[21] Nur wenige Autoren haben den Versuch, erlebte Geschichte in ihrem Werk zu erfassen, so eindringlich unternommen wie Volker Braun (1939 in Dresden geboren), der fünf Jahre nach Grünbein 2000 den Büchner-Preis erhielt. Er hat das bleierne Klima beschrieben, das die Endzeit der DDR prägte, ebenso die vom Utopieverlust bestimmte Mischung aus Melancholie und Resignation, die "Nach dem Massaker der Illusionen" erwächst, wie ein Gedicht von 1996 überschrieben ist.[22] Volker Braun ist der Chronist mentaler Prozesse, in denen die Widersprüche zwischen Freiheit und Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Abhängigkeit, Eigen-Sinn und Ohnmacht in poetischen Bildern zum Vorschein kommen, Nähe und Ferne erkennen lassen, die Deutsche in Ost und West verbindet und trennt.

In der bildenden Kunst sind die spektakulären Erfolge von Künstlern der Neuen Leipziger Schule, unter denen Neo Rauch herausragt, besonders aufschlussreich für Impulse, die sich aus dem Zusammenprall ästhetischer Konzepte nach der Vereinigung ergeben haben. Unter den Leipziger Kunststudenten der 1990er Jahre, die auch international starke Beachtung gefunden haben, sind mit David Schnell, Matthias Weischer oder Tim Eitel ebenso junge Westdeutsche wie Künstler ostdeutscher Herkunft. Was sie verbindet, ist das Anknüpfen an eine malerische Perfektion, die für die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst charakteristisch war.

Das vielleicht wichtigste Ergebnis im kulturellen Einigungsprozess dürfte in der Tatsache bestehen, dass sich in den jüngeren Generationen die Unterschiede zwischen Ost und West nahezu vollständig verwischt, ja aufgehoben haben. Dieser Neuanfang ist ein Zeichen der Ermutigung für eine Zukunft, in der wir das kulturelle Erbe der Vergangenheit zunehmend deutlicher als gemeinsamen Erinnerungsraum erkennen.

Fußnoten

15.
Günter de Bruyn, Jubelschreie, Trauergesänge, Frankfurt/M. 1991; ders., Deutsche Zustände, Frankfurt/M. 1999.
16.
Monika Maron, Zwei Brüder. Gedanken zur Einheit 1989-2009, Frankfurt/M. 2010.
17.
Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR, Berlin 1990.
18.
Annette Simon, Versuch, mir und anderen die ostdeutsche Moral zu erklären, Gießen 2000; dies., "Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin". Versuch über ostdeutsche Identitäten, erw. Neuausg., Gießen 2009.
19.
Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999; ders., Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin 2002.
20.
Durs Grünbein, Nach den Satiren, Frankfurt/M. 1999, S. 150.
21.
Ders., Unfreiheit. Rede in der Frauenkirche zu Dresden am 6.10.2009, in: DA, (2009) 6, S. 983-992.
22.
Volker Braun, Tumulus, Frankfurt/M. 1999, S. 28.

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