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5.7.2010 | Von:
Hans-Ulrich Dillmann

Als die Möbel "zu tanzen begannen" - Szenen aus Haiti

"Der Staub raubte mir die Sicht"

Der haitianische Staatspräsident René Préval befand sich am Unglücksdienstag noch in seinem Büro im östlichen Flügel des prächtigen Palastes, der zwischen 1914 und 1921 erbaut wurde. Fassade und Mittelkuppel orientieren sich am Washingtoner Kapitol, an den Ecken erheben sich zwei weitere Kuppeln über dem westlichen und östlichen Flügel des Gebäudes. Die hohen, doppelgeschossigen Fenster des Arbeitszimmers sind aus schussfestem Panzerglas und haben dem 67 Jahre alten Agrarwissenschaftler das Leben gerettet. Sie verhinderten, dass die Kuppeldecke auf ihn stürzte. "Der Staub raubte mir die Sicht", erzählte Préval später noch sichtlich erschüttert. "Es war ein Inferno. Ich musste über Leichen und Verletzte klettern, um mir einen Weg zwischen zusammengebrochenen Mauern und Decken nach draußen zu bahnen. Unter den Trümmern schrien Menschen um Hilfe", erzählte der greise Staatschef im Gespräch mit Journalisten zwei Tage später auf dem Flugfeld des schwerbeschädigten Aéroport International Toussaint Louverture. Die Erdschwingungen hatten die Frontfassade von Prévals Amtssitzes einstürzen lassen, die Mittelkuppel war mehr als zehn Meter in die Tiefe gerutscht. Die Fahnenstange auf dem Gebäude brach und die rot-blaue übergroße Flagge mit dem Staatswappen und dem Wahlspruch: "L'Union Fait La Force" - "Einheit macht Stark" - lag danach schmutzig und grau auf dem kurz geschnittenen Rasen des Staatspalastes. Wohin Préval auch schaute: Überall bot sich ihm im Regierungsviertel ein Bild der Verwüstung. Auch seine Privatvilla oberhalb des Place Canapé Vert wurde weitgehend zerstört. "Ich kann weder im Palast noch in meinem eigenen Haus wohnen", sagte er in einem ersten Interview mit dem US-amerikanischen Nachrichtensender CNN einen Tag nach dem Erdbeben.


Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

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