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5.7.2010 | Von:
Hans-Ulrich Dillmann

Als die Möbel "zu tanzen begannen" - Szenen aus Haiti

Viele Signale

Zuerst war es nur ein leichtes Rütteln, das die Menschen in der haitianischen Hauptstadt und deren südlicher Umgebung aufschreckte, dann begann die Erde zu zittern, aber die Erschütterung wurde schnell stärker, Wände begannen zu wackeln, Bäume schwangen gefährlich hin und her. Die vertikalen und horizontalen Bewegungen ließen Stockwerke seitlich abrutschen, Stützsäulen knickten wie Streichhölzer ein. In Panik liefen Menschen laut schreiend auf die Straße.

Innerhalb von nur 53 Sekunden, so lange dauerte das schwere Beben, das um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 Uhr deutsche Zeit) begann, war die haitianische Hauptstadt in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht. Die an der Südküste des Landes gelegene Hafenstadt Jacmel mit ihren Arkadenhäusern aus dem 19. Jahrhundert, in der alles schon für den weltberühmten Karneval gerüstet war, war tagelang nicht zu erreichen, weil die einzige Verbindungsstraße durch Erdrutsche blockiert war. Mehr als die Hälfte der Häuser in der Innenstadt der "Perle der Karibik", in der es das erste Telefonnetz des Landes gab, wurden schwer beschädigt und sind nicht mehr bewohnbar. Gleiches gilt für Petit-Goâve, westlich von Port-au-Prince. Und die Durchfahrtsstraße von Léogâne durchziehen breite und tiefe Risse. Sie sind noch immer nicht repariert und erinnern auf eindringliche Art an die zerstörerischen Kräfte, die eine solche Erdverschiebung entwickelt.

Die Stärke des furiosen Bebens gibt das United States Geological Survey (USGS) Erdbebenforschungszentrum in den USA mit 7,0 auf der Momenten-Magnituden-Skala an. Das Epizentrum orteten die Geowissenschaftler rund 25 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince in der Nähe der kleinen Ortschaft Leógâne in einer Tiefe von rund 17 Kilometern. Ursache, so die Geologen, ist eine seitliche Verschiebung der Karibischen und der Nordamerikanischen Platten. Das Ausmaß der Schäden vergleichen Experten mit der Zerstörungskraft zweier Atombomben von der Stärke der Hiroshimabombe. Das Erdbeben ist das schwerste in der Geschichte Haitis, das sich die zweitgrößte Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt. Über neun Millionen Menschen leben in dem 27750 km² großen Land. Ayití, "Land der Berge", nannten es die Taíno-Ureinwohner.

Das Beben kam nicht gänzlich unangemeldet. Geologen, die im Jahr 2008 die unterirdischen Verwerfungen untersuchten, hatten vor einem schweren Erdstoß gewarnt. Ihre Hochrechnung: Aufgrund der vorhandenen tektonischen Spannungen, die sich seit dem Jahr 1751 aufgebaut haben, könnten diese sich in einem Einzelbeben von der Stärke von bis zu 7,2 Magnituden entladen. "Es gab auch noch andere Indizien für die Gefahr", erläutert der ehemalige haitianische Gesundheitsminister Daniel Henrys. Der Wasserspiegel des Azueï-See, östlich von Port-au-Prince, der an der haitianischen Grenze endet, und auch der des Lago Enriquillo auf der dominikanischen Seite war seit dem Jahr 2008 um fast zwei Meter angestiegen. "Das hängt mit der Verschiebung der Erdplatten zusammen. Es gab viele Signale. Aber sie sind nicht beachtet worden", sagte Henrys. Auch der haitianische Filmemacher Arnold Antonin hatte vor den Gefahren einer Katastrophe gewarnt und ein halbes Jahr davor mit Gleichgesinnten demonstriert, damit endlich Vorsorgemaßnahmen ergriffen würden - niemand im Staats- und Regierungsapparat interessierte sich für die Warnrufe.


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