APUZ Dossier Bild
1|2|3|4|5|6|7 Auf einer Seite lesen

5.7.2010 | Von:
Hans-Ulrich Dillmann

Als die Möbel "zu tanzen begannen" - Szenen aus Haiti

Bis zu 300.000 Tote hat das schwere Erdbeben gefordert. Über eine Million obdachlos gewordene Menschen brauchen neue Unterkünfte. Die Nothilfe aus aller Welt kam schnell, aber der Wiederaufbau im "Land der Berge" wird wohl noch lange dauern.

Einleitung

Maritana Desir ist auch Monate danach noch die Angst und die Panik anzumerken. Stockend erzählt sie von dem schweren Erdbeben, dass am 12. Januar dieses Jahres die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince und deren Umgebung erschütterte: "Ich stand mit einer Nachbarin vor meinem Haus, als plötzlich alles anfing, zu schwanken. Der Boden hob und senkte sich." Mit lautem Knall stürzten Wände in die schmale Gasse, prasselten Steine auf sie nieder. Menschen schrien wie von Sinnen. Sie versuchte wegzulaufen. "Es war wie am Jüngsten Tag. Ich dachte, die Welt geht unter." Dann spürte die 27-jährige alleinstehende Mutter des zweijährigen Luis-Fred einen Schlag und verlor das Bewusstsein. "Ich erinnere mich nur noch, dass um mich herum alles voller Staub war."

Als Maritana Desir Stunden später im Krankenhaus Centre Eliazar Jermair wieder aus ihrer Ohnmacht aufwachte, lag sie auf einer provisorischen Liege auf dem Fußboden, ihr Körper und das Gesicht blutverschmiert. Um sie herum war ein einziges Stöhnen und Schreien. "Ich werde das mein Lebtag nicht vergessen", sagt Desir. Nachbarn hatten die ohnmächtige junge Frau aus den Trümmern gezogen und ins Gesundheitszentrum getragen, das zu diesem Zeitpunkt schon völlig überfüllt war. Notdürftig umwickelten freiwillige Helfer mit Lappen den blutigen Unterarm und die Hand, auf die herunterstürzende Betonbrocken gefallen waren. Ärzte gab es in diesem Hospital keine.

Erst drei Tage später kam sie ins Gemeindekrankenhaus Hospital Communitaire Haïtienne an der östlichen Ausfallstraße von Pétion Ville in fachmännische Behandlung - zu spät. Die offene Wunde war bereits durch Schmutz schwer entzündet. Wundbrand diagnostizierte der französische Arzt, der als Nothelfer in die Katastrophenregion eingeflogen worden war. "Der Arm muss amputiert werden oder du stirbst", versuchte der Mediziner ihr die lebensbedrohliche Situation klar zu machen. "Was sollte ich machen?" In der Mitte zwischen Ellbogen und Handgelenk durchtrennte der Arzt Elle und Speiche. Und so wie Maritana Desir mit einem amputierten Arm leben muss, so gibt es seit dem Erdbeben weit über 10.000 Menschen mit Behinderung, die künftig auf Geh- oder Greifhilfen angewiesen sind. "Manchmal greife ich noch nach etwas und merke erst dann, dass ich keine rechte Hand mehr besitze", sagt Desir. Die Wunde ist inzwischen zu einer schmalen Narben verheilt. Aber der Phantomschmerz stört sie noch immer, der Armstumpf ist druckempfindlich. Zwar wurde sie zeitweise in einer Ambulanz von Ärzte ohne Grenzen betreut, aber die Nothelfer sind wieder abgerückt, eine Reha-Behandlung ist nicht in Sicht.

Ihr Einzimmerhaus an einem Steilhang in Nerette, einem Armenviertel von Pétion Ville, ist nicht mehr bewohnbar. Andere, mehrstöckige Häuser haben es unter ihren Betondecken und Steinen begraben. Jetzt wohnt die junge Frau gemeinsam mit ihrem Sohn, den Nachbarn während ihres Krankenhausaufenthalts versorgten, in einem provisorischen Obdachlosencamp.

Doudline Casimir

Knapp 130 Kilometer südlich in der Hafenstadt Jacmel lag Doudline Casimir auf ihrem Bett und schlief. Zwei Zimmer bewohnte sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Auch zwei Geschwister lebten dort. Sie habe kaum wahrgenommen, dass die wenigen Möbel in der ärmlich eingerichteten Hütte mit dem Wellblechdach "zu tanzen begannen", erzählt sie. "Ich wachte auf, als das Dach einstürzte." Ein Balken verletzte sie am Kopf und am Arm. Die Narben sind noch immer sichtbar. Aber die junge Frau konnte sich selbst befreien. Ihre beiden Kinder, die zweijährige Tochter und der vierjährige Sohn, konnten die Nachbarn unter dem eingebrochenen Dach hervorziehen, auch ihre beiden Geschwister blieben unverletzt. "Wir haben alles verloren", sagt die 24-jährige.

Ihr Mann war am Katastrophentag wie immer wochentags in Port-au-Prince. Er arbeitete bei einer Behörde und kam nur am Wochenende seine Familie besuchen. Vergeblich wählte sie immer wieder seine Handynummer, aber das gesamte Telekommunikationsnetz des Landes war zusammengebrochen. Erst drei Tage später kam eine Tante angereist und brachte die traurige Nachricht: Ihr Mann war tot aus den Trümmern eines Gebäudes geborgen worden. "Wie soll es weitergehen?" Die Familie hat ihren Ernährer verloren, die wenigen Habseligkeiten, die sie ihr Eigen nannte, sind unbrauchbar oder zerstört. Inzwischen ist sie bis über beide Ohren verschuldet. In einer in der Nähe gelegenen kleinen Bude in der Rue de la Comédie kann sie anschreiben lassen, wenn sie Reis, Bohnen, Öl und Gemüse für das Mittagessen einkauft. "Aber für zehn Tage bezahle ich zehn Prozent Zinsen."

Jetzt sitzt Doudline Casimir in einem Hinterhofkarree an der Komödienstraße und schaut mit einem unendlich traurigen Blick auf die Mauerreste ihres vier mal sechs Meter großen Hauses, schaut auf Regen durchweichte, angeschimmelte Matratzen, zerrissene und verschmutzte Kleidung, zerbrochenes Geschirr. Ein einfacher CD-Player ist zu Kabel- und Plastikmasse zusammengequetscht. "Es war kaum noch etwas brauchbar."

"Der Staub raubte mir die Sicht"

Der haitianische Staatspräsident René Préval befand sich am Unglücksdienstag noch in seinem Büro im östlichen Flügel des prächtigen Palastes, der zwischen 1914 und 1921 erbaut wurde. Fassade und Mittelkuppel orientieren sich am Washingtoner Kapitol, an den Ecken erheben sich zwei weitere Kuppeln über dem westlichen und östlichen Flügel des Gebäudes. Die hohen, doppelgeschossigen Fenster des Arbeitszimmers sind aus schussfestem Panzerglas und haben dem 67 Jahre alten Agrarwissenschaftler das Leben gerettet. Sie verhinderten, dass die Kuppeldecke auf ihn stürzte. "Der Staub raubte mir die Sicht", erzählte Préval später noch sichtlich erschüttert. "Es war ein Inferno. Ich musste über Leichen und Verletzte klettern, um mir einen Weg zwischen zusammengebrochenen Mauern und Decken nach draußen zu bahnen. Unter den Trümmern schrien Menschen um Hilfe", erzählte der greise Staatschef im Gespräch mit Journalisten zwei Tage später auf dem Flugfeld des schwerbeschädigten Aéroport International Toussaint Louverture. Die Erdschwingungen hatten die Frontfassade von Prévals Amtssitzes einstürzen lassen, die Mittelkuppel war mehr als zehn Meter in die Tiefe gerutscht. Die Fahnenstange auf dem Gebäude brach und die rot-blaue übergroße Flagge mit dem Staatswappen und dem Wahlspruch: "L'Union Fait La Force" - "Einheit macht Stark" - lag danach schmutzig und grau auf dem kurz geschnittenen Rasen des Staatspalastes. Wohin Préval auch schaute: Überall bot sich ihm im Regierungsviertel ein Bild der Verwüstung. Auch seine Privatvilla oberhalb des Place Canapé Vert wurde weitgehend zerstört. "Ich kann weder im Palast noch in meinem eigenen Haus wohnen", sagte er in einem ersten Interview mit dem US-amerikanischen Nachrichtensender CNN einen Tag nach dem Erdbeben.

Viele Signale

Zuerst war es nur ein leichtes Rütteln, das die Menschen in der haitianischen Hauptstadt und deren südlicher Umgebung aufschreckte, dann begann die Erde zu zittern, aber die Erschütterung wurde schnell stärker, Wände begannen zu wackeln, Bäume schwangen gefährlich hin und her. Die vertikalen und horizontalen Bewegungen ließen Stockwerke seitlich abrutschen, Stützsäulen knickten wie Streichhölzer ein. In Panik liefen Menschen laut schreiend auf die Straße.

Innerhalb von nur 53 Sekunden, so lange dauerte das schwere Beben, das um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 Uhr deutsche Zeit) begann, war die haitianische Hauptstadt in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht. Die an der Südküste des Landes gelegene Hafenstadt Jacmel mit ihren Arkadenhäusern aus dem 19. Jahrhundert, in der alles schon für den weltberühmten Karneval gerüstet war, war tagelang nicht zu erreichen, weil die einzige Verbindungsstraße durch Erdrutsche blockiert war. Mehr als die Hälfte der Häuser in der Innenstadt der "Perle der Karibik", in der es das erste Telefonnetz des Landes gab, wurden schwer beschädigt und sind nicht mehr bewohnbar. Gleiches gilt für Petit-Goâve, westlich von Port-au-Prince. Und die Durchfahrtsstraße von Léogâne durchziehen breite und tiefe Risse. Sie sind noch immer nicht repariert und erinnern auf eindringliche Art an die zerstörerischen Kräfte, die eine solche Erdverschiebung entwickelt.

Die Stärke des furiosen Bebens gibt das United States Geological Survey (USGS) Erdbebenforschungszentrum in den USA mit 7,0 auf der Momenten-Magnituden-Skala an. Das Epizentrum orteten die Geowissenschaftler rund 25 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince in der Nähe der kleinen Ortschaft Leógâne in einer Tiefe von rund 17 Kilometern. Ursache, so die Geologen, ist eine seitliche Verschiebung der Karibischen und der Nordamerikanischen Platten. Das Ausmaß der Schäden vergleichen Experten mit der Zerstörungskraft zweier Atombomben von der Stärke der Hiroshimabombe. Das Erdbeben ist das schwerste in der Geschichte Haitis, das sich die zweitgrößte Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt. Über neun Millionen Menschen leben in dem 27750 km² großen Land. Ayití, "Land der Berge", nannten es die Taíno-Ureinwohner.

Das Beben kam nicht gänzlich unangemeldet. Geologen, die im Jahr 2008 die unterirdischen Verwerfungen untersuchten, hatten vor einem schweren Erdstoß gewarnt. Ihre Hochrechnung: Aufgrund der vorhandenen tektonischen Spannungen, die sich seit dem Jahr 1751 aufgebaut haben, könnten diese sich in einem Einzelbeben von der Stärke von bis zu 7,2 Magnituden entladen. "Es gab auch noch andere Indizien für die Gefahr", erläutert der ehemalige haitianische Gesundheitsminister Daniel Henrys. Der Wasserspiegel des Azueï-See, östlich von Port-au-Prince, der an der haitianischen Grenze endet, und auch der des Lago Enriquillo auf der dominikanischen Seite war seit dem Jahr 2008 um fast zwei Meter angestiegen. "Das hängt mit der Verschiebung der Erdplatten zusammen. Es gab viele Signale. Aber sie sind nicht beachtet worden", sagte Henrys. Auch der haitianische Filmemacher Arnold Antonin hatte vor den Gefahren einer Katastrophe gewarnt und ein halbes Jahr davor mit Gleichgesinnten demonstriert, damit endlich Vorsorgemaßnahmen ergriffen würden - niemand im Staats- und Regierungsapparat interessierte sich für die Warnrufe.

Staubige Schneise der Zerstörung

Durch Port-au-Prince, wo rund drei Millionen Menschen teilweise in riesigen Armenvierteln leben, zog sich nach dem Beben eine staubige Schneise der Zerstörung - vom Meer hinauf bis nach Pétion Ville in den östlichen Anhöhen der Stadt, von Cité Soleil am nordwestlichen Stadtrand bis nach Carrefour im Süden. Selbst massive Betongebäude waren wie Kartenhäuser nach einem Windstoß in sich zusammengestürzt. Noch tagelang gruben verzweifelte Menschen mit den bloßen Händen nach Verschütteten, qualmten Brandherde. Noch Wochen später wurden immer wieder Leichen aus den Trümmern gezogen und am Straßenrand zum Abtransport abgelegt. Über der Stadt lag noch einen Monat später der süßliche Leichengeruch. Und auch jetzt noch finden sich in den zerstörten Gebäuden, die abgetragen werden, die Knochenreste Verstorbener.

Vor allem die Innenstadt der haitianischen Hauptstadt ist fast vollständig zerstört, das Regierungsviertel im Zentrum rund um den Champs de Mars ist eine einzige Steinwüste. Die Finanz-, Erziehungs- und Justizministerien sowie das Parlamentsgebäude, das Finanz- und Katasteramt, die Post und die Stadtverwaltung sind nur noch eine Schutthalde. Auch die anderen Ministerien wurden so schwer in Mitleidenschaft gezogen, dass sie ein Fall für die Abrissbirne sind. In den Trümmern starben unter anderem der Justizminister Paul Denis und weitere hohe Funktionäre. Von der berühmten Maria Himmelfahrt-Kathedrale der Stadt stehen nur noch die Grundmauern. Beim Einsturz wurde der Erzbischof von Port-au-Prince, Joseph Serge Miot, getötet. Der pittoreske Marché en Fer mit seiner von Gustave Eiffel entworfenen Eisenhalle in der Rue Travesière ist in sich zusammengekracht. Aus dem schwer beschädigten Zentralgefängnis konnten fast alle Gefangene entfliehen.

Auch das Hôtel Christopher, Verwaltungszentrale und politisches Hauptquartier der UN-Mission für die Stabilisierung in Haiti (Mission des Nations Unies pour la Stabilisation en Haïti - MINUSTAH) stürzte ein. Fast 200 Personen starben, darunter auch mindestens drei deutsche Staatsangehörige im Dienste der UN, die seit dem Jahr 2004 mit rund 7.000 Soldaten aus 18 Ländern und 2.000 Polizisten aus 42 Ländern für Sicherheit in Haiti sorgen soll. In den Trümmern des fünfstöckigen MINUSTAH-Headquarters fanden der Missionschef, Hédi Annabi, sein Stellvertreter und auch der Chef der United Nations Police (UNPOL) den Tod. Außerdem starben führende Oppositionspolitiker wie der Sozialdemokrat Michel Gaillard oder der Schriftsteller Georges Anglade.

Die Bilanz der Naturkatastrophe ist verheerend: Nach Angaben des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes sind bis zu drei Millionen Menschen direkt oder indirekt von dem Erdbeben betroffen, dies entspricht einem Drittel der Bevölkerung Haitis. Etwa 1,3 Millionen Menschen wurden obdachlos, weil ihre Häuser - nach Angaben der haitianischen Regierung 97.294 - völlig zerstört sind oder so schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden, dass sie abgerissen werden müssen. 800.000 Menschen leben seit Mitte Januar in einem der über 800 provisorischen Lager, die in Port-au-Prince und Umgebung auf fast jeder Freifläche entstanden sind. Innerhalb Haitis gibt es über eine halbe Million sogenannte Internally Displaced People (IDP), Erdbebenopfer, die ihre ehemaligen Unterkünfte aufgegeben haben und in ihre Heimatgemeinden in den nördlichen, östlichen und westlichen Provinzen vornehmlich bei Verwandten untergekommen sind.

Etwa 4.000 Schulgebäude sind nicht mehr nutzbar, 1.300 tote Lehrerinnen und Lehrer zählte das Erziehungsministerium. Über die Zahl der toten Schüler und Studenten gibt es keine offiziellen Angaben, sie dürfte nach Tausenden zu zählen sein. Der Schulunterricht musste bis Anfang April unterbrochen werden und noch immer reichen die notdürftig errichteten Klassenräume nicht für die rund 350.000 Schülerinnen und Schüler. Auch viele private und öffentliche Universitäten haben wegen Mangel an Unterrichtsräumen ihren Betrieb noch nicht wieder vollständig aufgenommen.

Zwischen 250.000 und 300.000 Menschen starben, offiziell spricht die UN von 225.000 Toten. Allerdings wurden in den ersten Tagen Leichen in Massengräber beigesetzt, ohne dass deren Daten registriert worden wären: Wer einen Leichnam fand, legte ihn an den Straßenrand, wo er vornehmlich nachts abgeholt und weggebracht wurde. Vor dem Hospital Chirurgical de la Trinité im Stadtteil Bel-Air stapelten sich tagelang immer wieder neue aufgedunsene leblose Körper auf dem Bürgersteig, während ein paar Meter weiter auf der Straße Schwerverletzte behandelt wurden. Wegen der Einsturzgefahr hatten Mitarbeiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen eine Notaufnahme unter freiem Himmel für die schlimmsten Fälle eingerichtet.

Das "Kleine Nichts"

Titanyen heißt die Savannenlandschaft nördlich an der Landstraße nach Saint Marc. Sanfte kahl geholzte Hügel ziehen sich so weit das Auge reichen kann gen Norden. Feldwege verschwinden irgendwann zwischen den Erhebungen. Menschen verirren sich kaum in das "Kleine Nichts", wie die deutsche Übersetzung des kreolischen Begriffs Titanyen lautet. Kein Schild weist auf die riesigen Gräberareale, in denen die Toten des Erdbebens vom 12. Januar beigesetzt wurden. Nur ein Kenner der Gegend findet die versteckten Stellen, zu denen in den Tagen nach dem Erdbeben ununterbrochen Lastwagen fuhren, um in eilig ausgehobenen Gruben ihre Leichenfracht zu entladen. Manche der Lastwagenfahrer aber kippten die Ladung einfach in ausgetrocknete Flussläufe in der Umgebung, die dann später eingeebnet wurden. Ein großes weißes Kreuz markiert eines der Massengräber in Savanne Bef. Dahinter liegt ein ausgebleichter Schädel, in Schrittweite finden sich Knochen und Schädelreste, die nicht vollständig von den Schaufelbaggern untergegraben wurden. Ein paar hundert Meter weiter sind dort grüne und weiße Metallkreuze in den Erdboden gerammt worden, wo eine Leichenladung ihre letzte Ruhestätte fand.

Die Lebenden müssen sich derzeit mit miserablen Bedingungen abfinden. 1.600 Familien leben auf dem Place Saint Pierre im Zentrum der Kleinstadt Pétion Ville, knapp zehn Kilometer in den Anhöhnen westlich von Port-au-Prince gelegen. Über dem Gelände zwischen Blumenmarkt, der Zentralkirche, dem Gefängnis und einem Hotel liegt ein impertinenter Urin- und Fäkaliengeruch. 6.000 Menschen müssen sich die etwa ein Hektar große Fläche teilen - und vier Dixi-Klos sowie sechs durch Zeltbahnen abgetrennte "Dusch"hütten. Die Klos an der Platzseite zur Kirche wurden wieder abgeholt, weil der Pfarrer der Gemeinde sich über den Gestank beschwert hatte. "Die Stadtverwaltung will uns weghaben", schimpft Junior Dorlain. "Sie versuchen die Lebensumstände für uns so unerträglich zu gestalten, dass die Leute ihr Notlager freiwillig aufgeben", sagt der 29-jährige Vorsitzende des Comité Place-St.-Pierre en Action.

Aber es gibt keine Alternativen. "Wir sind uns selbst überlassen", sagt Dorlain. Bewohner der Zeltstadt kümmern sich um die Abfallbeseitigung. Täglich wird gekehrt, Freiwillige des Komitees kümmern sich um Ordnung, Sauberkeit und die Sicherheit der Menschen, das Geld dafür kommt aus dem Cash-for-Work-Programm einer US-Hilfsorganisation. Das Aktionskomitee bemüht sich außerdem im Kontakt mit ausländischen Hilfsorganisationen Matratzen, Moskitonetze, Trink- und Brauchwasser gerecht unter den Bedürftigen zu verteilen. Garküchen haben sich etabliert, in denen Frauen wie Augustine Simone Reis mit Bohnen und eine Gemüsesoße, in der ein getrockneter Hering mitgekocht wurde, für rund 1,50 Euro anbieten. Ein Haarschnitt bei Rubens Pierre kostet ebenfalls 1,50 Euro. Seine Geräte hat der 28-jährige Friseur aus den Trümmern seines Hauses gerettet. Die Elektrizität für den Rasier- und Haarschneideapparat stammt aus einem provisorisch verlegten Kabel, die von einer Hauptleitung am Platz "abgezweigt" wurde. Die Menschen haben aufgrund der Armut schon vorher gelernt zu improvisieren. Und wer schön sein will, der lässt sich im Freiluft-Nagelstudio von Nicole Alcime pflegen, das sie vor ihrem winzigen Unterschlupf aus dicker Lkw-Plane aufgebaut hat: Nägel schneiden, feilen und lackieren kostet 2,50 Euro. Ein halbes Dutzend Kinder haben in dieser Zeltstadt inzwischen das Licht der Welt erblickt - Alltag im monatelangen Provisorium.

Die haitianische Regierung tagt derweil in der Nähe des haitianischen Flughafens auf dem Gelände einer Polizeistation. Eine Interimskommission für den Wiederaufbau Haitis (Commission Intérimaire pour la Reconstruction d'Haïti - CIRH) hat den internationalen Geldgebern Ende März einen Plan für den Wiederaufbau des Landes vorgelegt und dafür finanzielle Zusagen in Höhe von 7,4 Milliarden Euro für die nächsten Jahre an Aufbauhilfen bekommen. "Wir warten auf eine Entscheidung der Regierung, was mit uns passiert, aber niemand entscheidet etwas", sagt Dorlain - und seine Äußerung ist stellvertretend für viele, die in den Hunderten von Obdachlosencamps leben müssen. Bisher gibt es lediglich ein großes Lager außerhalb der Bebenregion, in dem die Infrastruktur den Menschen ein halbwegs würdiges Leben ermöglicht. Aber kaum jemand will seinen Platz verlassen, um eine ungewisse Zukunft in einem Lager wie Corail-Cesselesse fernab der haitianischen Hauptstadt in Croix des Bouquets zu verbringen.

Um das Stadtzentrum jedoch wieder aufbauen zu können, müssten die Menschen gerade aus den provisorischen Lagern in Übergangssiedlungen mit ausreichender Sanitär-, Wasserversorgung und Abfallentsorgung umgesiedelt werden, müsste gleichzeitig jenen die Rückkehr auf die Grundstücke garantiert werden, auf denen ihre zerstörten Häuser standen - viele haben keine rechtlich verbindlichen Besitztitel, und durch die Zerstörung des Katasteramtes hat sich die Situation noch verschlimmert. "Die Regierung diskutiert Pläne, wie mit dem Kataster und den Besitzverhältnissen umgegangen werden kann und verwirft sie wieder. Sie müsste auch für Grenzfälle rechtliche Grundlagen schaffen. Aber es gibt keine Entscheidungen", erzürnt sich ein spanischer Bauingenieur. "Trotz der drohenden Hurrikans tut die Regierung so, als ob sie alle Zeit der Welt hätte. Ein unerträglicher Zynismus."

Die Menschen in Haiti helfen sich derweil selbst. Während am Präsidentenpalast Bauarbeiter mit schwerem Räumgerät die Ruinen niederreißen, schuften unter der schweißtreibenden Karibiksonne fünf Trümmerblocks weiter nördlich in der Rue des Miracles die haitianischen "Mauerspechte" von Sonnenaufgang bis -untergang. Männer schlagen mit Fäusteln und Vorschlaghämmern auf Betondecken und Steinwände, um die in sich zusammengestürzten Gebäude in der Innenstadt so zu pulverisieren, dass nur noch die Moniereisenskelette übrig sind.

Zwischen drei und fünf Gourdes pro Kilogramm, nicht einmal zehn Eurocent, erhalten die Alteisensammler für das rostige Material. Margerita Laguere hat in der Straße der Wunder ihren fliegenden Ankauf errichtet. Eine alte Hängewaage bedient einer ihrer Arbeiter. Zwei löchrige Säcke mit Schrott hat Luisel Jean den ganzen Tag über von den Trümmergrundstücken zusammengesucht. Für die insgesamt 61 Kilo bekommt der 32 Jahre alte Mann 200 Gourdes, umgerechnet vier Euro. Auf 200 Gourdes ist auch der gesetzliche Mindestlohn in Haiti festgeschrieben. "Ein gutes Geschäft", versichert Margerita Laguere nachdem Jean gegangen ist. Sie verkauft das Alteisen an einen Schrotthändler am Hafen, der es in die Schmelzen in den USA transportieren lässt. Aber auch der vielfache Vater Jean ist mit seinen Einkommen zufrieden. "Damit komme ich einen Tag aus."

Laut hupend bahnen sich bunt bemalte Tap-Tap-Busse auf der Suche nach Passagieren ihren Weg zwischen ambulanten Händlern hindurch. Nicht jeder in Haiti hat das Busgeld von 20 Cent. Es ist kaum ein Durchkommen in der Rue du Centre, einer der Einkaufsstraßen der Stadt. Aber auch hier gibt es nur eingestürzte Geschäfte. Männer graben sich mit einfachen Schippen und Schaufeln in den Schutt. Aus einem Loch reicht eine graue, wie gepudert wirkende Hand Stringtanga, die von zwei jungen Männern nach Brauchbarkeit sortiert werden. "Irgendwas zum Verkaufen findet sich immer", sagt einer des Trios, die nicht gerade glücklich wirken, dabei beobachtet zu werden, wie sie sich die zurückgelassenen Waren aus einem fremden Gebäude an der Kreuzung von Zentralstraße und der Rue des Miracles aneignen. Auch in den anderen Stadtvierteln dominieren "Betonspechte" wie Jean François Frantz und seine sechs Kollegen das Bild. In der Rue Turgeau 108 sollen sie innerhalb von drei Wochen mit Vorschlaghämmern, Bolzenschneidern und Schaufeln für 800 Euro das zweigeschossige Haus zerlegen und abtragen. "Wenn es in dem Tempo weiter geht", kommentiert ein Spötter einer deutschen Hilfsorganisation, "dann wird das Abrissprogramm noch Jahre in Anspruch nehmen."

Internationale Hilfsorganisationen

Während in Port-au-Prince Hilfsorganisationen wie die United States Agency for International Development (USAID) Erdbebenopfer vor allem bei der Abfallbeseitigung und der Straßenreinigung einsetzen und dafür den Mindestlohn auszahlen, beschäftigt die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) zum Beispiel in den Hafenstädten Petit-Goâve und Jacmel etwas über 1.500 Obdachlose, die die Zerstörungen in den Städten beseitigen und, sobald die Wiederaufbaupläne von den nur schleppend funktionierenden Baubehörden bewilligt sind, beim Bau von Behelfshäusern helfen sollen. Mit dem Beschäftigungsprogramm, so erklärt der Koordinator der DWHH für die Nothilfe in Haiti, Rüdiger Ehrler, werde den Betroffenen ein minimales Einkommen garantiert. "Damit können sie Lebensmittel und andere Bedarfsgüter selbst kaufen." Dadurch werde die Kaufkraft gestärkt und trage zur Normalisierung des Wirtschaftslebens in der Region bei. Auch wenn es kurz nach dem Beben Engpässe bei der Versorgung von Grundnahrungsmitteln in Haiti gab, saßen bereits wenige Tage nach dem Unglück die Marktfrauen wieder auf den Straßen, um ihre Waren anzubieten - das Problem war nur, dass die wenigsten das nötige Geld hatten. Das ist jetzt anders. Marktfrauen und Käuferinnen auf dem Zentralmarkt an der Rue de l'Eglise feilschen lauthals um den Preis der Bohnen und die Qualität der Mangos, während im unteren Teil der Straße zehn Frauen und Männer mit gelben Bauhelmen auf dem Kopf und giftgrünen T-Shirts mit dem Logo der DWHH eingestürzte Gebäude abtragen.

Eine dieser bezahlten Trümmerfrauen war auch Doudline Casimir. Zwei Wochen gehörte sie einer Abrisstruppe an. Gemeinsam mit Nachbarn half sie, Grundstücke in der Umgebung der Komödienstraße vom Schutt freizuräumen. "Es war zwar eine schwere Arbeit, aber auch Frauen können Steine schleppen und Trümmern beseitigen", sagt sie. Jetzt helfen ihr andere Obdachlose. In zwei Tagen haben sie die Hausruine der jungen Witwe niedergerissen und mit Schubkarren durch ein schmales Gassengewirr auf die Straße gefahren. Auf der Freifläche stellt sie ein Zelt auf, in dem ihre Mutter, die beiden Kinder und die Geschwister wohnen können. "Wir sind froh, dass uns geholfen wird", sagt Casimir. Ohne ausländische Hilfe könne die Stadtverwaltung der Küstenstadt, mit ihren rund 8.000 Einwohnern, das Abrissprogramm nicht finanzieren, sagt der Sprecher des Bürgermeisters, Frantz Pierre-Louis. "Wir koordinieren gemeinsam wo, wann und was abgerissen wird."

In Petit-Goâve tragen viele Gebäude das Kainsmal der Baufälligkeit: "A Demolir" - "zum Abriss" haben Vertreter der Stadtverwaltung mit roter Farbe auf die Mauern gesprüht. Aber auch hier beschränken sich die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen darauf, die durch das Erdbeben geschädigten Häuser abzureißen. Die Phase des Aufbaus erdbebensicherer Unterkünfte hat noch nicht begonnen. Zwar gibt es internationale Standards dafür, Bau- und Konstruktionspläne müssen jedoch an die regionalen Gegebenheiten und Erfordernisse angepasst werden, betont Rüdiger Ehrler. Bauingenieure und Wissenschaftler arbeiten daran. "Wenn wir die notwendigen Baugenehmigungen von der Bauaufsicht bekommen und die Stadtverwaltung uns grünes Licht gibt", betont Rudi Kögler, Projektleiter der Deutschen Welthungerhilfe in Petit-Goâve, "könnten wir sofort loslegen."
1|2|3|4|5|6|7 Auf einer Seite lesen

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

Mehr lesen