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5.7.2010 | Von:
Jürgen Pohl

Wiederaufbau nach dem Erdbeben - Perspektiven für Haiti

Haiti als Erdbebenregion

Gemessen werden Erdbeben geophysikalisch auf der logarithmischen Richterskala, welche sich auf die Magnitude der Wellen bezieht, sowie anhand der Mercalli-Skala, welche die Intensität der Einwirkung und damit den Grad der Betroffenheit der Schutzgüter misst. Die Erdbebenauswirkung nach Mercalli traf Port-au-Prince mit der Stärke X+. "X" bedeutet auf der zwölfteiligen Skala "vernichtend". Auch dieser Wert verdeutlicht die enorme Schwere des Erdbebens. Das Beben ist an der Kollisionszone tektonischer Plattenränder entstanden. Die nordamerikanische Platte driftet nach Westen, die Karibische Platte nach Osten. Sie bewegen sich somit gegenläufig, was als Transformstörung bezeichnet wird. An der Enriquillo-Verwerfung, einer der Störungszonen, befindet sich auch das Epizentrum des Erdbebens. Beim Beben vom 12. Januar waren die Bruchflächen bis zu 30 Kilometer lang, die Verschiebungsbeträge betrugen etwa fünf Meter.[2] Hispaniola, mit Haiti im Westen und der Dominikanischen Republik im Osten der Insel, liegt mitten auf dieser tektonischen Spannungszone und wurde seit dem Jahr 1564 schon über ein Dutzend mal von starken Erdbeben erfasst (vgl. Tabelle 1 in der PDF-Version).

Erdbeben entstehen durch plötzliche Freisetzung mechanischer Energie, die sich im Erdinneren akkumulierte. Sie führt an der Erdoberfläche zu Bruch- und Versatzvorgängen, die wiederum Gestein aufbrechen bzw. verschieben. Die Schadenswirkung von Erdbeben geht primär von der mechanischen Kraft der Bewegung an der Erdoberfläche aus. Das Schadenspotenzial für materielle Sachgüter ist enorm. Dabei sind sowohl Gewerbe- und Wohngebäude wie auch Infrastruktureinrichtungen (wie Straßen, Energie- und Wasserversorgung) betroffen, insbesondere Baukörper ohne ausreichende antiseismische Armierung sind gefährdet. Herabfallende Bauteile bedrohen dann Menschen und Tiere. In Haiti war dies der größte Zerstörungsfaktor. Hinzu kommen Produktions- und Nutzungsausfälle durch unterbrochene Verkehrswege oder Ver- bzw. Entsorgungsleitungen. Bei großflächiger Zerstörung sind auch eine Versorgungsgefährdung und der Ausbruch von Krankheiten denkbar.

Verlässliche Erdbebenvorhersage ist ein bis heute ungelöstes Forschungsproblem. Vorläuferphänomene sind nicht zu identifizieren, denn eine präzise Angabe von Ort, Zeit und Stärke im Vorfeld von Erdbeben ist nicht möglich. Schon im September 2008 allerdings war in der Zeitung Le Matin Haiti ein Artikel mit der Überschrift "Gefahr einer Naturkatastrophe" erschienen. Geologen skizzierten dort die akute Gefährdungslage durch ein starkes Erdbeben in der Region Port-au-Prince. Sie verwiesen darauf, dass schon in den Jahren 1751 und 1770 die Stadt komplett durch Erdbeben zerstört worden sei.[3] Die geringe seismische Aktivität in den vergangenen Dekaden kann mit ein Grund dafür sein, dass sich Haiti so unzureichend auf ein mögliches neues Beben vorbereitet hat.

Fußnoten

2.
Vgl. ebd., S. 4f.
3.
Vgl. "Im Totenhaus der Karibik", in: Der Spiegel, Nr. 3 vom 18.1.2010, S. 76ff.

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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