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5.7.2010 | Von:
Jürgen Pohl

Wiederaufbau nach dem Erdbeben - Perspektiven für Haiti

Schäden durch Naturkatastrophen

Erdbeben sind keineswegs die einzigen Naturgefahren, die Haiti bedrohen. Allein im Jahr 2008 war Haiti von vier schweren Hurrikans betroffen. Das Erdbeben von 2010 sprengt allerdings alle bisher erfassten Dimensionen von Naturkatastrophen in Haiti (vgl. Tabelle 2 in der PDF-Version). Die Einwohner Haitis empfinden die Situation als umso tragischer, da innerhalb der vergangenen drei Jahre eine Zunahme der sozialen und politischen Stabilität sowie ein konjunktureller Aufschwung und auch eine Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen zu verzeichnen war.[4] Somit bedeutete das Erdbeben einen enormen Dämpfer für eine zaghafte Aufwärtsbewegung.

Etwa drei Millionen Einwohner sind direkt von dem Erdbeben betroffen, nach aktuellen Schätzungen wurden bis zu 230.000 Menschen getötet und über 300.000 verletzt; 1,3 Millionen Haitianer wurden obdachlos.[5] 500.000 Menschen haben das Katastrophengebiet verlassen und suchten Zuflucht in den ländlich geprägten Regionen der Peripherie. Über 100.000 Wohngebäude wurden vollständig zerstört, mehr als 200.000 wurden stark beschädigt. Etwa 1.300 Bildungseinrichtungen und mehr als 50 Krankenhäuser und Gesundheitszentren sind zerstört oder nur noch eingeschränkt nutzbar. Neben dem Flughafen war auch der wichtigste Hafen des Landes in Port-au-Prince aufgrund der Zerstörungen mittelfristig nicht funktionsfähig. Zudem sind auch politische Institutionen betroffen gewesen: Der Präsidentenpalast, das Parlament, zahlreiche Gerichtsgebäude, die meisten Ministerien und öffentlichen Verwaltungseinrichtungen wurden weitgehend zerstört. Der materielle Wert der zerstörten Infrastruktur wird auf 4,3 Milliarden US-Dollar geschätzt. Verluste von 3,6 Milliarden US-Dollar könnten durch die Auswirkungen des Bebens auf die Regionalwirtschaft entstehen, beispielsweise durch Produktionsausfall, Arbeitsplatzverluste, erhöhte Produktionskosten und fehlende Infrastruktur. Insgesamt werden Schäden in Höhe von 7,9 Milliarden Dollar bilanziert.[6] Das entspricht etwa der Höhe des haitianischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Jahr 2009. Mehr als 70 Prozent der Schäden sind im privaten Sektor entstanden. Als Folge des Bebens wird ein Anstieg der Arbeitslosigkeit von über 8,5 Prozent prognostiziert. Dabei gelten die Sektoren Tourismus, Kommunikation, Handel und Logistik als besonders betroffen.

Der Wiederaufbau wird mit hohen finanziellen Belastungen verbunden sein. Von der haitianischen Regierung wird ein Gesamtbedarf an finanziellen Mitteln von 11,5 Milliarden US-Dollar prognostiziert. Dieser setzt sich wie folgt zusammen:[7] 48 Prozent für den Sozialsektor, 17 Prozent für Infrastruktur, 15 Prozent für Umwelt und Risiko- bzw. Katastrophenmanagement, 9 Prozent im Produktionssektor, 7 Prozent Regierung/Staat und 4 Prozent Sonstiges (wie direkte Stützung des Arbeitsmarktes). Der Bedarf wurde dabei über eine Schätzung in Teilbereichen von acht verschiedenen Themenbereichen ermittelt. Als vordringliche Aufgabe wird die Unterbringung der 218.000 allein in Port-au-Prince in Behelfsunterkünften lebenden Flüchtlinge in festen Behausungen genannt.

Fußnoten

4.
Vgl. United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs, Haiti Earthquake Situation Report, Nr. 24, New York 2010.
5.
Vgl. United States Agency for International Development, Haiti. Earthquake Fact Sheet, Nr. 43, Washington, DC 2010.
6.
Vgl. Eduardo Cavallo, Estimating the direct economic damage of the earthquake in Haiti, IDB Working Paper Series, Nr. 163, Washington, DC 2010.
7.
Vgl. Government of the Republic of Haiti, Haiti Earthquake PDNA, Assessment of damage, losses, general and sectoral needs, Port-au-Prince 2010.

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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