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5.7.2010 | Von:
Jürgen Pohl

Wiederaufbau nach dem Erdbeben - Perspektiven für Haiti

Planungsstrategien

Die Handlungsfähigkeit der Regierung und die Funktionsfähigkeit der sozialen Infrastruktur wurden durch den Verlust von Personal und Einrichtungen stark beeinträchtigt. Die Verluste von Krankenhäusern, Polizeiwachen, Schulen, Universitäten, Ministerien und Kirchen hemmen die Bemühungen um Soforthilfe, Sicherheit und Wiederaufbau. Außerdem erschwerten die Zerstörung des UN-Hauptquartiers und der Verlust der Führungsebene der UN-Stabilisierungsmission (United Nations Stabilization Mission in Haiti, MINUSTAH) die Koordination der Hilfsmaßnahmen in besonderer Form.

Gerade in unterentwickelten Ländern bewegen meist erst schwere Katastrophen Gesellschaft und Regierung dazu, Institutionen und Instrumente zum Risikomanagement zu etablieren. Mit zunehmender zeitlicher Distanz zur Katastrophe lässt dieser Wille allerdings oft wieder nach. Aus einer langfristigen, planerischen Perspektive heraus kann das Beben dazu genutzt werden, um ein größeres öffentliches und politisches Bewusstsein für Naturrisiken und deren Folgen bzw. der Bedeutung umfassender Vorsorgemaßnahmen zur Risikominimierung zu schaffen. Dabei ist die Reduktion des Risikos künftiger Katastrophen als integraler Bestandteil der Wiederaufbauplanung zu bezeichnen. Das Leitbild building back better impliziert, dass nicht der Status quo ante das Kernziel sein sollte, sondern eine Verringerung der Vulnerabilität im Kontext von Katastrophen anzustreben ist. In zahlreichen Fällen konzentriert sich die Wiederaufbauhilfe jedoch zu sehr auf unmittelbare humanitäre und monetäre Hilfe und nicht auf die Veränderung der Rahmenbedingungen, welche die Katastrophe eine entsprechend starke Wirkung entfalten ließen. Neben der Rekonstruktion der materiellen Infrastruktur gilt es aber vor allem, auch die individuellen livelihoods wiederherzustellen, welche eine nachhaltige Existenzsicherung ermöglichen.

Für eine Wiederaufbauplanung ist die Problemlage in Haiti sehr komplex und mit großen Unsicherheiten behaftet. Allein durch den massiven Umfang an Personen- und Sachschäden sind Wiederaufbaustrategien und deren Perspektiven differenziert abzuwägen. Schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist abzusehen, dass die Aufmerksamkeit, welche Haiti durch die Naturkatastrophe erlangt hat, die langfristige Entwicklung des Staates beeinflussen wird. Dabei muss die Hilfe einen realistischen zeitlichen Rahmen einnehmen. Wiederaufbauhilfe muss mehr als eine Reaktion, "ein Reflex auf die Notsituation" sein, sondern auch soziodemographische und raumstrukturelle Charakteristika mit einbeziehen und aktive Prävention durchsetzen.[10] Die Einbindung der lokalen Bevölkerung beim Planungs- und Entscheidungsprozess ist dabei von großer Bedeutung, insbesondere bei Vorbereitung und Evaluation der Hilfsmaßnahmen.

Fußnoten

10.
Vgl. Robert Geipel/Jürgen Pohl/Rudolf Stagl, Chancen, Probleme und Konsequenzen des Wiederaufbaus nach einer Katastrophe. Eine Langzeituntersuchung des Erdbebens im Friaul von 1976-1988, in: Münchner Geographische Hefte, (1988) 49, S. 154.

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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