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5.7.2010 | Von:
Jürgen Pohl

Wiederaufbau nach dem Erdbeben - Perspektiven für Haiti

Katastrophenzyklus und Wiederaufbauphasen

In der Risikoforschung werden verschiedene Phasen im Zusammenhang eines katastrophalen Ereignisses unterschieden: preparation (Vorbereitung), response (Reaktion), recovery (Erholung) und mitigation (Vorsorge) (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version).

Da Übergänge zwischen den einzelnen Phasen nicht eindeutig zu identifizieren sind, wird das Risiko- bzw. Katastrophenmanagement als Kreislauf dargestellt, welcher durch die Katastrophe als zentrales Ereignis ausgelöst wird. Die im Kreislaufmodell dargestellten Prozesse laufen auf unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Skalen ab. Im Sinne einer aktiven Prävention würde der Zyklus idealerweise vor der eigentlichen Katastrophe beginnen. Nach einer Faustformel werden vier Phasen des Wiederaufbaus in der Planung unterschieden, die im Prinzip ebenfalls zeitlich gesehen aufeinander folgen. Sie lassen sich grundsätzlich auch auf Haiti übertragen.

Die unmittelbare Nothilfe (etwa 2 Wochen):
Sie ist als erste Phase gekennzeichnet durch die Bergung der Toten, Rettung der Verletzten und Bedrohten, Versorgung mit Lebensmitteln und Trinkwasser sowie medizinische Nothilfe, die Errichtung von Notunterkünften und die Aufrechterhaltung der Sicherheit - gerade im Bezug auf Plünderungen und Kinderhandel. Die Schwere der Katastrophe in Haiti wird unter anderem daran sichtbar, dass diese Phase dort deutlich länger dauerte.

Die Wiederherstellung provisorischer Lebensverhältnisse (etwa 20 Wochen):
Hier geht es in erster Linie darum, Unterkünfte für Obdachlose zu schaffen, den Zugang zu Bildungseinrichtungen zu ermöglichen sowie in der Karibik die Vorbereitung auf die Hurrikansaison im Sommer zu initiieren. Ein weiteres Ziel für Haiti ist die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Lebens, vor allem durch ein ausreichendes Arbeitsplatzangebot. Dabei gilt es auch, den Finanzsektor wieder zu stabilisieren und den Zugang zu Krediten zu gewährleisten, welche gerade in der Phase des Wiederaufbaus eine Basis für die Reorganisation darstellen.[11] Schon in dieser Phase ist es nötig, Ziele und Planungen für neue Entwicklungsstrategien festzusetzen. Zudem sollten Handlungsanweisungen für die Neuverteilung der "vertriebenen" Bevölkerung etabliert werden, um die intraregionale Migration zu lenken. Die zweite Phase des Wiederaufbaus wird in Haiti voraussichtlich wesentlich länger andauern als die häufig postulierten 20 Wochen.

Wiederaufbau I:
Diese erste "Realisierungsphase" (Implementationsphase) umfasst in der Regel eine Zeitspanne von bis zu zwei Jahren nach der Katastrophe. Innerhalb dieser Phase sollten Projekte initiiert werden, welche Anreize für private Investitionen für Haitis ökonomische Entwicklung bieten, verbunden auch mit rechtlichen Rahmenbedingungen, welche Missbrauch unterbinden. Private Investitionen in die Volkswirtschaft Haitis sowie der Sozialsektor bilden die Basis für den Wiederaufbau. Neben den finanziellen Zusagen der Geberländer muss der Privatsektor unterstützt werden, damit dieser weiterhin die Stütze der Wirtschaft bleiben kann. Allein für diese Phase, die ersten zwei Jahre, sind 3,1 Milliarden US-Dollar zugesichert. Mit mehr als 1,2 Milliarden US-Dollar tragen private Akteure wie Privatpersonen und Nichtregierungsorganisationen fast 40 Prozent des bisherigen finanziellen Soforthilfevolumens. Die USA stellen mit über einer Milliarde US-Dollar etwa ein Drittel der finanziellen Hilfe und nehmen zudem bei der Koordination der Hilfsmaßnahmen eine zentrale Rolle ein. Deutschland beteiligt sich mit fast 24 Millionen US-Dollar.[12] In der dritten Phase müssen die Chancen zur Veränderung, das window of opportunity genutzt werden, um strukturelle Veränderungen einzuleiten.

Wiederaufbau II:
Die Entwicklungsphase zur Verwirklichung der Wiederaufbauplanung, welche einen langen Zeitraum umfasst und die gerne als Dekade anschaulich gemacht wird, innerhalb derer die wesentlichen Ziele für den Wiederaufbau realisiert werden können, hat das Ziel, eine langfristig positive Entwicklung in Haiti anzustoßen. Optimisten hoffen, dass sich Haiti binnen zehn Jahren als aufstrebendes Land, als Schwellenland, etablieren könnte.

Aus Sicht der Katastrophenvorsorge liegt der Fokus auf der mitigation, dem Ziel, das zukünftige Risiko zu reduzieren. Dazu zählen:

Eine Standardisierung und Anpassung der Bauweise:
Die defizitären Baustrukturen waren Ursache für die meisten Todesfälle im Umfeld der Katastrophe. Die Erstellung bzw. Überwachung von Bauvorschriften muss durchgesetzt werden, um die gravierenden Folgen der Erdbeben zu verringern und "erdbebensicher" zu bauen. Zur Prävention zählen auch der Aufbau einer Forschungsstelle zur Analyse, Bewertung und Warnung bei Risiken sowie das Vorbereiten von Katastrophen- und Einsatzplänen. Ursachen des Risikos und geeignete Reaktionen darauf können durch Informationen und Handlungsanweisungen für die betroffene Bevölkerung sowie die Ausweisung von in besonderer Weise gefährdeten Gebieten angegangen werden.

Eine Beschränkung der Bodennutzung, ihre Überprüfung und eventuelle Umnutzung:
Ausuferndes Siedlungswachstum und der damit einhergehende Anstieg der Bevölkerungsdichte müssen durch rechtliche Maßnahmen wie etwa die Beschränkung der Land- und Bodennutzung unterbunden werden. Gefahrenräume müssen identifiziert und deren Nutzung limitiert werden. Zudem sollten Möglichkeiten zur Verbesserung des Versicherungsschutzes in Betracht gezogen werden. Mechanismen und Instrumente einer finanziellen Risikoverteilung, zum Beispiel über Katastrophenfonds oder Versicherungen, fehlen oder sind unzureichend ausgeprägt, wobei angesichts des hohen Risikos in Haiti Grenzen für die Einsetzbarkeit dieses Instruments abzusehen sind.

Eine integrierte Regionalentwicklung:
Die außerordentliche Bedeutung der Metropolregion Port-au-Prince wurde bereits erläutert. Vor dem Hintergrund der monozentrischen Struktur Haitis wurden die ökonomischen Potenziale der ländlichen Regionen nur unzureichend ausgeschöpft. Durch die Neuverteilung der Bevölkerung als Folge des Erdbebens eröffnen sich Chancen für neue, dezentrale Wachstumspole fernab von Port-au-Prince. Als Ziel könnte eine polyzentrische, gestufte Regionalentwicklung angestrebt werden. Die Katastrophe kann also als Entwicklungsimpuls und Katalysator für Modernisierung dienen. Diese Ziele und Instrumente sind zum großen Teil im Haitiplan dargestellt.

Fußnoten

11.
Vgl. E. Cavallo (Anm. 6), S. 17.
12.
Vgl. United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs, Haiti Earthquake Situation Report, Nr. 32, New York 2010. Das aktuelle Spendenvolumen ist unter www.reliefweb.int/fts (30.5.2010) abrufbar.

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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