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5.7.2010 | Von:
John Miller Beauvoir

Herausforderungen für die Jugend in Haiti - Essay

Die wichtigsten Herausforderungen

Haitis Jugend ist ein Abbild der sozialen und wirtschaftlichen Nöte, in denen das Land steckt. Weit verbreitet sind die Stimmen, welche die Zukunft düster sehen, das Hoffen auf die Eliten des Landes aufgegeben und das Vertrauen in ihr Land verloren haben. Ihre Probleme sind vielfältig:

Arbeitslosigkeit:
Mehr als 90 Prozent der Jugendlichen Haitis sind auf Arbeitssuche, aber es gibt keine Jobs. Diese demoralisierende Lage führt unter jungen Haitianern zu allgemeiner Frustration und dem Wunsch auszuwandern. Nach einem Bericht der Weltbank[1] aus dem Jahr 2005 steht Haiti bei der Auswanderung qualifizierter Arbeitskräfte an dritter Stelle unter den Entwicklungsländern. Demnach "exportieren" wir 83 Prozent unserer qualifizierten Bürgerinnen und Bürger. Dieser brain drain illustriert anschaulich die Einstellung der Mehrheit der haitianischen Jugendlichen: Sie sehen keinen anderen Ausweg mehr als den internationalen Flughafen von Port-au-Prince. Es herrschen Apathie und Verbitterung, während der gesellschaftspolitische Entwicklungsprozess, der dringend einer Verjüngung und neuer Ideen bedarf, von überalterten politischen Führern mit überkommenen Zukunftsvisionen blockiert wird.

Der dadurch entstehende Teufelskreis ist verhängnisvoll: Während wertvolle Arbeitskräfte das Land verlassen, verschlimmern sich die Lebensverhältnisse der haitianischen Bevölkerung. Hunger, Analphabetismus und chronische Krankheiten scheinen für alle Zeiten der Bevölkerung aufgebürdet, besonders aber ihren schwächsten Gliedern, den Jugendlichen und den Kindern. Der Auswanderungsprozess hat sich nach dem Erdbeben noch beschleunigt. Nach Schätzungen der Regierung verursachte das Erdbeben in Haitis Wirtschaft Verluste in Höhe von 14 Milliarden US-Dollar und den Verlust Tausender Arbeitsplätze. Das Fehlen von Perspektiven für die Jugend ist fruchtbarer Nährboden für Drogenhandel und andere Arten von Bandenkriminalität. Die wenigen jungen Fachleute, die das Glück hatten, einen Hochschulabschluss zu erlangen, haben Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen, der von Vetternwirtschaft dominiert wird. Der Zugang zu einem Arbeitsplatz im öffentlichen wie im privaten Sektor gelingt nur durch Protektion. Es gibt keine Praktikantenprogramme für Hochschulabsolventen, während Arbeitgeber "fünf Jahre Arbeitserfahrung" verlangen, bevor sie jemanden einstellen.

Mit dem Erdbeben, so zerstörerisch es auch war, bot sich eine gute Gelegenheit, etwas gegen die Arbeitslosigkeit zu unternehmen. Haiti erfuhr außergewöhnliche Zuwendung und Solidarität durch die internationale Gemeinschaft und große Geldsummen werden bereitgestellt. Eine politische Führung mit Visionen hätte die Jugend Haitis in die Wiederaufbaubemühungen eingeschlossen durch das Anwerben von Fachleuten an Universitäten und Berufsschulen und die Ausbildung von weniger qualifizierten jungen Menschen. Bisher jedoch steht die Regierung nicht im Dialog mit dem Jugendsektor. Sie hat ihre Befragungen zur Ermittlung des Wiederaufbaubedarfs nach der Katastrophe (Post Disaster Needs Assessment - PDNA) durchgeführt und einen Aktionsplan zur nationalen Genesung und Entwicklung von Haiti[2] ausgearbeitet, ohne Vertreter des Jugendsektors zu konsultieren. Dieser erneute Akt des Ausschlusses entmutigt die Jugend und schafft Frustration.

Keine Unterstützung für junge Nachwuchsunternehmer:
Angesichts des begrenzten Arbeitsmarktes ziehen viele Menschen es vor, freiberuflich oder als selbständige Kleinunternehmer zu arbeiten. Leider bietet sich dafür in Haiti kein Betätigungsfeld. Trotz innovativer Geschäftsideen von vielen jungen Männern und Frauen gibt es keine Banken, die ihnen Kredite gewähren würden. Keine öffentliche Maßnahme sorgt für Anreize für junge Kreativität. Auch Vorschläge für ein Jugendgesetz, welches die Integration junger Fachkräfte in die öffentliche Verwaltung erleichtern und einen Fonds für junges Unternehmertum schaffen sollte, wurden abgelehnt.

Fehlen von Bildungschancen:
Weltweit herrscht Konsens darüber, dass Bildung zu nachhaltiger Entwicklung führt, da sie wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnet. Mangelnde Bildung ist eines der größten strukturellen Hindernisse für junge Haitianer. Es gibt zu wenige öffentliche Schulen, um die wachsende Nachfrage zu decken. Den bestehenden Schulen fehlt es an grundlegenden Strukturen und Ausstattung, um die Kinder richtig auszubilden. Nach Angaben des Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF werden nur wenig mehr als die Hälfte der schulreifen Kinder eingeschult. Weniger als zwei Prozent der Kinder schließen eine weiterführende Schule ab. Die staatliche Universität ist in einem denkbar schlechten Zustand und nimmt nur ein Prozent der Jugendlichen auf, die ein Hochschulstudium anstreben. Um diese Lücke zu schließen, werden überall ohne staatliche Regulierung und Kontrolle Privatschulen eingerichtet. Auch wenn die Situation des Schulsystems nach dem Erdbeben bisher nicht erfasst ist, so steht doch fest, dass die Mehrheit der Schulen und Universitäten des Landes zerstört ist.

Ausschluss von der Politik:
Dieses Land strebt im Grunde genommen nach einer Herrschaft der "alten Männer". Seit 25 Jahren ist das politische Spektrum gleichsam gekapert von einer kleinen Gruppe von Personen mit ihren überholten traditionellen Vorstellungen von Regierungsführung. Sie kontrollieren jede Aufstiegsmöglichkeit in unseren demokratischen Institutionen und lassen den Jüngeren kaum Gelegenheit, sich politisch zu äußern. Dieselben Personen kontrollieren die politischen Parteien, die weder innerparteiliche Demokratie noch Öffentlichkeitsarbeit kennen. In diesem Kontext kann nur eine radikale Bewegung einen weit reichenden Wandel und den Aufstieg eines neuen politischen Personals herbeiführen.

Im vergangenen Jahr hat eine Gruppe von Jugendorganisationen die Regierung gedrängt, eine nationale Jugendpolitik auszuarbeiten und der Jugend eine Vertretung auf Regierungsebene zu ermöglichen - vergeblich. Bemerkenswerterweise gibt es in Haiti ein Jugendministerium - dessen Minister über 65 Jahre alt ist. Zum Vergleich: Sein Amtskollege in der benachbarten Dominikanischen Republik ist 33 Jahre alt. Dieser kommt aus den Reihen einer politischen Jugendorganisation und leitete eine politische Hochschulgruppe. Er unterhält enge Beziehungen mit Jugendverbänden in seinem Land und hat kürzlich die sogenannte "Taiwanisierung" seines Landes angestoßen, indem er Ausbildungsmöglichkeiten in Form von Studienbeihilfen und Stipendien für junge Menschen bereitstellt, die im Gegenzug die Entwicklung des Landes vorantreiben sollen. Der Unterschied zwischen beiden Ländern ist immens, da Haiti keinerlei gezielt auf die Jugend ausgerichtete Impulse für politische Partizipation setzt.

Fußnoten

1.
Vgl. World Bank, International Migration, Remittances and the Brain Drain, Oktober 2005.
2.
Der Bericht ist online: www.refondation.ht/resources/PDNA_Working_
Document.pdf (30.5.2010).

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

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