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25.6.2010 | Von:
Klaus Farin

Jugendkulturen heute - Essay

Den Mainstream prägende Minderheiten

Es waren Minderheiten, die sich damals engagierten, auch wenn es ihnen gelang, einer ganzen Generation ihren Stempel aufzudrücken. Nicht anders ist es heute: Die Mehrheit jeder Generation ist bieder, spießig, konsumtrottelig und unengagiert. Das ist bei den Jungen kaum besser als bei den Alten. Es sind immer Minderheiten, die etwas bewegen (wollen) und dabei manchmal sogar die Gesamtgesellschaft verändern.

Etwa 20 Prozent der Jugendlichen in Deutschland gehören aktiv und engagiert Jugendkulturen an; sie sind also Punks, Gothics, Emos, Skinheads, Fußballfans, Skateboarder, Rollenspieler, Cosplayer, Jesus Freaks usw. und identifizieren sich mit ihrer Szene. Minderheiten, sicherlich, die allerdings - am deutlichsten sichtbar im Musik- und Modegeschmack - die große Mehrheit der Gleichaltrigen beeinflussen. Rund 70 Prozent der übrigen Jugendlichen orientieren sich an Jugendkulturen. Sie gehören zwar nicht persönlich einer Jugendkultur an, sympathisieren aber mit mindestens einer jugendkulturellen Szene, besuchen am Wochenende entsprechende Szenepartys, Konzerte oder andere Events, hören bevorzugt die Musik einer bestimmten Szene, wollen sich aber nicht verbindlich festlegen. Jeder Szene-Kern wird so von einem mehr oder weniger großen Mitläuferschwarm umkreist, der zum Beispiel im Falle von Techno bzw. elektronischer Musik und Hip-Hop mehrere Millionen Jugendliche umfassen kann. So sind die Aktiven der Jugendkulturen wichtige opinion leader oder role models ihrer Generation.[1]

Musik ist für fast alle Jugendlichen so ziemlich das Wichtigste auf der Welt. So ist auch die Mehrzahl der Jugendkulturen, von denen heute die Rede ist, musikorientiert: Techno, Heavy Metal, Punk, Gothics, Indies; auch Skinheads gäbe es nicht ohne Punk, Reggae und Ska; selbst für die Angehörigen der Boarderszenen, eigentlich ja eine Sportkultur, spielt Musik eine identitätsstiftende Rolle. Dabei geht es nie nur um Melodie und Rhythmus, sondern immer auch um Geschichte, Politik und grundlegende Einstellungen zur Gesellschaft, die nicht nur die Texte und Titel der Songs vermitteln, sondern auch die Interviews, Kleidermarken, nonverbalen Gesten und Rituale der jeweiligen Künstlerinnen und Künstler. Musik ist für viele Jugendliche - vor allem, aber nicht nur für die in Szenen - ein bedeutender Teil der Identitätsfindung.

Fußnoten

1.
Vgl. Klaus Farin, Jugendkulturen in Deutschland. Band 1: 1950-1989, Band 2: 1990-2005, Bonn 2006 (Bd. 3 und 5 in der Reihe "Zeitbilder" der Bundeszentrale für politische Bildung, vergriffen, Neuauflage für 2011 geplant); ders., Über die Jugend und andere Krankheiten. Essays und Reden 1994-2008, Berlin 2008.

Dossier

Jugendkulturen in Deutschland

Skinheads, Punks, Hooligans, Gothics, Skater oder Hip-Hopper: Nicht alle Jugendlichen schließen sich einer Jugendkultur an. Aber der Einfluss derjenigen, die mit ganzem Herzen dabei sind, ist nicht zu unterschätzen. Sie sind Meinungsbildner und kulturelle Vorbilder für eine große Zahl von Gleichaltrigen.

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