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25.6.2010 | Von:
Klaus Farin

Jugendkulturen heute - Essay

Artificial tribes

Jugendkulturen sind also teuer, zeitintensiv und mitunter extrem anstrengend. Anders als "normale" Konsumenten müssen Szeneangehörige ständig auf dem Laufenden sein über die neuen Hits und Moden ihrer Kultur; sie müssen zu Beginn oft eine eigene Sprache aus Worten, Gesten, Ritualen und äußeren Kennzeichen lernen, deren Grammatik und Vokabular nirgendwo schriftlich fixiert ist, aber doch genau eingehalten werden muss, um mit den anderen Eingeweihten adäquat kommunizieren zu können und nicht gleich als uninformierter Mitläufer dazustehen.

Aber warum eigentlich die ganze Mühe, was macht Jugendkulturen für Jugendliche so attraktiv?

Jugendkulturen sind in der Lage, die nicht nur von Jugendlichen als immer chaotischer empfundene Welt ein wenig zu ordnen. Sie sind Beziehungsnetzwerke, bieten Jugendlichen eine soziale Heimat, eine Gemeinschaft der Gleichen. Wenn eine Gothic-Frau aus München durch Hamburg oder Rostock läuft und dort einen anderen Gothic trifft, wissen die beiden sofort enorm viel über sich. Sie (er)kennen die Musik-, Mode-, politischen und eventuell sexuellen Vorlieben des anderen, haben mit Sicherheit eine Reihe derselben Bücher gelesen, teilen ähnliche ästhetische Vorstellungen, wissen, wie der andere zum Beispiel über Gewalt, Gott, den Tod und Neonazis denkt. Und falls die Gothic-Frau aus München eine Übernachtungsmöglichkeit in Hamburg oder Rostock sucht, kann sie mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass ihr der andere weiterhilft, selbst wenn die beiden sich nie zuvor gesehen haben. Jugendkulturen sind artificial tribes, künstliche Stämme und Solidargemeinschaften, deren Angehörige einander häufig bereits am Äußeren erkennen. Sie füllen als Sozialisationsinstanzen das Vakuum an Normen, Regeln und Moralvorräten aus, das die zunehmend unverbindlichere, entgrenzte und individualisierte Gesamtgesellschaft kennzeichnet.

Zudem sind Jugendkulturen trotz aller Kommerzialisierung zumindest für die Angehörigen eines Szene-Kerns vor allem eine attraktive Möglichkeit des eigenen kreativen Engagements. Weil die Kommerzialisierung ihrer Freizeitwelten auch negative Folgen hat und die Popularisierung ihrer Szenen ein wichtiges Motiv der Zugehörigkeit zu eben diesen Szenen aushebelt - nämlich die Möglichkeit, sich abzugrenzen -, schafft sich die Industrie automatisch eine eigene Opposition, die sich über den Grad ihrer Distanz zum kommerziellen Angebot definieren: Wenn alle bestimmte Kultmarken tragen, trage ich eben nur No-Name-Produkte. Sag mir, welche Bands auf MTV und Viva laufen, und ich weiß, welche Bands ich garantiert nicht mag.

Wer wirklich dazugehören will, muss selbst auf dem Skateboard fahren, nicht nur die "richtige" teure Streetwear tragen, selbst Graffiti sprühen, nicht nur cool darüber reden, selbst Musik machen, nicht nur hören, usw. Es sind schließlich die Jugendlichen selbst, welche die Szenen am Leben erhalten. Auch hier sind es wieder Minderheiten, doch diese gehören oft zu den Kreativsten ihrer Generation. Sie organisieren die Partys und andere Events, sie produzieren und vertreiben die Musik, sie geben derzeit in Deutschland (trotz der zunehmenden Bedeutung des Internets immer noch) mehrere tausend szeneeigene, nichtkommerzielle Zeitschriften - sogenannte Fanzines - mit einer Gesamtauflage von mehr als einer Million Exemplaren jährlich heraus. Für sie sind Jugendkulturen Orte der Kreativität und der Anerkennung, die sie nicht durch Geburt, Hautfarbe oder Wohlstand der Eltern erhalten, sondern sich ausschließlich durch eigenes, freiwilliges, selbstbestimmtes und in der Regel ehrenamtliches Engagement verdienen.

Noch nie waren so viele Jugendliche kreativ engagiert wie heute - in jeder Stadt in Deutschland gibt es heute Rapperinnen und Rapper, B-Boys und -Girls, Sprayerinnen und Sprayer, DJs und DJanes. Tausende von Jugendlichen produzieren Woche für Woche an ihren PCs Sounds - der einzige Lohn, den sie dafür erwarten und bekommen, ist Respekt. Noch nie gab es so viele junge Punk-, Hardcore- und Metal-Bands wie heute. Das Web 2.0 ist nicht nur ein Ort der Jugendgefährdung, sondern auch ein Tummelplatz enormer jugendkultureller Aktivitäten, mit denen bereits 14-, 15-, 16-Jährige eine Medienkompetenz zeigen und sich erwerben, über die manch hauptberuflicher Jugendschützer nicht ansatzweise verfügt. Auch die Sportszenen jenseits der traditionellen Vereine - von den Boarderszenen über Parcours bis zu den Juggern - boomen.

Doch noch nie war die Erwachsenenwelt derart desinteressiert an der Kreativität ihrer "Kinder". Respekt ist nicht zufällig ein Schlüsselwort fast aller Jugendkulturen. Respekt, Anerkennung ist das, was Jugendliche am meisten vermissen, vor allem von Seiten der Erwachsenen. Viele Erwachsene, klagen Jugendliche, sehen Respekt offenbar als Einbahnstraße an. Sie verlangen von Jugendlichen, was sie selbst nicht zu gewähren bereit sind, und beharren eisern auf ihre Definitionshoheit, was anerkennungswürdig sei und was nicht: Gute Leistungen in der Schule werden belohnt, dass der eigene Sohn aber auch ein exzellenter Hardcore-Gitarrist ist, die Tochter eine vielbesuchte Emo-Homepage gestaltet, interessiert zumeist nicht - es sei denn, um es zu problematisieren: Bleibt da eigentlich noch genug Zeit für die Schule? Musst du immer so extrem herumlaufen, deine Lehrer finden das bestimmt nicht gut ...

Dabei weiß jede gute Lehrerin bzw. jeder gute Lehrer, welche Schülerinnen, welche Schüler am meisten Stress verursachen: die Gleichgültigen, die, die sich für gar nichts interessieren, keine Leidenschaft kennen, für nichts zu motivieren sind. Schule braucht heute nicht nur motivierte Lehrer, sondern auch engagierte, kreative, selbstbewusste Schüler. Leider haben immer noch sehr, sehr viele Jugendliche wenige Chancen, Selbstbewusstsein zu erwerben. Viele fühlen sich schon mit 13, 14 Jahren "überflüssig" in dieser Gesellschaft. Und die Schule ist offenbar oft nicht in der Lage bzw. willens, gegenzusteuern. Sie hat es bis heute nicht verstanden, strukturell eine Anerkennungskultur zu entwickeln, die Schüler für gute Leistungen belohnt statt für Versagen zu bestrafen und herabzuwürdigen.

Jugendkulturen werden deshalb immer wichtiger: Hier können Jugendliche einmal selbst erfahren, dass in ihnen noch etwas steckt, dass sie kreative Fähigkeiten haben, die ihnen ihre Umwelt selten zutraut - bis sie sich selbst auch nichts mehr zutrauen.


Dossier

Jugendkulturen in Deutschland

Skinheads, Punks, Hooligans, Gothics, Skater oder Hip-Hopper: Nicht alle Jugendlichen schließen sich einer Jugendkultur an. Aber der Einfluss derjenigen, die mit ganzem Herzen dabei sind, ist nicht zu unterschätzen. Sie sind Meinungsbildner und kulturelle Vorbilder für eine große Zahl von Gleichaltrigen.

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