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25.6.2010 | Von:
Peer Wiechmann
Harald Weilnböck
Silke Baer

Jugendkulturen in der politischen Bildungsarbeit

Warum Jugendkulturen?

Die Sozialisationsfaktoren und sozialen Bedingungen für heutige Heranwachsende haben sich grundlegend geändert und sind im Kontext einer beschleunigten Modernisierung von hohen Individualisierungsanforderungen und Desintegrationsrisiken bestimmt.[3] Die Prägung durch peer group (die Gruppe der Gleichaltrigen) und Jugendkultur hat im Vergleich zu traditionellen identitätsstiftenden Bindungen wie Familie, Schule, Religion, Vereine oder Parteien an Bedeutung gewonnen. Dies gilt in besonderem Maße für randständig und prekär situierte Jugendliche. Jugendkulturen wie Hip-Hop, Reggae-Dancehall, Punk, Skateboarding und andere stellen somit nicht nur sportliche und ästhetische Aktivitäten dar. Sie dienen als existentielles lebensweltliches Umfeld, in dem Jugendliche Handlungskompetenzen, Geschlechteridentitäten und Konfliktlösungsstrategien entwickeln.[4]

An dieses Lebensumfeld lässt sich direkt anknüpfen, gerade auch mit Blick auf zivilgesellschaftliche Demokratieerziehung und politische Bildung: Denn Jugendkulturen bieten mehr als einen Sound oder ein Outfit, sie haben vielfach soziale und bürgerrechtliche Entstehungsgeschichten, an die auch heutigen Jugendliche anschließen können - Geschichten, die man aber zunächst in Erinnerung rufen muss. Selbst diejenigen, die einer Jugendkultur anhängen, wissen zum Teil nur sehr wenig über deren Geschichte, kaum etwas über die Musiktexte und deren Bedeutung und noch viel weniger darüber, was diese eventuell mit ihren eigenen Lebenswelten zu tun haben könnten. Dabei ist in Hip-Hop, Punk oder Gothic im Grunde alles enthalten, was eine von prekären sozialen Bedingungen, familiären Problemen und beruflicher Aussichtslosigkeit bedrängte Jugendgeneration betrifft - und worüber gesprochen werden muss, wenn hier nicht Extremismus und destruktives Verhalten entstehen sollen.

Blickt man zudem auf die Tendenzen der kommerzialisierten Jugendkulturindustrien, ergeben sich wiederum ganz neue Anknüpfungsmöglichkeiten einer kontextuellen politischen Bildung. Denn die Do-it-yourself-Einstellung, die einst die Punkbewegung prägte, hat wenig zu tun mit in China hergestellten Nietenbändern oder bereits in der Produktion zerrissenen Hosen und industriell bemalten Taschen, die von den großen Bekleidungsketten feilgeboten werden. Auch die sexistischen Männlichkeitsidole und die Gewaltverherrlichung, die inzwischen einen Teil des Hip-Hop prägen und in den Mainstream-Musikfernsehsendern MTV und VIVA erscheinen, sind mit jenem Habitus der gegenseitigen Anerkennung, des Respekts und der Gewaltfreiheit unvereinbar, der ein Kernelement bei der Entstehung von Hip-Hop war.

All diese jugendkulturellen Aspekte sind wahre "Türöffner für die Auseinandersetzung mit verschiedenen Diskriminierungsformen", wie in einer Studie des Deutschen Jugendinstituts festgestellt wird: "Die Beschäftigung mit Jugendkulturen als Zugang der Rechtsextremismusprävention zeichnet sich besonders durch eine starke Lebensweltorientierung aus." Dieser Ansatz setze "an den jugendkulturellen Interessen der Jugendlichen an und nutzt diese als Einstieg für eine Diskussion über gesellschaftliche Fragen".[5] Darüber hinaus eröffnet dieser Ansatz aber auch Möglichkeiten zum lebensweltlichen Erzählen, das überhaupt erst einen verlässlichen persönlichen Zugang schafft.

Eine besondere Bedeutung - ja, geradezu eine zwingende Notwendigkeit - hat die Auseinandersetzung mit verschiedenen Jugendkulturstilen auch durch den Umstand erhalten, dass rechtsextreme Gruppierungen dazu übergegangen sind, diese Stile zu kopieren und zu simulieren. Gerade die besonders gewaltaffinen und menschenverachtenden Formationen wie die "Autonomen Nationalisten" ahmen linke und sozialrevolutionäre Gesten nach, tragen "Palästinensertücher", bedienen sich bei Hip-Hop (wie aktuell die Rapperin Dee Ex) oder Techno als moderne Varianten der Marschmusik. Der Aufklärungsbedarf besteht somit inzwischen in doppelter Hinsicht, da er nicht mehr nur Ideologie und Praktiken des politischen Extremismus - oder zunehmend auch des religiösen Fundamentalismus - betrifft, sondern auch dessen jüngste Indienstnahme und Verkehrung von ursprünglich freiheitlich intendierten und toleranzorientierten Jugendkulturen. Heranwachsende, Lehrerinnen und Lehrer, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter sollten diese Zusammenhänge einschätzen können.

Fußnoten

3.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, Frankfurt/M. 1986; Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 5, Frankfurt/M. 2007.
4.
Vgl. Barbara Stauber, Junge Frauen und Männer in Jugendkulturen, Opladen 2004.
5.
Gabi Elverich/Michaela Glaser/Tabea Schlimbach, Rechtsextreme Musik, Halle/S. 2009, S. 109.

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