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25.6.2010 | Von:
Peer Wiechmann
Harald Weilnböck
Silke Baer

Jugendkulturen in der politischen Bildungsarbeit

Auslöser für den lebensweltlich-narrativen Modus einer persönlich-politischen Bildung

Es waren im Grunde die brisanten Praxissituationen und die zu Zynismus und Destruktivität neigenden Jugendlichen, die Cultures Interactive zu ihrem methodisch erweiterten Ansatz führten. Zwar sind auf den Veranstaltungen meist nur sehr Wenige, die sich dem Angebot der Workshops entziehen können. Manchmal aber schotten sich kleine Grüppchen ab. Und gerade in den Gesprächsrunden mit gesellschaftlich-politischen Themen kommt es mitunter zu Störungen, bei denen versucht wird, mit aggressiven, menschenverachtenden und rechtsextremen Parolen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Das hierbei angezeigte Vorgehen lässt sich knapp zusammenfassen. Destruktive, störende Verhaltensweisen und extremistische Äußerungen oder auf Kleidung sichtbare Symbole müssen zum einen so rasch wie möglich als solche erkannt und offen angesprochen werden, zum anderen muss derartiges Verhalten auf angemessene und pädagogisch wirksame Weise eingeschränkt werden. Unbedingt zu verhindern ist, dass Jugendliche, die dergleichen Verhaltensweisen und Aussagemuster zeigen, die Veranstaltung als Plattform zur Agitation und Selbstdarstellung missbrauchen. Die Sicherung der Arbeitsfähigkeit der Gruppen hat oberste Priorität, wie auch der Schutz der am Projekt interessierten Jugendlichen, die im normalen Schul- und Jugendalltag ohnehin ständig unter den Einschüchterungen von destruktiv agierenden Mitschülern zu leiden haben.

Von großer Bedeutung ist, dass die für die Veranstaltungen geltenden Regeln und Sanktionen von Anfang an verdeutlicht, Regelverletzungen geklärt und geahndet und Jugendliche im Zweifelsfall verwiesen werden - jedoch niemals in einen leeren Außenraum: Denn für die gesamte Veranstaltung gilt die Lern- und Resozialisierungsprämisse. Wenn jemand ausgeschlossen werden muss, sollte stets klargestellt werden, dass dies aus Notwendigkeit und in guter Absicht geschieht und dass jedermann später wieder zugelassen werden kann. Aus diesem Grund gibt es bei jeder Cultures-Interactive-Veranstaltung ein Interventionsteam ("Time-out-Team"), das gegebenenfalls in einem eigens dafür vorgesehenen Bereich das Gespräch mit den Störern aufnimmt.

Die Auseinandersetzungen mit Störern trugen nicht unwesentlich dazu bei, dass wir auch unsere generelle Methodik weiterentwickelten. Zwar ist die Aufgabe des "Time-out-Teams" schwierig und für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitunter schockierend. Zynismus, hasserfüllte Ansichten ("Die Ausländer da in dem Asylbewerberheim, alle verbrennen. Da ist es nicht schade drum.") und störrisches Beharren müssen ertragen und konfrontiert werden, wobei die üblichen Mittel der politischen Bildung freilich nicht viel ausrichten können. Auch bedürfen manche dieser jungen Menschen im Grunde einer längerfristigen sozialpädagogischen und psychologischen Betreuung, für die es im Rahmen von Schulen und Jugendeinrichtungen jedoch kaum hinreichende Ressourcen gibt. Aber dennoch war es nachgerade verblüffend, wie häufig es selbst in unserem begrenzten Rahmen gelang, eine Gesprächsgrundlage herzustellen und einen Impuls zu setzen, manchmal sogar eine korrektive Erfahrung zu ermöglichen. Und immer wenn dies der Fall war, stellten wir im Nachhinein fest: Die Mitglieder des "Time-Out-Teams" hatten intuitiv den persönlich-lebensweltlichen Zugang gewählt, sich zugewandt-hinterfragend verhalten und den narrativ-erzählenden Austausch gesucht.

Dies war kaum überraschend - denn wie sollte man sonst jemandem begegnen, der sich in eine völlig verbiesterte Widerstandshaltung verbohrt hat und nur noch nach Provokationsfloskeln und Extremargumenten greift? Nach dieser Herangehensweise könnte man also zum Beispiel vorübergehend paradox intervenieren, wobei man aber allgemein-verbindlich, zieloffen und nicht argumentativ ins Gespräch gehen müsste: Wie es denn eben in der Gruppe eigentlich zur Störung gekommen sei, ob einem das öfter so gehe, wie der Tag heute überhaupt gelaufen sei, ob man verstehen könne, dass andere vor einem Angst hätten etc. Wie in der offenen "Wir-unter-uns-Gruppe" sind die Möglichkeiten der narrativ-lebensweltlichen Nachfrage zahllos, sobald Argumentationszwang und Themenbindung aufgehoben sind. Und häufig findet man sich schließlich umso verlässlicher bei einem jener brisanten Auslöserthemen wieder, die man zunächst zu verlassen gezwungen war.

Für uns stellt sich nun die Frage, welche Konsequenzen sich aus diesem Befund für Methodeninnovationen in der politischen Bildung ergeben sollten. Die Antwort darauf ist die Weiterentwicklung unseres Ansatzes: Cultures Interactive arbeitet mit Jugendkulturen, vermittelt durch einen lebensweltlich-persönlichen, zugewandt-hinterfragenden Ansatz der zivilgesellschaftlichen Demokratieerziehung, der auch Formen des offenen Gruppengesprächs umfasst. Die drei Formate, in denen wir dies umzusetzen versuchen, sind: bundesweite Projekttage für Schulen und offene Jugendarbeit mit flankierenden Erwachsenen-Fortbildungen, gemeinwesen- und sozialraumorientierte Interventionsstrategien der Gewalt- und Extremismusprävention (z.B. im Modellprojekt "KulturRäume2010") sowie die Entwicklung von Weiterbildungslehrgängen zur Qualifizierung von Jugendkulturtrainern (z.B. im Projekt "Fair Skills").

Ein besonderes Anliegen für die Zukunft ist es, weiterhin an empirischer Begleit- und Wirkungsforschung im europäischen Vergleich teilzuhaben und den Ansatz in die schulischen Lehrpläne des Ganztagsschulbereichs mit integrierten pädagogischen Nachmittagsveranstaltungen einzubringen. Nach erfolgreicher Umsetzung der geschilderten Innovationen bedarf es jetzt vor allem der institutionellen Einbindung und Verstetigung.


Dossier

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