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10.6.2010 | Von:
Jan Philipp Reemtsma

Wozu Gedenkstätten?

Dokumentationsort und Friedhof

Gegen Verleugnung des Geschehenen war die, wenn man sich so ausdrücken will, Protophase der Gedenkstätten gerichtet. "Museen und Gedenkstätten zur Bewahrung der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen gründen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern selbst, genauer gesagt in deren Untersuchung und öffentlichen Präsentation als Tatorte [2] An diesen Zweck knüpfte die Formsprache der ersten Gedenkstätten an: Sie dokumentierten, um die Verbrechen zu belegen. Die Gegenwelt der Konzentrations- und Vernichtungslager (diese Unterscheidung und letzterer Begriff mussten erst gefunden werden und sich durchsetzen), schien zunächst im diffusen Schreckensbild "des Krieges" aufzugehen. Eine auch nur halbwegs ernsthafte juristische Antwort auf die Verbrechen gab es nicht - erst der internationale Druck nach dem Eichmann-Prozess erzwang sie. Da das Bemühen um die Errichtung und den Betrieb von Gedenkstätten an den Orten der Lager in der Bundesrepublik gegen Widerstände aller Art durchgesetzt wurde, lag es auf der Hand, dass hier die Formensprache der Dokumentation im Sinne der Beweissicherung fortgeführt wurde. Man bewahrte etwas, das man mehrheitlich nicht ansehen und in seiner Bedeutsamkeit nicht wahrnehmen - kurz: etwas, das man im Grunde nicht wahrhaben wollte. Gegen diesen Konsens des Nicht-wirklich-Wahrhaben-Wollens, der Verleugnung im erläuterten Sinne, richteten sich die Gedenkstätten.

Und sie dienten einem weiteren Zweck: Sie waren Friedhöfe. Orte, wo die Überreste der Gestorbenen, Verkommenen, Ermordeten verscharrt, vergraben, verbrannt, verstreut sind - der Ort ihres Todes, der Ort, an den die Überlebenden gehen konnten, um ihrer Kameraden zu gedenken. Die westdeutsche Zögerlichkeit, an den Orten der Lager Orte zu errichten, an denen dies unter würdigen Umständen möglich sein konnte, ist eine besondere Rohheit gewesen. Auf einen Friedhof gehen die Überlebenden, die Nachkommen in einem familiären oder übertragenen Sinn, und es werden, das ist bei realen wie bei imaginären Familien so, im Laufe der Jahre und Generationen weniger. Wo es solche Traditionen nicht gibt, verfallen die Friedhöfe und werden Orte, zu denen irgendwann niemand mehr geht. Solche Orte aber sollen die Gedenkstätten nicht sein. Nie sind Gedenkstätten nur Friedhöfe gewesen. Die Orte sollen zugleich etwas anderes sein, etwas, das über die engagierte Erinnerung der sich als Nachkommen Fühlenden hinausreicht, ein Ort für "kommende Generationen" und für die kommenden Generationen "aller Nationen".

Damit ist der Zweck der ersten Gedenkstätten, Orte der Dokumentation zu Beweiszwecken (in Deutschland für Deutsche) zu sein und persönliche Gedenkstätte für die Überlebenden und die Nachkommen, bereits transzendiert. Hier wird etwas postuliert wie ein Menschheitserbe, das über Zeit und Ort hinausreicht, das sozusagen nicht mehr in der Geschichte steht, sondern seinerseits Geschichte definiert, die sich ihm zuordnen soll. Aber - ob wir uns solchem Pathos nun nahe fühlen oder nicht - wie ist das eigentlich zu verstehen? Denken wir an Erinnerungsorte anderer Art. Zum Beispiel Kriegerdenkmäler: Auch sie sind Orte, an denen sich Hinterbliebene versammeln können. Auch das würde aufhören, wenn die besonderen Namen, die auf dem Denkmal goldunterlegt eingegraben sind, niemandem mehr etwas sagen. Aber das Denkmal selber soll dem Ort noch weiterhin etwas sagen; vielleicht, dass eine künftige Generation im Kriegsfalle ebenso leichten Herzens ins Feld ziehen möge, wie das von den Gefallenen behauptet wird. Oder auch nur, dass sie versichert sein sollen, dass auch ihrer einst gedacht werden wird. Jedenfalls dient das Denkmal zur Sinnstiftung vor Ort. Dem durchreisenden Touristen sagt es nichts, er kennt dergleichen von zu Hause, dort bewegt es ihn, im anderen Land respektiert er es allenfalls.

Ein Gedenken schlechthin ist schwer vorstellbar. Aber ebendies wird im Zusammenhang mit den Gedenkstätten verlangt. Jedenfalls heutzutage. Die NS-Gedenkstätten in der DDR dienten einem anderen Zweck. Sie ähnelten weit mehr dem Zweck der Kriegerdenkmäler. Sie waren zur moralischen Sinnstiftung da, sie definierten Tradition, so "das 1945 auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers Buchenwald eingerichtete ,Museum des Widerstands', dessen Ausstellung mittels des Leitmotivs ,durch Sterben und Kämpfen zum Sieg' die DDR als das aus dem kommunistischen Widerstand heraus geborene, bessere Deutschland legitimieren sollte".[3] Da ein entsprechendes Geschichtsverständnis im Westen fehlte, konnten den Gedenkstätten solche sinnstiftenden Aufgaben nicht zugeteilt werden. Wenn wir auf diese Form der Gedenkstätten zurückblicken, empfinden wir Unbehagen. Wir sagen, das Gedenken sei instrumentalisiert worden. Dabei ist es nicht nur so, dass wir, etwa aus Abneigung gegen das DDR-Regime, dem wir diese Legitimationsstrategie nicht zubilligen, nur diese spezielle Instrumentalisierung nicht akzeptieren, sondern dass jede Instrumentalisierung zu einem bestimmten politischen Projekt auf unsere, emotional stark grundierte, Skepsis stößt. Es sei denn, eine Instrumentalisierung (die wir dann allerdings nicht so nennen), die sich direkt auf das Geschehen, dem die Gedenkstätten gewidmet sind, bezieht, dient einer Politik des "Nie wieder!", also der historischen Aufklärung mit dem Ziel der Herausbildung politischer und/oder psychischer Resistenzen gegen Diskriminierung, Rassenhass, Antisemitismus, politische Intoleranz. Auch hier bekommt das Gedenken etwas beinahe Tautologisches: Es bezieht sich auf die Ereignisse, deren gedacht werden soll, und soll explizit nicht über sie hinausweisen, sondern nur eine Art historischer Verlängerung in die Zukunft darstellen.

Dass dieses Zeit, Raum und eingegrenzte Personenkreise überschreiten sollende Gedenken nicht aus dem Sinn der Gedenkstätte, ein Friedhof zu sein, hervorgeht, ist klar. Noch offensichtlicher aber ist, dass er auch nicht aus dem Zweck, Ort der Beweiserhebung zu sein, hervorgeht. Beweiserhebungen sind irgendwann abgeschlossen. Der Fall ist bekannt, es ist klar, wer Täter und Opfer sind, die Täter sind bestraft - oder haben sich der Bestrafung entzogen. An die Stelle der Beweissammlung tritt allenfalls die des Kriminalmuseums. Auch wenn wir eine Ahnung davon haben, Zeuge welchen Leides solche Orte gewesen sind, so ist doch unsere emotionale wie intellektuelle Verbindung zu ihnen lose. Vor allem: Ihr Besuch steht uns frei, er ist Teil der Freizeit, der touristischen Neugier. Das ist zwar faktisch auch bei den NS-Gedenkstätten der Fall (jedenfalls dann, wenn wir nicht einer Schulklasse angehören, die einen obligatorischen Besuch im Rahmen des Geschichts- oder Gemeinschaftskundeunterrichts absolvieren müssen), aber unsere Haltung während des Besuches sollte eine andere sein - getragen von wenigstens einer Ahnung dieser besonderen, wenn auch schwierig zu formulierenden Bedeutung des Ortes.

Fußnoten

2.
Ebd., S. 398.
3.
Ebd., S. 401.