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10.6.2010 | Von:
Jan Philipp Reemtsma

Wozu Gedenkstätten?

Sakraler Ort

Das ist der Modus der Sakralität. Der sakrale Ort ist nicht unser Objekt, sondern wir sind seines; nicht er muss seine Existenz vor uns rechtfertigen, sondern wir unsere Lebensmodalitäten vor ihm. Und dies kann eben einer Kombination von Anklage und Totengedenken nicht erwachsen sein. Tatsächlich ist ihm ein vielerorts zunächst verweigertes angemessenes Totengedenken vorangegangen. Und die Praxis der Dokumentation hatte mit der tatsächlichen Ahndung der Verbrechen nichts zu tun. Wie immer man zur Verfolgung der unter der NS-Diktatur begangenen Verbrechen stehen mag, für wie vermeidbar man die unbestrittenen Defizite halten mag - jedenfalls war sie mit der Sicherungsarbeit der Gedenkstättenpraxis allenfalls zufällig verbunden. Es gab keine gesellschaftlich relevante Praxis, keinen politisch dominierenden Diskurs, aus der und dem die Gedenkstättenpraxis hätte hervorgehen können. Insofern könnte man zu dem Schluss kommen, die Sakralisierungspraxis sei schlicht das Ergebnis der Umstände gewesen: Aus der Kombination des Fehlens einer akzeptablen Begründung und der Überzeugung, dass das, was man tat, von großer Wichtigkeit sei, ergab sich die Atmosphäre einer in sich selbst ruhenden Begründung.

Spätestens hier wird eine Einrede laut: Die Gedenkstätten in West und Ost sind mittlerweile Orte sehr genauer und kompetenter Rekonstruktion der Vergangenheit - der Vergangenheit der Orte, die heute Gedenkstätten sind, und der deutschen Vergangenheit, welche die Lager hervorgebracht hat. Sie sind Teil der Historiographie des Nationalsozialismus geworden und haben als solche mit Sakralisierung nicht das Geringste zu tun. Außerdem hat sich an diese lokale Historiographie ein vielfältiges geschichtspädagogisches Bemühen angeschlossen. Hier wird nicht nur an Emotionen appelliert, sondern erläutert, erzählt, kontextualisiert und ein Raum für politische Diskussion eröffnet.

All das ist richtig. Und ist doch kein Einwand gegen das Ausgeführte. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Wäre ich Geschichts- oder Gemeinschaftskundelehrer, würde ich wahrscheinlich auch eine Reise zu einer Gedenkstätte machen und eine Unterrichtseinheit dazu konzipieren - wenn ich auch möglicherweise nur mit denen fahren würde, die wirklich wollen, dem Leistungskurs etwa. Ich würde allerdings keinerlei direkte didaktische Nutzanwendung aus solchem Besuch ziehen - soll heißen: über den der Informationsvermittlung hinaus. Ich halte die Idee, man könnte erfolgversprechend vor Gegenwärtigem warnen, wenn man zeigt, wohin das einmal geführt hat, für nicht besonders gut. Leute zu diskriminieren und zu quälen ist auch dort stets verwerflich gewesen, wo keine Gefahr bestand, dass es zu einem Massenmord ausarten könnte. Ganz absurd aber wird das pädagogische Bemühen dort, wo Gedenkstätten etwas sein sollen wie Orte der Umkehr, an denen junge Menschen, die sich im Diskriminieren, Schikanieren und Quälen hervorgetan haben, lernen sollen, wo das hinführt. Man sollte nicht vergessen, dass man in den Gedenkstätten den Besuchern das Einzige vorführt, was im Nationalsozialismus verlässlich geklappt hat: das systematische Quälen und Ermorden von Menschen. Warum eigentlich sollte jemand, der Spaß daran findet, Menschen zu quälen, solche Orte nicht attraktiv finden?