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10.6.2010 | Von:
Jan Philipp Reemtsma

Wozu Gedenkstätten?

Geschichtsdeutung

Was die Geschichtsschreibung in Form von Ausstellungen in Gedenkstätten angeht, so wird man sagen müssen, dass sie gerade dort an historiographischer Qualität gewonnen haben, wo sie sich von dem besonderen Anspruch des Ortes, an dem sie zu sehen sind, zwar nicht freigemacht haben, aber doch so konzipiert worden sind, als müssten sie auch ohne die sie umgebende Aura bestehen können. Ich habe den Ausdruck "sakral" benutzt. Knigge spricht von "Läuterungsräumen": "Ausgesprochen oder unausgesprochen ging es (...) darum, wie man den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen, mit der subkutanen Tradierung von NS-Einstellungen sowie Wahrnehmungsmodi brechen und die deutsche Gesellschaft von nach wie vor vorhandenen NS-Schlacken reinigen könnte. Ausstellungen waren so gesehen weniger Medien der Information als vielmehr Evokationen des Verleugneten, Bekenntnisse, Läuterungsräume, politische Stellungnahmen und Erziehungsinstanzen (...)."[4] Auch dort, wo die Verantwortlichen für das, was in den Gedenkstätten zu sehen ist, ihre Arbeit anders, akademischer etwa definieren, bleibt sie doch moralisch-sinnstiftend konnotiert, weil es die Vergangenheitsvergegenwärtigung, die sie darstellt, selber ist: weil eben Erinnerung an sich gut ist, weil wir Erinnerung brauchen, weil wir - das Zitat von Santayana stellt sich unweigerlich ein -, wenn wir die Vergangenheit nicht erinnern, gezwungen sind, sie zu wiederholen.

Doch warum sollte es so sein? Selbst als missverstandene Psychoanalyse stimmt es nicht. Vergangenheit regiert uns nicht aus dem Grab, und die Vorstellung, wir müssten sie durch Namensnennung gleichsam bannen, ist Aberglaube. Die Vergangenheit birgt für sich genommen keine Lektionen. "The historical past", so Tzvetan Todorov, "like the natural order, has no intrinsic meaning, and by itself it produces no values at all."[5] Die Orte des Gedenkens an die Ermordeten, die man den Überlebenden als Orte des Gedenkens lange verweigert hatte, die Orte der Dokumentation ohne gesellschaftliche Rechtsfindungspraxis, die sie als unabdingbare Bestandteile integriert hätte, sind heute mit einer Art Auftrag befrachtet, dem das, was in den Gedenkstätten geschieht, umso weniger gerecht werden kann, als er gar nicht explizit ist, sondern nur in dem unbefragten Wert besteht, dem man der Existenz der Gedenkstätten zuspricht, ohne ihn zu begründen. Jeder pädagogische Auftrag wird fragwürdig, wenn man ihn in diesem Zusammenhang näher zu bestimmen versucht; von jeder Geschichtsschreibung verlangt man hier mehr, als sie nach unserem Verständnis leisten kann: nämlich Sinn zu stiften.

Doch wann geschichtliche Katastrophen nachhaltige Erschütterungen im Selbstgefühl der von ihnen Betroffenen auslösen, welche Ausdrucksform solche Erschütterungen finden - darüber wissen wir nichts, was sich verallgemeinern ließe. Wir wissen, dass die Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg eine Kritik der menschlichen Grandiositätsvorstellungen mit sich gebracht hat; in der Folge dieser durch Sokrates repräsentierten Kritik ist mit Platon die abendländische Philosophie entstanden. Wir wissen auch, in welcher Weise die Krise des Welt- und Menschenbildes in der Folge des Dreißigjährigen Krieges in der Literatur repräsentiert wurde: im Immer-wieder-neu-Besingen der Unbeständigkeit des menschlichen Lebens. Man wird indes kaum sagen können, die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges sei in der Literatur des Barock "verarbeitet" worden. Dennoch kann man sagen, dass die deutsche Literatur des Barock der Ort gewesen ist, an dem sich die Erschütterungen ablesen lassen, die Krieg, Krankheit und Massentod bewirkt haben. Wo wäre die äquivalente Repräsentanz des "zweiten Dreißigjährigen Krieges", wie die Zeit von 1914 bis 1945 von Historikern genannt worden ist? Wir finden weder in der Literatur noch in der Malerei oder anderen Kunstformen ein ähnlich insistentes Sich-drehen um ein Thema wie im Barock.

Aber wir finden in der Historiographie und in ihrer öffentlichen Wirkung ein ähnliches Phänomen: "Mit geradezu neurotischem Eifer durchforschen immer neue Generationen deutscher Wissenschaftler auch noch die winzigsten Verästelungen der NS-Zeit", formulierte seinerzeit der Abgeordnete des Deutschen Bundestages, Martin Hohmann, zum Tag der Deutschen Einheit 2003. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" wurde ihm von Patrick Bahners geantwortet: "Es kann nicht die Rede davon sein, daß die heutige Generation der Zeithistoriker die Arbeit ihrer Vorgänger dupliziert. Die Metapher von den Verästelungen, die allenfalls noch unerforscht wären, führt in die Irre. In Wahrheit ist das Hitlerreich in wesentlichen Hinsichten immer noch terra incognita. Wie zuletzt die Rezensionen des vierten Bandes von Hans-Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte gezeigt haben, streiten die Gelehrten nach wie vor sogar darüber, ob die wichtigste Entscheidung der zwölf Jahre, die Anordnung der Ermordung der europäischen Juden, überhaupt von Hitler persönlich getroffen worden ist."

Die bloße Tatsache einer solchen Kontroverse ist bezeichnend. Wäre es denkbar, dass jemand beim Erscheinen eines neuen Bandes über den Investiturstreit oder einer neuen Alexander-Biographie verbal auf den Tisch schlüge und sagte, nun sei es aber genug? Wäre es auf der anderen Seite denkbar, dass jemand antwortete und sagte, es sei das Hochmittelalter oder der Zusammenbruch des Persischen Reiches leider immer noch Terra incognita, weil die Gelehrten sich nach wie vor über Wichtigstes nicht einig seien? Man würde den Kontrahenten bedeuten, so sei Geschichtsschreibung nun einmal: Sie sei nie zu Ende. Es gebe immer neue Aspekte, immer neue Erfahrungen, unter denen die Vergangenheit sich neu darstelle - und manchmal gebe es sogar neue Quellen. Aber die Geschichte des Nationalsozialismus lässt sich so abgeklärt nicht besprechen. Was hier stattfindet, ist nicht einmal Vergangenheitspolitik. Dass die Entschlussbildung zur sogenannten Endlösung die wichtigste Entscheidung der zwölf Jahre des Nationalsozialismus sei, wäre in den 1950er Jahren so umstandslos nicht formuliert worden, ebenso wenig die Feststellung, dass Auschwitz das zentrale Ereignis des vergangenen Jahrhunderts sei.

Es geht also um Geschichtsdeutung im Sinne einer Selbstdeutung: Wir wollen der Geschichte entnehmen, wer wir sind und was wir hoffen können. Ist das übertrieben? Wann wurde zum ersten Mal die Forderung nach einem Schlussstrich erhoben? Sehr kurze Zeit nach 1945, von einem Linken, Alfred Andersch, der zudem eine politische Einheitsfront von ehemaligen Wehrmachtssoldaten und KZ-Häftlingen für eine gute Idee hielt. Seit jener Zeit rhythmisieren Schlussstrichbegehren die westdeutsche Geschichte - und der Umstand, dass sich stets herausstellt, wie weltfremd sie sind. Die ARD beschließt, die TV-Serie "Holocaust" im Regionalprogramm zu zeigen, mit dem Argument, die Bevölkerung wolle von dem Thema nichts mehr wissen. Das Plebiszit an den Fernsehschirmen zwingt die Serie ins Erste. Im Jahre 1995 meinten manche, die endgültigen, offiziellen Formeln für Holocaust und Weltkrieg seien gefunden, und dann werden die Tagebücher Victor Klemperers veröffentlicht, Daniel Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker" macht Furore, und die sogenannte Wehrmachtsausstellung beginnt ihren Weg. Die Wünsche der einen wie die Befürchtungen der anderen erwiesen sich als weltfremd.

Eine Hypothese mit Blick auf jene hundert Jahre zwischen Westfälischem Frieden und dem Auftreten der nachbarocken Literatur wäre, dass es um Generationenabfolgen geht, innerhalb derer das Nah- und Fernsein bestimmter Ereignisse, die Bedeutung für die Sicht auf das eigene Leben bestimmt wird. Wenn das so ist, so folgt daraus zweierlei. Einmal die Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, wie lange die NS-Themen die deutsche Öffentlichkeit noch beschäftigen werden: wahrscheinlich noch ungefähr ein halbes Jahrhundert. Zweitens der Rat, sich immer wieder nicht als Subjekt, sondern als Objekt dieses Prozesses zu betrachten. Ein wenig von dieser Geisteshaltung scheint sich dort zu zeigen, wo jemand sagt, die Debatte um das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas gehöre zum Mahnmal selbst. Das wurde selten so deutlich wie in der Debatte um die Beteiligung oder Nichtbeteiligung der Degussa. Arnulf Baring hat in einer Fernsehdiskussion beinahe resigniert gesagt, so sei es nun einmal mit der deutschen Geschichte jener Jahre: Wo immer man grabe, finde man etwas. Wäre es nicht die Degussa, wäre es eine andere Firma gewesen. Das ist richtig. Aber es darf nicht zur Ausrede missraten. Verantwortlich bleibt man für das, was man tut. Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, ist keine Entschuldigung für jemanden, der sich nicht zu benehmen weiß.

Fußnoten

4.
Ebd., S. 404.
5.
Tzvetan Todorov, Hope and Memory. Lessons from the Twentieth Century, Princeton 2003, S. 165.