APUZ Dossier Bild

10.6.2010 | Von:
Jan Philipp Reemtsma

Wozu Gedenkstätten?

Bewusstsein und Scham

Unter der Perspektive der mit den vergehenden Generationen vergehenden und mit Reflexion und Emotion gefüllten Zeit - was wären die Gedenkstätten, so wenig gewollt am Anfang, so emphatisch für notwendig gehalten heute, so sakral in ihrer Begründung und so unsakral und wissenschaftlich orientiert dort, wo sie gut betrieben werden? Sie sind Orte, an denen festgehalten wird, worum es in dieser Zeit geht. Orte, an denen das spezifische Dilemma der "Erinnerung" deutlich wird: dass es um etwas wie Sinnsuche oder -stiftung geht, und dass gleichzeitig die mentale Tätigkeit, an die solche Sinnbedürfnisse gerichtet werden - die Geschichtsschreibung -, nicht in der Lage ist, sie zu erfüllen.

Wer das Buch von Christopher Browning über "Die Entfesselung der ,Endlösung'"[6] liest, das so etwas wie einen Konsens der NS- und Holocaust-Forschung darstellt, wird eine Beobachtung machen. Das Buch rekonstruiert "die Entscheidungsbildung zur Endlösung" als einen durchaus nicht geraden Weg, der durch unterschiedliche Faktoren gebahnt wurde: eine radikal antisemitische politische Führung; eine antisemitische Gefolgschaft, der es nur natürlich war, wenn Maßnahmen in erster Linie auf Kosten von Juden gingen; einen immer stärker werdenden Konsens, dass es die Aufgabe Deutschlands sei, für sich und später für Europa das "Judenproblem" zu lösen; das Hinfälligwerden bestimmter Lösungsversuche wie Vertreibungen aller Arten durch Besetzung immer größerer Territorien in Europa; die Identifizierung des Judentums mit dem politischen und territorialen Hauptfeind, der Sowjetunion, und die im Vernichtungskrieg beginnenden Massentötungen; schließlich das zunehmende Verschwinden von Hemmungen, Menschen, die man entrechtet, gequält, verjagt hatte, nun auch noch zu töten, systematisch mit Gas schließlich, nachdem man es mit Gewehren und Spaten bereits massenhaft getan hatte.

Das Buch zeichnet nach, dass das, was von uns mit dem Wort Dan Diners als "Zivilisationsbruch" bezeichnet wird, von seinen Betreibern nie als Bruch angesehen worden war. Jede Eskalation der Tat ergab sich irgendwie aus der vorherigen. Die Eskalation vom Boykott jüdischer Geschäfte bis zur Selektion auf der Rampe von Auschwitz war eine einzige Abfolge von Grenzüberschreitungen - solchen, welche die Akteure nicht wahrnahmen. Es ist nicht das Ergebnis der Quellen, der historischen Bestandsaufnahme, die Grenzen zu markieren, die so energisch überschritten wurden, es sind unsere normativen Vorgaben, die uns Grenzen sehen lassen, wo die Mörder keine sahen - es ist unser Erschrecken über die Leichtigkeit, sie zu ignorieren, das uns auf ihrer Existenz bestehen lässt.

Insofern geht der historische Rückblick in der Nutzanwendung für die Gegenwart nicht auf. Nicht nur deshalb nicht, weil das Lernen aus der Geschichte ohnehin eine fragwürdige Angelegenheit ist, nicht nur darum, weil derjenige ein sonderbarer Mensch wäre, der erst aus der Anschauung der Überreste der Lager lernte, dass eine diskriminierende Handlung in der Gegenwart moralisch nicht zu billigen sei. Genaugenommen hat die NS-Vergangenheit gerade wegen des fast alle politischen Gruppierungen übergreifenden Konsenses ihrer verbrecherischen Natur besonders wenig Lernwert. "Wo lernt man heute noch in der Schule", hat Wolfgang Thierse vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt der Welle fremdenfeindlicher Gewalttaten, gefragt, "dass man keine Menschen anzündet?" Das lernt man nicht in der Schule, das lernt man genaugenommen gar nicht, sondern das weiß man. Und wenn man es nicht weiß, lernt man es auch nicht mehr, sondern man lässt es dann, wenn man damit nichts zu gewinnen hat, auch keinen heimlichen Beifall, sondern nur zu verlieren, seine Freiheit nämlich.

Es ist das historisch Besondere, das sich so sehr der Anwendung sperrt. Und es ist dennoch das historisch Besondere, das uns drängt, es zu dokumentieren, zu analysieren - manches tatsächlich immer wieder neu - und Orte, die für diese Besonderheit stehen, zu Orten der Dokumentation und Analyse zu machen. Hierbei ist die Rede in der ersten Person Plural insofern metaphorisch, als mit ihr nicht einmal Mehrheiten behauptet werden. Aber auch die Gedichte von Gryphius hat nur eine Minderheit gelesen, und doch sind sie als hervorragende Zeugnisse eines Zeitbruchs in unserer Tradition aufgehoben. Auch für die Gedenkstätten - wozu sie errichtet worden sind, was aus ihnen werden soll - interessiert sich nur eine Minderheit. Aber diese Minderheit hat ihr Interesse durchgesetzt, als wäre es das aktive der Mehrheit, die es doch nur hat geschehen lassen. Darauf kommt es aber an. Es ist vielleicht ausreichend, dass etwas, ich möchte es nicht "Erinnerung" nennen, bewahrt wird, und dieses Etwas bedarf sowohl der historischen Forschung, die zwar nicht vergangenheitspolitisch abstinent sein soll, aber sein darf, die sich in ihrem Ziel, zu dokumentieren und zu analysieren, was der Fall gewesen ist, von keinem Sinnbedürfnis abhängig machen darf.

Dieses Etwas sollte wohl Bewusstsein heißen, Bewusstsein von der Fragilität unserer Zivilisation. Man zeige jemandem, der sich bisher noch nicht sonderlich mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt hat, eine Karte Europas, in welche die Lager, die Vernichtungslager, Konzentrations- und Arbeitslager, wenn möglich mit wenigstens einem Teil der Nebenlager eingezeichnet sind. Eine große Karte, die mit vielen, sehr vielen kleinen Punkten übersät ist. Deutschland hat Europa mit seinem System der Lager überzogen. Mit Orten, die der Qual, der Sklaverei und dem Mord gewidmet waren. Mit Orten wie Majdanek, die dazu da waren, die größtmögliche Zahl von Menschen schnellstmöglich zu ermorden; wie Auschwitz, das alle Funktionen der Lager in sich vereinte: politischen Terror auszuüben, mit Sklavenarbeit Industrien zu betreiben und Menschen zu ermorden, weil sie einer Gruppe angehörten, die nicht mehr auf der Welt sein sollte. Eine Stadt, die man dem Tod gegründet hatte. Ein System der Urbanisierung des Todes und der Qual. Für diese Information steht jede einzelne Gedenkstätte.

Wo vor wenig mehr als fünfzig Jahren dies die Wirklichkeit war, leben wir heute. Wo immer wir leben, haben wir es nicht weit zu einem Lager oder einem, mehreren Nebenlagern. Das sagt uns die Karte: räumliche - und das fügt unser Leben hinzu: zeitliche - Nachbarschaft zu dieser Verwandlung eines Kernlandes der europäisch-atlantischen Zivilisation in einen gigantischen Schindanger. Dort haben wir - je nach Generationenangehörigkeit - gelebt, auf diesem Boden sind wir geboren worden. Es geht nicht um Erinnerung, es geht um das Bewusstsein einer Gefährdung, von der man weiß, seit man weiß, dass es eine Illusion war, zu meinen, der Zivilisationsprozess sei unumkehrbar, von der man also weiß, dass sie immer aktuell bleiben wird. Und es geht um etwas, das ich eine bis in die anthropologische Substanz gehende Scham nennen möchte. Eine Scham, die, abgelöst von der Schuldfrage, jeden ergreift, der sich ergreifen lässt. Bewusstsein und Scham - dafür, dass beides geweckt und geübt werde, sind die Gedenkstätten da. Nicht nur sie, aber insbesondere sie.


Gekürzte und durchgesehene Fassung eines Beitrags, der zuerst in Mittelweg 36, (2004) 2, der Zeitschrift des HIS, erschien. Er beruht auf einem Vortrag bei der Bürgerstiftung schleswig-holsteinische Gedenkstätten (www.gedenkstaetten-sh.de), gehalten 2003.

Fußnoten

6.
München 2003.