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Wozu Gedenkstätten?


10.6.2010
Die Praxis der Gedenkstätten ist ein anerkannter Sektor der Kulturpolitik. Wozu sind Gedenkstätten da? Es geht nicht um Erinnerung, es geht um Bewusstsein und Scham.

Einleitung



Die Praxis der Gedenkstätten ist seit den 1980er Jahren ein anerkannter Sektor der Kulturpolitik. Das gilt für die den Verbrechen des Nationalsozialismus gewidmeten Gedenkstätten, aber man kann dasselbe von jenen sagen, die den Verbrechen des DDR-Regimes gewidmet sind. "Sieht man vom 1952 eingerichteten Dokumentationsraum in der Gedenkstätte Plötzensee, einer Erinnerungsstätte bürgerlichen deutschen Widerstandes und weniger einer Erinnerungsstätte an deutsche Verbrechen, ab", schreibt Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, "dann ist die 1965 in Dachau eingerichtete Dauerausstellung die erste bedeutende Ausstellung in der Bundesrepublik überhaupt" gewesen. Bis in die 1980er Jahre hinein habe das Ob, die Frage der "politischen Durchsetzbarkeit gegen nicht selten heftigste Widerstände", im Vordergrund gestanden.[1]

Seither, so Knigge, gehe es um die Auseinandersetzung um ausstellungstheoretische Konzeptionen - mit denen ich mich hier nicht befassen will. Ich möchte vielmehr fragen, worauf der nunmehr handlungsleitende Konsens eigentlich beruht. Man streitet nicht mehr um das Ob, man lebt im Konsens - wie ist der beschaffen? Die Antwort auf diese Frage wird stets das Wort "Erinnern" - oder ein Synonym oder einen Appell "gegen Vergessen" - enthalten: Erinnert muss werden, erinnern hat eine imperativische Semantik. Doch was soll am Erinnern positiv sein? Erinnern wie Vergessen sind menschliche Eigenschaften, die weder gut noch schlecht sind, sondern beide dazu gehören, das Leben zu bewältigen. Mehr noch: Zum Erinnern gehört Vergessen notwendig hinzu. Die Erinnerung ist ein Selektionsmechanismus: Man sortiert nach wichtig und unwichtig. Weniges wird überhaupt bewusst wahrgenommen. Weniger wird ins Kurzzeitgedächtnis aufgenommen. Noch weniger wird längerfristig, kaum etwas als biographisch bedeutsam ein Leben lang erinnert. Erinnerung setzt Vergessen voraus. Erinnern per se für etwas Gutes zu halten ist Unsinn.

Gern wird dieser Unsinn mit psychoanalytischem Vokabular garniert: "Für das Erinnern, gegen das Verdrängen." Doch Verdrängung ist nichts Schlechtes. Wenn ein Mensch von einem Erlebnis überfordert ist, wenn er nicht in der Lage ist, ihm einen Platz in seinem Seelenhaushalt zuzuweisen, macht er zuweilen von seiner Fähigkeit Gebrauch, es zu verdrängen, es aus dem Gedächtnis zu streichen: Es ist so gut, als wäre es nie gewesen. Das funktioniert oft nicht spurlos, das Ereignis bleibt, unbewusst, präsent, und diese Präsenz macht sich durch Symptombildung bemerkbar - so jedenfalls die psychoanalytische Theorie. Der Sinn der psychoanalytischen Kur liegt darin, den originalen Sinn, die authentische Erinnerung wieder bewusst zu machen und mit ihr den Zusammenhang von ursprünglichem, verdrängtem Ereignis und Emotion. Was ist das Ziel solcher Bewusstwerdung? Eben nicht der, dass das Leben hinfort um jene Erinnerung kreise: im Gegenteil. Das Ziel der außerhalb des psychoanalytischen Kontextes nur um den Preis des Sich-lächerlich-Machens sogenannten Erinnerungsarbeit ist - im besten Fall - das Vergessen. Im Normalfall ist es die Herabstimmung der Bedeutung des Ereignisses auf einen Normallevel, in jedem Fall die Durchdringung von Bewusstsein und Unbewusstem von der Einsicht: Es ist vorbei. Es bedeutet nichts mehr. Der Imperativ "Du sollst erinnern!" hat damit offensichtlich nichts zu tun, eher schon mit einem psychischen Mechanismus, der gern mit Verdrängung verwechselt wird: der Verleugnung. Wenn man über die nationalsozialistische Vergangenheit spricht und von Verdrängung redet, müsste man fast immer "Verleugnung" sagen: Das Verleugnete ist nicht aus dem Gedächtnis verschwunden, es wird wohl erinnert, nur ist es nicht in einer Weise präsent, die wir für angemessen halten. Es handelt sich bei der Verleugnung um eine Diskrepanz zwischen dem, was übereinstimmend als Tatsache anerkannt wird, und dem Ausbleiben einer von anderer oder dritter Seite als angemessen angesehenen emotionellen Konnotation dieser Tatsache. "Du sollst nicht verleugnen!" ist zwar richtig, aber wer sagt denn, dass es sich um eine Verleugnung handelt? Vielleicht ist ja die Aufgeregtheit desjenigen, der von Verleugnung spricht, das Problem.

Dokumentationsort und Friedhof



Gegen Verleugnung des Geschehenen war die, wenn man sich so ausdrücken will, Protophase der Gedenkstätten gerichtet. "Museen und Gedenkstätten zur Bewahrung der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen gründen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern selbst, genauer gesagt in deren Untersuchung und öffentlichen Präsentation als Tatorte [2] An diesen Zweck knüpfte die Formsprache der ersten Gedenkstätten an: Sie dokumentierten, um die Verbrechen zu belegen. Die Gegenwelt der Konzentrations- und Vernichtungslager (diese Unterscheidung und letzterer Begriff mussten erst gefunden werden und sich durchsetzen), schien zunächst im diffusen Schreckensbild "des Krieges" aufzugehen. Eine auch nur halbwegs ernsthafte juristische Antwort auf die Verbrechen gab es nicht - erst der internationale Druck nach dem Eichmann-Prozess erzwang sie. Da das Bemühen um die Errichtung und den Betrieb von Gedenkstätten an den Orten der Lager in der Bundesrepublik gegen Widerstände aller Art durchgesetzt wurde, lag es auf der Hand, dass hier die Formensprache der Dokumentation im Sinne der Beweissicherung fortgeführt wurde. Man bewahrte etwas, das man mehrheitlich nicht ansehen und in seiner Bedeutsamkeit nicht wahrnehmen - kurz: etwas, das man im Grunde nicht wahrhaben wollte. Gegen diesen Konsens des Nicht-wirklich-Wahrhaben-Wollens, der Verleugnung im erläuterten Sinne, richteten sich die Gedenkstätten.

Und sie dienten einem weiteren Zweck: Sie waren Friedhöfe. Orte, wo die Überreste der Gestorbenen, Verkommenen, Ermordeten verscharrt, vergraben, verbrannt, verstreut sind - der Ort ihres Todes, der Ort, an den die Überlebenden gehen konnten, um ihrer Kameraden zu gedenken. Die westdeutsche Zögerlichkeit, an den Orten der Lager Orte zu errichten, an denen dies unter würdigen Umständen möglich sein konnte, ist eine besondere Rohheit gewesen. Auf einen Friedhof gehen die Überlebenden, die Nachkommen in einem familiären oder übertragenen Sinn, und es werden, das ist bei realen wie bei imaginären Familien so, im Laufe der Jahre und Generationen weniger. Wo es solche Traditionen nicht gibt, verfallen die Friedhöfe und werden Orte, zu denen irgendwann niemand mehr geht. Solche Orte aber sollen die Gedenkstätten nicht sein. Nie sind Gedenkstätten nur Friedhöfe gewesen. Die Orte sollen zugleich etwas anderes sein, etwas, das über die engagierte Erinnerung der sich als Nachkommen Fühlenden hinausreicht, ein Ort für "kommende Generationen" und für die kommenden Generationen "aller Nationen".

Damit ist der Zweck der ersten Gedenkstätten, Orte der Dokumentation zu Beweiszwecken (in Deutschland für Deutsche) zu sein und persönliche Gedenkstätte für die Überlebenden und die Nachkommen, bereits transzendiert. Hier wird etwas postuliert wie ein Menschheitserbe, das über Zeit und Ort hinausreicht, das sozusagen nicht mehr in der Geschichte steht, sondern seinerseits Geschichte definiert, die sich ihm zuordnen soll. Aber - ob wir uns solchem Pathos nun nahe fühlen oder nicht - wie ist das eigentlich zu verstehen? Denken wir an Erinnerungsorte anderer Art. Zum Beispiel Kriegerdenkmäler: Auch sie sind Orte, an denen sich Hinterbliebene versammeln können. Auch das würde aufhören, wenn die besonderen Namen, die auf dem Denkmal goldunterlegt eingegraben sind, niemandem mehr etwas sagen. Aber das Denkmal selber soll dem Ort noch weiterhin etwas sagen; vielleicht, dass eine künftige Generation im Kriegsfalle ebenso leichten Herzens ins Feld ziehen möge, wie das von den Gefallenen behauptet wird. Oder auch nur, dass sie versichert sein sollen, dass auch ihrer einst gedacht werden wird. Jedenfalls dient das Denkmal zur Sinnstiftung vor Ort. Dem durchreisenden Touristen sagt es nichts, er kennt dergleichen von zu Hause, dort bewegt es ihn, im anderen Land respektiert er es allenfalls.

Ein Gedenken schlechthin ist schwer vorstellbar. Aber ebendies wird im Zusammenhang mit den Gedenkstätten verlangt. Jedenfalls heutzutage. Die NS-Gedenkstätten in der DDR dienten einem anderen Zweck. Sie ähnelten weit mehr dem Zweck der Kriegerdenkmäler. Sie waren zur moralischen Sinnstiftung da, sie definierten Tradition, so "das 1945 auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers Buchenwald eingerichtete ,Museum des Widerstands', dessen Ausstellung mittels des Leitmotivs ,durch Sterben und Kämpfen zum Sieg' die DDR als das aus dem kommunistischen Widerstand heraus geborene, bessere Deutschland legitimieren sollte".[3] Da ein entsprechendes Geschichtsverständnis im Westen fehlte, konnten den Gedenkstätten solche sinnstiftenden Aufgaben nicht zugeteilt werden. Wenn wir auf diese Form der Gedenkstätten zurückblicken, empfinden wir Unbehagen. Wir sagen, das Gedenken sei instrumentalisiert worden. Dabei ist es nicht nur so, dass wir, etwa aus Abneigung gegen das DDR-Regime, dem wir diese Legitimationsstrategie nicht zubilligen, nur diese spezielle Instrumentalisierung nicht akzeptieren, sondern dass jede Instrumentalisierung zu einem bestimmten politischen Projekt auf unsere, emotional stark grundierte, Skepsis stößt. Es sei denn, eine Instrumentalisierung (die wir dann allerdings nicht so nennen), die sich direkt auf das Geschehen, dem die Gedenkstätten gewidmet sind, bezieht, dient einer Politik des "Nie wieder!", also der historischen Aufklärung mit dem Ziel der Herausbildung politischer und/oder psychischer Resistenzen gegen Diskriminierung, Rassenhass, Antisemitismus, politische Intoleranz. Auch hier bekommt das Gedenken etwas beinahe Tautologisches: Es bezieht sich auf die Ereignisse, deren gedacht werden soll, und soll explizit nicht über sie hinausweisen, sondern nur eine Art historischer Verlängerung in die Zukunft darstellen.

Dass dieses Zeit, Raum und eingegrenzte Personenkreise überschreiten sollende Gedenken nicht aus dem Sinn der Gedenkstätte, ein Friedhof zu sein, hervorgeht, ist klar. Noch offensichtlicher aber ist, dass er auch nicht aus dem Zweck, Ort der Beweiserhebung zu sein, hervorgeht. Beweiserhebungen sind irgendwann abgeschlossen. Der Fall ist bekannt, es ist klar, wer Täter und Opfer sind, die Täter sind bestraft - oder haben sich der Bestrafung entzogen. An die Stelle der Beweissammlung tritt allenfalls die des Kriminalmuseums. Auch wenn wir eine Ahnung davon haben, Zeuge welchen Leides solche Orte gewesen sind, so ist doch unsere emotionale wie intellektuelle Verbindung zu ihnen lose. Vor allem: Ihr Besuch steht uns frei, er ist Teil der Freizeit, der touristischen Neugier. Das ist zwar faktisch auch bei den NS-Gedenkstätten der Fall (jedenfalls dann, wenn wir nicht einer Schulklasse angehören, die einen obligatorischen Besuch im Rahmen des Geschichts- oder Gemeinschaftskundeunterrichts absolvieren müssen), aber unsere Haltung während des Besuches sollte eine andere sein - getragen von wenigstens einer Ahnung dieser besonderen, wenn auch schwierig zu formulierenden Bedeutung des Ortes.

Sakraler Ort



Das ist der Modus der Sakralität. Der sakrale Ort ist nicht unser Objekt, sondern wir sind seines; nicht er muss seine Existenz vor uns rechtfertigen, sondern wir unsere Lebensmodalitäten vor ihm. Und dies kann eben einer Kombination von Anklage und Totengedenken nicht erwachsen sein. Tatsächlich ist ihm ein vielerorts zunächst verweigertes angemessenes Totengedenken vorangegangen. Und die Praxis der Dokumentation hatte mit der tatsächlichen Ahndung der Verbrechen nichts zu tun. Wie immer man zur Verfolgung der unter der NS-Diktatur begangenen Verbrechen stehen mag, für wie vermeidbar man die unbestrittenen Defizite halten mag - jedenfalls war sie mit der Sicherungsarbeit der Gedenkstättenpraxis allenfalls zufällig verbunden. Es gab keine gesellschaftlich relevante Praxis, keinen politisch dominierenden Diskurs, aus der und dem die Gedenkstättenpraxis hätte hervorgehen können. Insofern könnte man zu dem Schluss kommen, die Sakralisierungspraxis sei schlicht das Ergebnis der Umstände gewesen: Aus der Kombination des Fehlens einer akzeptablen Begründung und der Überzeugung, dass das, was man tat, von großer Wichtigkeit sei, ergab sich die Atmosphäre einer in sich selbst ruhenden Begründung.

Spätestens hier wird eine Einrede laut: Die Gedenkstätten in West und Ost sind mittlerweile Orte sehr genauer und kompetenter Rekonstruktion der Vergangenheit - der Vergangenheit der Orte, die heute Gedenkstätten sind, und der deutschen Vergangenheit, welche die Lager hervorgebracht hat. Sie sind Teil der Historiographie des Nationalsozialismus geworden und haben als solche mit Sakralisierung nicht das Geringste zu tun. Außerdem hat sich an diese lokale Historiographie ein vielfältiges geschichtspädagogisches Bemühen angeschlossen. Hier wird nicht nur an Emotionen appelliert, sondern erläutert, erzählt, kontextualisiert und ein Raum für politische Diskussion eröffnet.

All das ist richtig. Und ist doch kein Einwand gegen das Ausgeführte. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Wäre ich Geschichts- oder Gemeinschaftskundelehrer, würde ich wahrscheinlich auch eine Reise zu einer Gedenkstätte machen und eine Unterrichtseinheit dazu konzipieren - wenn ich auch möglicherweise nur mit denen fahren würde, die wirklich wollen, dem Leistungskurs etwa. Ich würde allerdings keinerlei direkte didaktische Nutzanwendung aus solchem Besuch ziehen - soll heißen: über den der Informationsvermittlung hinaus. Ich halte die Idee, man könnte erfolgversprechend vor Gegenwärtigem warnen, wenn man zeigt, wohin das einmal geführt hat, für nicht besonders gut. Leute zu diskriminieren und zu quälen ist auch dort stets verwerflich gewesen, wo keine Gefahr bestand, dass es zu einem Massenmord ausarten könnte. Ganz absurd aber wird das pädagogische Bemühen dort, wo Gedenkstätten etwas sein sollen wie Orte der Umkehr, an denen junge Menschen, die sich im Diskriminieren, Schikanieren und Quälen hervorgetan haben, lernen sollen, wo das hinführt. Man sollte nicht vergessen, dass man in den Gedenkstätten den Besuchern das Einzige vorführt, was im Nationalsozialismus verlässlich geklappt hat: das systematische Quälen und Ermorden von Menschen. Warum eigentlich sollte jemand, der Spaß daran findet, Menschen zu quälen, solche Orte nicht attraktiv finden?

Geschichtsdeutung



Was die Geschichtsschreibung in Form von Ausstellungen in Gedenkstätten angeht, so wird man sagen müssen, dass sie gerade dort an historiographischer Qualität gewonnen haben, wo sie sich von dem besonderen Anspruch des Ortes, an dem sie zu sehen sind, zwar nicht freigemacht haben, aber doch so konzipiert worden sind, als müssten sie auch ohne die sie umgebende Aura bestehen können. Ich habe den Ausdruck "sakral" benutzt. Knigge spricht von "Läuterungsräumen": "Ausgesprochen oder unausgesprochen ging es (...) darum, wie man den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen, mit der subkutanen Tradierung von NS-Einstellungen sowie Wahrnehmungsmodi brechen und die deutsche Gesellschaft von nach wie vor vorhandenen NS-Schlacken reinigen könnte. Ausstellungen waren so gesehen weniger Medien der Information als vielmehr Evokationen des Verleugneten, Bekenntnisse, Läuterungsräume, politische Stellungnahmen und Erziehungsinstanzen (...)."[4] Auch dort, wo die Verantwortlichen für das, was in den Gedenkstätten zu sehen ist, ihre Arbeit anders, akademischer etwa definieren, bleibt sie doch moralisch-sinnstiftend konnotiert, weil es die Vergangenheitsvergegenwärtigung, die sie darstellt, selber ist: weil eben Erinnerung an sich gut ist, weil wir Erinnerung brauchen, weil wir - das Zitat von Santayana stellt sich unweigerlich ein -, wenn wir die Vergangenheit nicht erinnern, gezwungen sind, sie zu wiederholen.

Doch warum sollte es so sein? Selbst als missverstandene Psychoanalyse stimmt es nicht. Vergangenheit regiert uns nicht aus dem Grab, und die Vorstellung, wir müssten sie durch Namensnennung gleichsam bannen, ist Aberglaube. Die Vergangenheit birgt für sich genommen keine Lektionen. "The historical past", so Tzvetan Todorov, "like the natural order, has no intrinsic meaning, and by itself it produces no values at all."[5] Die Orte des Gedenkens an die Ermordeten, die man den Überlebenden als Orte des Gedenkens lange verweigert hatte, die Orte der Dokumentation ohne gesellschaftliche Rechtsfindungspraxis, die sie als unabdingbare Bestandteile integriert hätte, sind heute mit einer Art Auftrag befrachtet, dem das, was in den Gedenkstätten geschieht, umso weniger gerecht werden kann, als er gar nicht explizit ist, sondern nur in dem unbefragten Wert besteht, dem man der Existenz der Gedenkstätten zuspricht, ohne ihn zu begründen. Jeder pädagogische Auftrag wird fragwürdig, wenn man ihn in diesem Zusammenhang näher zu bestimmen versucht; von jeder Geschichtsschreibung verlangt man hier mehr, als sie nach unserem Verständnis leisten kann: nämlich Sinn zu stiften.

Doch wann geschichtliche Katastrophen nachhaltige Erschütterungen im Selbstgefühl der von ihnen Betroffenen auslösen, welche Ausdrucksform solche Erschütterungen finden - darüber wissen wir nichts, was sich verallgemeinern ließe. Wir wissen, dass die Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg eine Kritik der menschlichen Grandiositätsvorstellungen mit sich gebracht hat; in der Folge dieser durch Sokrates repräsentierten Kritik ist mit Platon die abendländische Philosophie entstanden. Wir wissen auch, in welcher Weise die Krise des Welt- und Menschenbildes in der Folge des Dreißigjährigen Krieges in der Literatur repräsentiert wurde: im Immer-wieder-neu-Besingen der Unbeständigkeit des menschlichen Lebens. Man wird indes kaum sagen können, die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges sei in der Literatur des Barock "verarbeitet" worden. Dennoch kann man sagen, dass die deutsche Literatur des Barock der Ort gewesen ist, an dem sich die Erschütterungen ablesen lassen, die Krieg, Krankheit und Massentod bewirkt haben. Wo wäre die äquivalente Repräsentanz des "zweiten Dreißigjährigen Krieges", wie die Zeit von 1914 bis 1945 von Historikern genannt worden ist? Wir finden weder in der Literatur noch in der Malerei oder anderen Kunstformen ein ähnlich insistentes Sich-drehen um ein Thema wie im Barock.

Aber wir finden in der Historiographie und in ihrer öffentlichen Wirkung ein ähnliches Phänomen: "Mit geradezu neurotischem Eifer durchforschen immer neue Generationen deutscher Wissenschaftler auch noch die winzigsten Verästelungen der NS-Zeit", formulierte seinerzeit der Abgeordnete des Deutschen Bundestages, Martin Hohmann, zum Tag der Deutschen Einheit 2003. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" wurde ihm von Patrick Bahners geantwortet: "Es kann nicht die Rede davon sein, daß die heutige Generation der Zeithistoriker die Arbeit ihrer Vorgänger dupliziert. Die Metapher von den Verästelungen, die allenfalls noch unerforscht wären, führt in die Irre. In Wahrheit ist das Hitlerreich in wesentlichen Hinsichten immer noch terra incognita. Wie zuletzt die Rezensionen des vierten Bandes von Hans-Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte gezeigt haben, streiten die Gelehrten nach wie vor sogar darüber, ob die wichtigste Entscheidung der zwölf Jahre, die Anordnung der Ermordung der europäischen Juden, überhaupt von Hitler persönlich getroffen worden ist."

Die bloße Tatsache einer solchen Kontroverse ist bezeichnend. Wäre es denkbar, dass jemand beim Erscheinen eines neuen Bandes über den Investiturstreit oder einer neuen Alexander-Biographie verbal auf den Tisch schlüge und sagte, nun sei es aber genug? Wäre es auf der anderen Seite denkbar, dass jemand antwortete und sagte, es sei das Hochmittelalter oder der Zusammenbruch des Persischen Reiches leider immer noch Terra incognita, weil die Gelehrten sich nach wie vor über Wichtigstes nicht einig seien? Man würde den Kontrahenten bedeuten, so sei Geschichtsschreibung nun einmal: Sie sei nie zu Ende. Es gebe immer neue Aspekte, immer neue Erfahrungen, unter denen die Vergangenheit sich neu darstelle - und manchmal gebe es sogar neue Quellen. Aber die Geschichte des Nationalsozialismus lässt sich so abgeklärt nicht besprechen. Was hier stattfindet, ist nicht einmal Vergangenheitspolitik. Dass die Entschlussbildung zur sogenannten Endlösung die wichtigste Entscheidung der zwölf Jahre des Nationalsozialismus sei, wäre in den 1950er Jahren so umstandslos nicht formuliert worden, ebenso wenig die Feststellung, dass Auschwitz das zentrale Ereignis des vergangenen Jahrhunderts sei.

Es geht also um Geschichtsdeutung im Sinne einer Selbstdeutung: Wir wollen der Geschichte entnehmen, wer wir sind und was wir hoffen können. Ist das übertrieben? Wann wurde zum ersten Mal die Forderung nach einem Schlussstrich erhoben? Sehr kurze Zeit nach 1945, von einem Linken, Alfred Andersch, der zudem eine politische Einheitsfront von ehemaligen Wehrmachtssoldaten und KZ-Häftlingen für eine gute Idee hielt. Seit jener Zeit rhythmisieren Schlussstrichbegehren die westdeutsche Geschichte - und der Umstand, dass sich stets herausstellt, wie weltfremd sie sind. Die ARD beschließt, die TV-Serie "Holocaust" im Regionalprogramm zu zeigen, mit dem Argument, die Bevölkerung wolle von dem Thema nichts mehr wissen. Das Plebiszit an den Fernsehschirmen zwingt die Serie ins Erste. Im Jahre 1995 meinten manche, die endgültigen, offiziellen Formeln für Holocaust und Weltkrieg seien gefunden, und dann werden die Tagebücher Victor Klemperers veröffentlicht, Daniel Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker" macht Furore, und die sogenannte Wehrmachtsausstellung beginnt ihren Weg. Die Wünsche der einen wie die Befürchtungen der anderen erwiesen sich als weltfremd.

Eine Hypothese mit Blick auf jene hundert Jahre zwischen Westfälischem Frieden und dem Auftreten der nachbarocken Literatur wäre, dass es um Generationenabfolgen geht, innerhalb derer das Nah- und Fernsein bestimmter Ereignisse, die Bedeutung für die Sicht auf das eigene Leben bestimmt wird. Wenn das so ist, so folgt daraus zweierlei. Einmal die Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, wie lange die NS-Themen die deutsche Öffentlichkeit noch beschäftigen werden: wahrscheinlich noch ungefähr ein halbes Jahrhundert. Zweitens der Rat, sich immer wieder nicht als Subjekt, sondern als Objekt dieses Prozesses zu betrachten. Ein wenig von dieser Geisteshaltung scheint sich dort zu zeigen, wo jemand sagt, die Debatte um das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas gehöre zum Mahnmal selbst. Das wurde selten so deutlich wie in der Debatte um die Beteiligung oder Nichtbeteiligung der Degussa. Arnulf Baring hat in einer Fernsehdiskussion beinahe resigniert gesagt, so sei es nun einmal mit der deutschen Geschichte jener Jahre: Wo immer man grabe, finde man etwas. Wäre es nicht die Degussa, wäre es eine andere Firma gewesen. Das ist richtig. Aber es darf nicht zur Ausrede missraten. Verantwortlich bleibt man für das, was man tut. Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, ist keine Entschuldigung für jemanden, der sich nicht zu benehmen weiß.

Bewusstsein und Scham



Unter der Perspektive der mit den vergehenden Generationen vergehenden und mit Reflexion und Emotion gefüllten Zeit - was wären die Gedenkstätten, so wenig gewollt am Anfang, so emphatisch für notwendig gehalten heute, so sakral in ihrer Begründung und so unsakral und wissenschaftlich orientiert dort, wo sie gut betrieben werden? Sie sind Orte, an denen festgehalten wird, worum es in dieser Zeit geht. Orte, an denen das spezifische Dilemma der "Erinnerung" deutlich wird: dass es um etwas wie Sinnsuche oder -stiftung geht, und dass gleichzeitig die mentale Tätigkeit, an die solche Sinnbedürfnisse gerichtet werden - die Geschichtsschreibung -, nicht in der Lage ist, sie zu erfüllen.

Wer das Buch von Christopher Browning über "Die Entfesselung der ,Endlösung'"[6] liest, das so etwas wie einen Konsens der NS- und Holocaust-Forschung darstellt, wird eine Beobachtung machen. Das Buch rekonstruiert "die Entscheidungsbildung zur Endlösung" als einen durchaus nicht geraden Weg, der durch unterschiedliche Faktoren gebahnt wurde: eine radikal antisemitische politische Führung; eine antisemitische Gefolgschaft, der es nur natürlich war, wenn Maßnahmen in erster Linie auf Kosten von Juden gingen; einen immer stärker werdenden Konsens, dass es die Aufgabe Deutschlands sei, für sich und später für Europa das "Judenproblem" zu lösen; das Hinfälligwerden bestimmter Lösungsversuche wie Vertreibungen aller Arten durch Besetzung immer größerer Territorien in Europa; die Identifizierung des Judentums mit dem politischen und territorialen Hauptfeind, der Sowjetunion, und die im Vernichtungskrieg beginnenden Massentötungen; schließlich das zunehmende Verschwinden von Hemmungen, Menschen, die man entrechtet, gequält, verjagt hatte, nun auch noch zu töten, systematisch mit Gas schließlich, nachdem man es mit Gewehren und Spaten bereits massenhaft getan hatte.

Das Buch zeichnet nach, dass das, was von uns mit dem Wort Dan Diners als "Zivilisationsbruch" bezeichnet wird, von seinen Betreibern nie als Bruch angesehen worden war. Jede Eskalation der Tat ergab sich irgendwie aus der vorherigen. Die Eskalation vom Boykott jüdischer Geschäfte bis zur Selektion auf der Rampe von Auschwitz war eine einzige Abfolge von Grenzüberschreitungen - solchen, welche die Akteure nicht wahrnahmen. Es ist nicht das Ergebnis der Quellen, der historischen Bestandsaufnahme, die Grenzen zu markieren, die so energisch überschritten wurden, es sind unsere normativen Vorgaben, die uns Grenzen sehen lassen, wo die Mörder keine sahen - es ist unser Erschrecken über die Leichtigkeit, sie zu ignorieren, das uns auf ihrer Existenz bestehen lässt.

Insofern geht der historische Rückblick in der Nutzanwendung für die Gegenwart nicht auf. Nicht nur deshalb nicht, weil das Lernen aus der Geschichte ohnehin eine fragwürdige Angelegenheit ist, nicht nur darum, weil derjenige ein sonderbarer Mensch wäre, der erst aus der Anschauung der Überreste der Lager lernte, dass eine diskriminierende Handlung in der Gegenwart moralisch nicht zu billigen sei. Genaugenommen hat die NS-Vergangenheit gerade wegen des fast alle politischen Gruppierungen übergreifenden Konsenses ihrer verbrecherischen Natur besonders wenig Lernwert. "Wo lernt man heute noch in der Schule", hat Wolfgang Thierse vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt der Welle fremdenfeindlicher Gewalttaten, gefragt, "dass man keine Menschen anzündet?" Das lernt man nicht in der Schule, das lernt man genaugenommen gar nicht, sondern das weiß man. Und wenn man es nicht weiß, lernt man es auch nicht mehr, sondern man lässt es dann, wenn man damit nichts zu gewinnen hat, auch keinen heimlichen Beifall, sondern nur zu verlieren, seine Freiheit nämlich.

Es ist das historisch Besondere, das sich so sehr der Anwendung sperrt. Und es ist dennoch das historisch Besondere, das uns drängt, es zu dokumentieren, zu analysieren - manches tatsächlich immer wieder neu - und Orte, die für diese Besonderheit stehen, zu Orten der Dokumentation und Analyse zu machen. Hierbei ist die Rede in der ersten Person Plural insofern metaphorisch, als mit ihr nicht einmal Mehrheiten behauptet werden. Aber auch die Gedichte von Gryphius hat nur eine Minderheit gelesen, und doch sind sie als hervorragende Zeugnisse eines Zeitbruchs in unserer Tradition aufgehoben. Auch für die Gedenkstätten - wozu sie errichtet worden sind, was aus ihnen werden soll - interessiert sich nur eine Minderheit. Aber diese Minderheit hat ihr Interesse durchgesetzt, als wäre es das aktive der Mehrheit, die es doch nur hat geschehen lassen. Darauf kommt es aber an. Es ist vielleicht ausreichend, dass etwas, ich möchte es nicht "Erinnerung" nennen, bewahrt wird, und dieses Etwas bedarf sowohl der historischen Forschung, die zwar nicht vergangenheitspolitisch abstinent sein soll, aber sein darf, die sich in ihrem Ziel, zu dokumentieren und zu analysieren, was der Fall gewesen ist, von keinem Sinnbedürfnis abhängig machen darf.

Dieses Etwas sollte wohl Bewusstsein heißen, Bewusstsein von der Fragilität unserer Zivilisation. Man zeige jemandem, der sich bisher noch nicht sonderlich mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt hat, eine Karte Europas, in welche die Lager, die Vernichtungslager, Konzentrations- und Arbeitslager, wenn möglich mit wenigstens einem Teil der Nebenlager eingezeichnet sind. Eine große Karte, die mit vielen, sehr vielen kleinen Punkten übersät ist. Deutschland hat Europa mit seinem System der Lager überzogen. Mit Orten, die der Qual, der Sklaverei und dem Mord gewidmet waren. Mit Orten wie Majdanek, die dazu da waren, die größtmögliche Zahl von Menschen schnellstmöglich zu ermorden; wie Auschwitz, das alle Funktionen der Lager in sich vereinte: politischen Terror auszuüben, mit Sklavenarbeit Industrien zu betreiben und Menschen zu ermorden, weil sie einer Gruppe angehörten, die nicht mehr auf der Welt sein sollte. Eine Stadt, die man dem Tod gegründet hatte. Ein System der Urbanisierung des Todes und der Qual. Für diese Information steht jede einzelne Gedenkstätte.

Wo vor wenig mehr als fünfzig Jahren dies die Wirklichkeit war, leben wir heute. Wo immer wir leben, haben wir es nicht weit zu einem Lager oder einem, mehreren Nebenlagern. Das sagt uns die Karte: räumliche - und das fügt unser Leben hinzu: zeitliche - Nachbarschaft zu dieser Verwandlung eines Kernlandes der europäisch-atlantischen Zivilisation in einen gigantischen Schindanger. Dort haben wir - je nach Generationenangehörigkeit - gelebt, auf diesem Boden sind wir geboren worden. Es geht nicht um Erinnerung, es geht um das Bewusstsein einer Gefährdung, von der man weiß, seit man weiß, dass es eine Illusion war, zu meinen, der Zivilisationsprozess sei unumkehrbar, von der man also weiß, dass sie immer aktuell bleiben wird. Und es geht um etwas, das ich eine bis in die anthropologische Substanz gehende Scham nennen möchte. Eine Scham, die, abgelöst von der Schuldfrage, jeden ergreift, der sich ergreifen lässt. Bewusstsein und Scham - dafür, dass beides geweckt und geübt werde, sind die Gedenkstätten da. Nicht nur sie, aber insbesondere sie.


Gekürzte und durchgesehene Fassung eines Beitrags, der zuerst in Mittelweg 36, (2004) 2, der Zeitschrift des HIS, erschien. Er beruht auf einem Vortrag bei der Bürgerstiftung schleswig-holsteinische Gedenkstätten (www.gedenkstaetten-sh.de), gehalten 2003.

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Fußnoten

1.
Volkhard Knigge, Gedenkstätten und Museen, in: ders./Norbert Frei (Hrsg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, Bonn 2005, S. 402f.
2.
Ebd., S. 398.
3.
Ebd., S. 401.
4.
Ebd., S. 404.
5.
Tzvetan Todorov, Hope and Memory. Lessons from the Twentieth Century, Princeton 2003, S. 165.
6.
München 2003.

 

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