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10.6.2010 | Von:
Dörte Hein

Virtuelles Erinnern

Insbesondere bei jungen Nutzern hat sich das Internet als Medium zur Information und zum Austausch über historische Themen etabliert.

Einleitung

Pilgerfahrt nach Auschwitz. Zum Umgang deutscher Medien mit Erinnerungskultur, Israelkritik und Antisemitismus - dies war das Thema einer Podiumsdiskussion, zu der die Jüdische Gemeinde zu Berlin im April 2010 eingeladen hatte.[1] Anlass war ein Beitrag der in Israel geborenen, seit Jahren in Deutschland lebenden Journalistin Iris Hefets, der im März dieses Jahres in der "tageszeitung" (taz) erschienen war. Hefets hatte darin kritisiert, dass die Rosa-Luxemburg- und die Heinrich-Böll-Stiftung den seit der Veröffentlichung seines 2001 in deutscher Übersetzung erschienenen Buches "Die Holocaust-Industrie" umstrittenen amerikanischen Politikwissenschaftler Norman Finkelstein erst zu einer Veranstaltung ein- und dann wieder ausgeladen hatten. Dies interpretierte sie als "Redeverbot", das mithilfe einer "Mystifizierung" des Völkermords an den Juden durchgesetzt werde. Diese Mystifizierung komme, so die Journalistin, vielen Deutschen gelegen: "Denn wenn Auschwitz eine heilige Aura umgibt, dann muss man sich nicht mehr mit dem eigenen Potenzial zur Täterschaft auseinandersetzen." Die Podiumsdiskussion sollte die Debatte aufgreifen. Während des Einführungsvortrags der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Lala Süsskind, in dem sie sich unter anderem gegen die als antiisraelisch bezeichneten Positionen Hefets' wandte, hielten Aktivisten des Vereins "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" Pappschilder in die Luft, auf denen in Englisch und Hebräisch zu lesen war: "Wir alle sind Iris Hefets." Einige von ihnen wurden daraufhin von Ordnern hinausgeführt. Nach der durch den Gastgeber erfolgten Zurückweisung des Vorschlags der taz-Chefredakteurin Ines Pohl, man solle Hefets die Möglichkeit zur Stellungnahme geben, verließ Pohl den Veranstaltungsort.

Dieses aktuelle Beispiel ist nur eines von vielen: Geschichtspolitische Debatten der jüngeren Vergangenheit haben sich vielfach an Fragen des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit entzündet. Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten", der die fiktiven Lebenserinnerungen des SS-Obersturmführers Maximilian Aue und seine Beteiligung an der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden von Juni 1941 bis April 1945 zum Inhalt hat, die "Goldhagen-Debatte" von 1996, Martin Walsers Rede 1998 in der Frankfurter Paulskirche, der Streit um die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die Kontroverse um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin oder die "Finkelstein-Debatte" von 2001 sind weitere Beispiele. Der übergeordnete Bezugspunkt der Frage nach dem historischen Erinnern, nach sozialen Erinnerungsprozessen an Holocaust und Nationalsozialismus, ist die Debatte um eine angemessene Art der Vermittlung dieses Teils der deutschen Geschichte. Wie die öffentlich und medial ausgetragenen, größtenteils hoch emotional geführten Diskussionen zeigen, ist die NS-Vergangenheit sowohl hinsichtlich der Polarisierung, welche die Debatten auslösen, als auch der Sensibilität, die der Umgang damit erfordert, mit keinem anderen Thema der deutschen Erinnerungskultur vergleichbar. Nirgendwo sonst stellen sich Fragen nach der Angemessenheit der Darstellung, den Risiken einer Virtualisierung der Erinnerung sowie der Deutungsmacht und -hoheit - auch in fachwissenschaftlich-disziplinärer Hinsicht - in vergleichbarer Brisanz.

Vor dem Hintergrund des nahenden Endes lebensgeschichtlicher Erinnerung und gelebter Zeitzeugenschaft wird die besondere Relevanz des Themas deutlich. Fragen nach kultureller und medialer Vermittlung sind längst in den Fokus geraten. Die Rolle von Büchern, Spiel- und Dokumentarfilmen als wesentliche, populäre Gedächtnismedien ist dabei unbestritten, wenn auch die Art und Weise, wie hier Geschichte präsentiert wird, vielfach kritisiert wird. Lang anhaltend und fächerübergreifend wurde und wird über eine vermutete Banalisierung und Kommerzialisierung der historischen Ereignisse im Zuge ihrer massenmedialen Bearbeitung diskutiert: Insbesondere das Fernsehen steht im Verdacht, den Holocaust zu trivialisieren, zu verflachen und zu kommerzialisieren. Der massenmedialen, auf Unterhaltung und Einschaltquoten angelegten Logik folgend, werde der Holocaust in eine Banalität verwandelt und Gewalt zum "folgenlosen konformistischen Genuss", wodurch ein Bedürfnis nach immer mehr Gewalt und Genuss erzeugt werde.[2] Zeitgeschichte werde zum "geschichtskulturellen Zuliefererbetrieb" und zur "ereignisfixierten Event-Geschichte", die allein den Gesetzen der medialen Nachfrage folge[3] - so nur zwei Beispiele von Gegenwartsdiagnosen und Einschätzungen, welche die mediale Bearbeitung und Repräsentation historischer Ereignisse problematisieren. Die Reichweite und die Wirkungsmacht, die publizistische Medien mit Blick auf die Vermittlung von Geschichte haben, sind - allen Risiken zum Trotz - Tatsachen des gegenwärtigen und zukünftigen historischen Erinnerns.

Fußnoten

1.
Der Originalbeitrag von Iris Hefets online: www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/
1/pilgerfahrt-nach-auschwitz (15.3.2010). Zum Ablauf der Podiumsdiskussion und den Hintergründen vgl. auch Ulrich Gutmair, Spucken und Schreien, online: www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/
spucken-und-schreien (30.4.2010) sowie Zoff bei Diskussion. Eklat in der Jüdischen Gemeinde, online: www.bz-berlin.de/aktuell/berlin/eklat-in-der-juedischen-gemeinde-article823477.html (30.4.2010).
2.
Vgl. Detlev Claussen, Die Banalisierung des Bösen, in: Michael Werz (Hrsg.), Antisemitismus und Gesellschaft. Zur Diskussion um Auschwitz, Kulturindustrie und Gewalt, Frankfurt/M. 1995, S. 14.
3.
Vgl. Martin Sabrow, Das Unbehagen an der Aufarbeitung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 12.1.2009, S. 25.