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10.6.2010 | Von:
Carlos Kölbl

Historisches Erinnern an Schulen im Zeichen von Migration und Globalisierung

Nach Bemerkungen zur Komplexität historischen Erinnerns in Einwanderungsgesellschaften werden Heterogenität als schulischer Normalfall sowie empirische Befunde und pädagogische Möglichkeiten diskutiert.

Einleitung

Historisches Erinnern erfolgt in Auseinandersetzung mit der kollektiv bedeutsamen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.[1] Das geschieht vorzugsweise im Modus des Erzählens.[2] Dabei sind die drei Zeitbezüge alles andere als isolierte, abgeschottete Einheiten. Vielmehr vermögen neue Erfahrungen sowohl unser Verständnis von dem, was einst geschah, nachhaltig zu verändern als auch folgenreiche Spuren in unseren Erwartungshorizonten zu hinterlassen.[3] Einsichten in die Semantik geschichtlicher Zeiten sind nicht auf geschichtswissenschaftliche Zirkel beschränkt, sondern werden zum Teil bereits von Jugendlichen geäußert, die etwa von der Gegenwart als einem Produkt der Vergangenheit, der Gegenwart als zukünftiger Vergangenheit oder der Gegenwärtigkeit von Vergangenheit wissen.[4]

Besonders schöne Äußerungen zur Verflochtenheit der Zeitbezüge finden sich bei Karl Valentin: Die Zukunft war früher auch besser gewesen, und heute ist die gute alte Zeit von morgen. Es ist deutlich: Historisches Erinnern ist eine verwickelte Angelegenheit.[5] Eine weitere Drehung in der Komplexitätsschraube ergibt sich dadurch, dass keineswegs unstrittig ist, was genau zu "der" kollektiv bedeutsamen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören soll, wer sie wie erzählen oder wer sich in welchen Hinsichten zum Kollektiv zugehörig fühlen darf, von dem die Rede ist. In Einwanderungsgesellschaften wie Deutschland werden solche und verwandte Fraglichkeiten besonders virulent, und es kann davon ausgegangen werden, dass neben harmonierenden oder sich ergänzenden auch konfligierende sowie einander widerstreitende historische Narrative kursieren und das Denken, Fühlen, Wollen und Handeln ihrer Mitglieder mitbestimmen. Prozesse der Bildung, Aktualisierung, Aushandlung und Präsentation von Identität bleiben hiervon nicht unberührt.

Migration ist ein wichtiger Grund für die Vervielfältigung von Geschichtsbezügen, sicher aber nicht der einzige. Darüber hinaus stellen die Phänomene, die mit der Chiffre "Globalisierung" in Verbindung gebracht werden, ebenfalls starke Herausforderungen für die historischen Sinnbildungsprozesse in modernen Gesellschaften dar. Das betrifft die Gesellschaft als Ganzes und die Schule als einen der zentralen Orte, in dem ausgewählte Formen historischen Erinnerns artikuliert, eingeübt, kultiviert und reflektiert werden, in spezifischer Art und Weise.

Fußnoten

1.
Was Harald Welzer für Erinnerung und Gedächtnis allgemein unterstrichen hat, nämlich ihren unvermeidlich prospektiven Charakter, gilt auch für den Sonderfall des historischen Erinnerns: "Erinnerung hat funktional nichts mit der Vergangenheit zu tun. Sie dient der Orientierung in einer Gegenwart zu Zwecken zukünftigen Handelns. Deshalb ist es eine irreführende Vorstellung, dass Gedächtnis vor allem mit der Vergangenheit zu tun habe; ganz im Gegenteil spielen (...) Vorgriffe auf etwas erst in der Zukunft Existierendes, als Orientierungsmittel für die Ausrichtung von Entscheidungen und Handlungen eine mindestens so wichtige Rolle wie der Rückgriff auf real oder vorgestellt erlebte Vergangenheiten." Harald Welzer, Erinnerung und Gedächtnis. Desiderate und Perspektiven, in: Christian Gudehus/Arianne Eichenberg/ders. (Hrsg.), Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart-Weimar 2010, S. 8.
2.
Vgl. Jürgen Straub, Geschichten erzählen, Geschichte bilden. Grundzüge einer narrativen Psychologie historischer Sinnbildung, in: ders. (Hrsg.), Erzählung, Identität und historisches Bewußtsein. Die psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte, Frankfurt/M. 1998; Carlos Kölbl/Jürgen Straub, Geschichtsbewusstsein als psychologischer Begriff, in: Journal für Psychologie, 11 (2003) 1, S. 75-102.
3.
Vgl. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 1989.
4.
Vgl. Carlos Kölbl, Geschichtsbewußtsein im Jugendalter. Grundzüge einer Entwicklungspsychologie historischer Sinnbildung, Bielefeld 2004, S. 281-288.
5.
Vgl. Samuel Wineburg, Historical thinking and other unnatural acts. Charting the future of teaching the past, Philadelphia 2001.