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10.6.2010 | Von:
Tobias Winstel

Der Geschichte ins Gesicht sehen

Es gilt, den biographischen Blick als historisch-kritische Methode anzuerkennen, der Barrieren zwischen der Wissenschaft und einem Publikum jenseits der Fachwelt überschreiten kann.

Einleitung

Seit einigen Jahren ist in der Geschichtswissenschaft von einer "überraschenden Renaissance der Biographie" die Rede. Die "Rückkehr des totgesagten Subjekts" wird proklamiert, manche rufen gar einen "Biographical Turn" aus.[1] Soweit die Experten. Und das Publikum? Das reibt sich verwundert die Augen: War die Biographie denn jemals völlig verschwunden? Natürlich nicht, denn insbesondere beim gemeinen Buchleser stand die historische Lebensbeschreibung schon immer hoch im Kurs. Bereits im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gab es biographische Megaseller wie etwa Emil Ludwigs "Bismarck", der es in den 1920er Jahren immerhin auf 83 Auflagen und 150000 verkaufte Exemplare brachte. Andere - wie Ludwig nicht im engeren Sinne wissenschaftliche - Biographen wären zu nennen, etwa Theodor Heuss, der in den 1930er und 1940er Jahren einer breiteren Öffentlichkeit zunächst nicht aufgrund seiner politischen Arbeit, sondern dank seiner biographischen Werke bekannt geworden war.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war es häufig die außerakademische Geschichtsschreibung, die historische Themen mithilfe weithin beachteter biographischer Darstellungen auf die Tagesordnung setzte. Joachim Fests "Hitler" beispielsweise war eines der erfolgreichsten zeithistorischen Bücher in Deutschland, von dem seit 1973 in verschiedenen Ausgaben und Auflagen rund 800000 Exemplare verkauft worden sind. Und die wohl bekannteste biographische Buchreihe im deutschsprachigen Raum, "rowohlts monographien", in der seit 1958 inzwischen 640 Bändchen erschienen sind, brachte es bis auf den heutigen Tag auf die beeindruckende Gesamtauflage von 20 Millionen Exemplaren.[2]

Auch heute stapeln sich Biographien in den Buchläden, die Lebensbeschreibungen all jener "Monster, Retter, Mediokritäten" (Hans-Peter Schwarz), die einer näheren Betrachtung wert erscheinen, werden in Rezensionen gewürdigt und für Sachbuchpreise nominiert. Historische Gestalten müssen regelmäßig ihren Kopf für die Titelgeschichten der Magazine hinhalten, und große Biographien sind nicht selten zugleich große Buchereignisse. Weltweit werden - so schätzte der "Spiegel" vor einigen Jahren - etwa 10000 Lebensbeschreibungen pro Jahr auf den Markt gebracht, und die deutschsprachigen Verlage tragen einen gehörigen Teil dazu bei. Zwar haben historische Bücher generell Konjunktur, also auch die systematischen Darstellungen zu einzelnen geschichtlichen Ereignissen oder Fragen; auch sie werden gelesen, zweifelsohne - doch Biographien werden verschlungen.

Wie ist das zu erklären? Zum einen mag dabei die "Rückkehr des Autors" eine Rolle spielen, wie Peter-André Alt meint.[3] Renommierte Historiker oder Publizisten, von denen sich das Publikum gerne Geschichte und Geschichten erzählen lässt, erlangen schon dadurch Aufmerksamkeit, dass sie zur Feder greifen und sich einer historischen Gestalt annehmen. Der eigentliche Reiz jedoch scheint für den Leser darin zu liegen, dass er mit einer Lebensbeschreibung in Buchform gewissermaßen etwas Abgeschlossenes in der Hand hält. Der Vorhang zu und alle Fragen offen, das hat der Mensch nicht so gerne. Er liebt es, wenn sich Kreise schließen, wenn das menschliche Drama, das vor ihm ausgebreitet wird, sinnhaft endet. Hinzu kommt, dass die Biographie den Leser mitnimmt auf einen Weg von der Wiege bis zur Bahre, komfortabel kann er gewissermaßen im Sitzen ein Leben besichtigen. Die Gefahr, die freilich in dieser Verlockung liegt, hat der Soziologe Pierre Bourdieu auf den Punkt gebracht, als er mit seinem einprägsamen Begriff von der "biographischen Illusion" vor der vermeintlichen Zwangsläufigkeit einer konsistenten Lebensgeschichte gewarnt hat. Sein erstes Gebot lautet daher: Eine Biographie darf nie nur ein schlecht getarnter Entwicklungsroman sein. Der Leser soll in sie eintauchen, zugleich aber auch wieder aus ihr heraussteigen können.

Interessanterweise hat Siegfried Kracauer die Biographie schon gegen Ende der Weimarer Republik im Bewusstsein der Krise zum einen als Fluchtphänomen gedeutet, über dem der "Glanz des Abschieds" ruht, zum anderen als Versuch der Rettung des Individuums. Das mag auch ihren gegenwärtigen Boom zum Teil erklären. In unserer Lebenswelt, in der das Kohärente abwesend scheint und die Vielfalt der Möglichkeiten nicht nur Chance, sondern auch ein Problem der Lebensführung geworden ist, erwächst zudem beinahe zwangsläufig eine Sehnsucht nach prägnanten Lebensbildern, nach Orientierung im Guten wie im Schlechten, nach Lebensmustern. "Immer dann, wenn der Mensch zu zweifeln beginnt, d.h. wenn alte Werte wanken, neue aber erst noch gebildet werden müssen, ist die Regsamkeit im biographischen Bereich besonders groß." Dieser viel zitierte Satz des niederländischen Historikers und Publizisten Jan Romein findet auch heute seine Bestätigung.

Fußnoten

1.
Vgl. Hans Ulrich Gumbrecht, Die Rückkehr des totgesagten Subjekts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7.5.2008. Vgl. außerdem den Bericht über eine Konferenz am Deutschen Historischen Institut Washington im März 2004, in: GHI Bulletin, 35 (2004), S. 147-155. Zur Biographik sind in den vergangenen Jahren wichtige Sammelbände und Aufsätze erschienen, zuletzt Simone Lässig, Die historische Biographie auf neuen Wegen?, in: GWU, (2009) 10, S. 540-553; Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart 2009; Bernhard Fetz (Hrsg.), Die Biographie. Zur Grundlegung ihrer Theorie, Berlin 2009.
2.
Vgl. Buchreport vom 25.3.2010, S. 11.
3.
Vgl. Peter-André Alt, Mode oder Methode? Überlegungen zu einer Theorie der literaturwissenschaftlichen Biographik, in: Ch. Klein (Anm. 1), S. 23-40.