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10.6.2010 | Von:
Tobias Winstel

Der Geschichte ins Gesicht sehen

Der biographische Blick

Wenn man nach der Zukunft der Erinnerungskultur in Deutschland fragt, dann spielt der biographische Blick, wie man die wissenschaftlich-methodische Herangehensweise vielleicht bezeichnen könnte,[7] eine wichtige Rolle. Denn der Nutzen der Biographie besteht ja nicht nur darin, dass mit ihr individuelles Handeln ausgeleuchtet, erzählt und eingeordnet werden kann. Durch die Schilderung von Umwegen, Brüchen und Scheitern geraten auch die unweigerliche Kontingenz der Geschichte, überindividuelle treibende Kräfte, die Unfähigkeit des Menschen, sein Leben vollständig selbst zu beherrschen und zu gestalten, in den Blick.[8] Der gute zeithistorische Biograph zeichnet nicht nur den Lebensweg nach und kleidet ihn literarisch aus, er berücksichtigt alle Facetten der Deutung, der Sinnkonstruktion, der Lebensdarstellung, der sozialen Umwelt.

Konsequenterweise werden Gefühl und Gefühle als historische Kategorie zunehmend ernst genommen.[9] Da liegt es auf der Hand, dass auch die psychische Beschaffenheit von Figuren, die in die Weltläufte eingegriffen haben, zunehmend interessiert. Joachim Radkau etwa plädiert in seiner fundamentalen Max-Weber-Darstellung dafür, Leib und Seele nicht vom Werk und Wirken einer großen Figur zu lösen, denn auch historische Gestalten hätten wichtige Entscheidungen "aus dem Bauch heraus" getroffen. Diese Sichtweise lässt sich freilich nicht nur auf einen Säulenheiligen der zeithistorischen Zunft, sondern auch bei weniger sympathischen Gestalten der Geschichte mit großem Erkenntnisgewinn anwenden. Zu denken wäre etwa an Heinrich Himmlers krude Vorstellung von "Anstand" bzw. "Anständigkeit" und seine notorische Bindungsstörung oder an Joseph Goebbels' übersteigerten Narzissmus und seine Sucht nach Anerkennung; schnell wird durch diese Beispiele klar, dass die Frage nach dem Persönlichkeitskern und seinen Auswirkungen auf das Handeln einer Person wichtig ist.

Die so genannte Psychohistorie, konkreter: die Psychobiographie ist freilich ein noch wenig etablierter Ansatz, der in den 1970er Jahren bereits einmal Anlauf genommen hat,[10] sich damals allerdings aufgrund vergleichsweise naiver Vorstellungen von historischen Kausalzusammenhängen nicht als Teilbereich der allgemeinen Geschichtswissenschaft etablieren konnte. Inzwischen sind die methodischen Überlegungen hierzu ausgereifter, und einige Arbeiten konnten der zeithistorischen Forschung wertvolle Impulse geben.[11] Denn die Psychohistoriographie leuchtet das Leben auch über persönliche - mithin also auch private - Seiten aus. Glaube, Sexualität, familiäre Prägungen und Bindungen werden in den Blick genommen. Es geht dabei nicht um eine Schlüssellochperspektive, sondern darum, das gelebte und gedeutete Leben als historische Kategorie zu stärken.

Im besten Fall ist eine Biographie eine literarisch anspruchsvolle Darstellung, in der sich politische Strukturgeschichte und individuelle Lebensgeschichte miteinander verschränken - wie im "echten" Leben auch. Das historische Subjekt wird erkennbar innerhalb der bewegenden Kräfte seiner Zeit, die Wechselwirkung zwischen individuellen und überindividuellen Faktoren bekommt buchstäblich ein Gesicht. Um historische Prozesse zu verstehen, müssen das einzelne Leben aus dem geschichtlichen Ganzen herauspräpariert und zugleich die Menschen im Kontext von Gesellschaft, Machtapparaten und Institutionen gesehen werden.

Das gilt auch für die Erforschung des Nationalsozialismus, denn es geht dabei um eine Epoche extremer Personalisierung politischer Macht.[12] So lässt sich etwa an den Machtapparaten der genannten Himmler und Goebbels ablesen, wie sehr Person und Struktur auf besonders enge, untrennbare Weise miteinander verbunden waren. Aber nicht nur, wenn wir an die Täter denken, auch wenn es um die Opfer geht, hilft der biographische Zugang. Er ermöglicht nämlich auch dann noch eine Art Geschichte in der ersten Person, wenn die unmittelbaren Erinnerung an das Erlebte nicht mehr von den Betroffenen selbst vermittelt werden kann; ein Beispiel wäre Mark Rosemans viel beachtetes Buch "In einem unbewachten Augenblick", in dem er die (Über-)Lebensgeschichte der Marianne Ellenbogen wie in einem Puzzle zusammengesetzt hat. Gerade mit Blick auf das häufig beschworene, von einigen ersehnte und von vielen befürchtete Ende der Zeitzeugenschaft zur nationalsozialistischen Vergangenheit liegt in dieser Art von Erinnerung der zweiten Ordnung eine große Chance.

Bei all dem geht es nicht darum, die Biographie als bloßes erinnerungspädagogisches Vehikel zu benutzen, denn sie bietet methodische Chancen und erfüllt auch handfeste wissenschaftlich-kritische Funktionen: Gendertheorie, Konstitution von Identität, Bruchlinien zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Erforschung kultureller Transfers, Ethnographie und interkulturelle Kommunikation, Erinnerungsdiskurse und Phänomene des Nachlebens - wenige Stichworte mögen genügen, um zu zeigen, dass es sich bei der Biographik um ein dynamisches und interdisziplinäres Forschungsfeld handelt, an der Schnittstelle zwischen Literatur-, Geschichts- und Kulturwissenschaften.

Der biographische Blick kann dabei helfen, "Handlungsspielräume und Möglichkeiten individueller Lebensführung exakter auszumessen".[13] Die Veränderung von Sichtweisen, historische Brüche und kollektive Wendepunkte, die Zuspitzung von Ereignissen und zeitlichen Konsistenzen - all das wird auch fassbar durch das Heranzoomen an einzelne Lebenswege. Es geht also bei einer Biographie mitnichten nur um eine Persönlichkeit, sondern vielmehr um die "vermeintliche Einheit aller Handlungen eines Individuums".[14] Dazu gehören auch abgebrochene Entwicklungen oder gescheiterte Lebensentwürfe, die für die Erforschung von historischen Übergangsprozessen besonders wichtig sind und jenseits der Biographik leider nur selten Eingang in die Geschichtsbücher finden.

Fußnoten

7.
Vgl .Tobias Winstel, Das Buch zum Leben. Ein Plädoyer für den biographischen Blick, in: Theresia Bauer/Elisabeth Kraus/Christiane Kuller/Winfried Süß (Hrsg.), Gesichter der Zeitgeschichte. Deutsche Lebensläufe im 20. Jahrhundert, München 2009.
8.
Vgl. Wolfgang Hardtwig, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2005, S. 11-32, hier S. 23.
9.
Vgl. etwa die neuen Forschungen von Ute Frevert und Jan Plamper, online: www.mpib-berlin.mpg.de/de/forschung/gg (13.5.2010).
10.
Vgl. z.B. Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Geschichte und Psychoanalyse, Köln 1971.
11.
Vgl. u.a. Jürgen Reulecke (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, München 2003; zu einzelnen historischen Figuren etwa Peter Longerich, Heinrich Himmler. Biographie, München 2008; jüngst Peter Gathmann/Martina Paul, Narziss Goebbels. Eine Biographie, Wien 2009 oder Joachim Casta, Der Rote Baron. Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen, Stuttgart 2007.
12.
Vgl. Michael Wildt, Generational Experience and Genocide. A Biographical Approach to Nazi Perpetrators, in: Volker R. Berghahn/Simone Lässig (eds.), Biography between Structure and Agency. Central European Lives in International Historiography, New York 2008, S. 143-161.
13.
S. Lässig (Anm. 1), S. 551.
14.
Thomas Etzemüller, Die Form "Biographie" als Modus der Geschichtsschreibung. Überlegungen zum Thema Biographie und Nationalsozialismus, in: Michael Ruck/Karl Heinrich Pohl (Hrsg.), Regionen im Nationalsozialismus, Bielefeld 2003, S. 71-90, hier S. 84ff.