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5.6.2010 | Von:
Markus Loewe

Die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher und menschlicher Entwicklung in der arabischen Welt

Faktoren der menschlichen Entwicklung

Wirtschaftswachstum kann die Bekämpfung von Einkommensarmut begünstigen: So zeigen Ländervergleiche, dass die Zahl der Einkommensarmen tendenziell umso stärker abnimmt, je höher das Wirtschaftswachstum ausfällt. Jedoch besteht hierbei kein Automatismus, denn es gibt auch zahlreiche Länder, in denen die Zahl der Armen auch bei höherem Wachstum nur leicht ab- oder sogar zunahm. Und umgekehrt gelang es Ländern mit stagnierender beziehungsweise rückläufiger Wirtschaftsleistung, über mittlere Zeiträume hinweg Einkommensarmut zu reduzieren.

Inwieweit wirtschaftlicher Fortschritt tatsächlich Einkommensarmut zurückgehen lässt, hängt davon ab, wie die Politik eines Landes ausgerichtet ist. Erst recht gibt es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und anderen Aspekten von Entwicklung wie Gesundheit, Bildung, politischer Freiheit oder Sicherheit. Besonders deutlich machten dies die von neoklassischem Denken geprägten Stabilisierungs- und Strukturanpassungsprogramme vieler Entwicklungsländer in den 1980er Jahren: Den meisten gelang es, Haushaltsdefizite abzubauen und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln; viele bewirkten aber, dass sich Ernährungs-, Bildungs- und Gesundheitsindikatoren verschlechterten.

Daher wurde vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme, UNDP) das Konzept der menschlichen Entwicklung geschaffen, das dazu beitragen soll, dass nicht nur wirtschaftlicher Fortschritt gemessen und gefördert wird, sondern auch Fortschritt auf anderen Gebieten, der für die Möglichkeit von Menschen, ein lebenswertes Leben zu führen, mindestens so wichtig ist wie Wirtschaftswachstum. Denn erstens sagt ein hohes Durchschnittseinkommen nichts darüber aus, wie die Einkommen innerhalb der Gesellschaft verteilt sind. Zweitens leiden auch Menschen mit ausreichendem Einkommen oftmals unter unzureichender Gesundheit und Bildung, weil in ihrem Lebensumfeld keine Gesundheitseinrichtung und keine qualitativ ausreichende Schule existiert. Drittens sind die Entfaltungsmöglichkeiten vieler Menschen stärker durch politische Repression, Gefährdung durch Krieg, Terror und Kriminalität oder einen Mangel an Integration und Akzeptanz durch die Gesellschaft beschnitten als durch finanzielle Engpässe.

Zumeist werden fünf Komponenten der menschlichen Entwicklung voneinander unterschieden: (i) ökonomische Möglichkeiten (Steigerung von Einkommen und Vermögen sowie Bekämpfung von Einkommensarmut), (ii) soziale Möglichkeiten (Bildung, Gesundheit, Ernährung, sexuelle Selbstbestimmung), (iii) Möglichkeiten der sozialen Absicherung gegen Risiken, (iv) gesellschaftliche Möglichkeiten (Würde, Akzeptanz, Integration in die Gesellschaft) und (v) politische Möglichkeiten (Menschenrechte, politische Freiheiten, Mitsprachemöglichkeiten, Rechtsstaatlichkeit).

Inwieweit sich die Politik aktiv für eine Beschleunigung der menschlichen Entwicklung einsetzt, hängt im Wesentlichen von drei Determinanten ab: der Problemlösungsdringlichkeit (also der Rückständigkeit des betreffenden Landes bei der menschlichen Entwicklung), der Problemlösungsfähigkeit (also den finanziellen, analytischen und administrativen Kapazitäten staatlicher Stellen) sowie der Problemlösungsbereitschaft (von Staat und Gesellschaft).

Ein Dilemma besteht darin, dass die Problemlösungsdringlichkeit in der Regel umso größer ist, je kleiner die Problemlösungsfähigkeit eines Landes ist - je ärmer es nämlich ist. Das andere Dilemma ist, dass die Problemlösungsbereitschaft von Staat und Gesellschaft nicht miteinander übereinstimmen müssen. Gerade in Ländern mit hoher Problemlösungsdringlichkeit im Bereich der politischen Möglichkeiten fehlt es der Gesellschaft an den Kontroll- und Mitsprachemechanismen, die nötig sind, um Einfluss auf die Problemlösungsbereitschaft des Staates zu nehmen.

Inwieweit der Staat die menschliche Entwicklung fördert und auf welche Komponenten er fokussiert, hängt in nichtdemokratischen Ländern noch stärker als in demokratischen von den Partikularinteressen von politisch einflussreichen gesellschaftlichen Gruppen ab. Die Herrschenden ergreifen vor allem Maßnahmen, die ihrem Machterhalt zuträglich sind. Beruht ihre Herrschaft, wie dies in sozialrevolutionären Regimen bisweilen der Fall ist, auf der Unterstützung durch eine breite Masse benachteiligter Gruppen, so werden oft recht große Fortschritte bei der menschlichen Entwicklung gemacht. Stützen sich die Machthaber hingegen auf eine kleine, oft elitäre Teilgruppe der Gesellschaft, ist das Engagement des Staates für die menschliche Entwicklung in der Regel klein und selektiv. Dies spiegelt sich auch in den Erfahrungen der arabischen Länder wider.