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5.6.2010 | Von:
Markus Loewe

Die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher und menschlicher Entwicklung in der arabischen Welt

Soziale Möglichkeiten

Schlecht schneiden die arabischen Länder auch hinsichtlich Bildung und Gesundheit ab. So können noch immer 30% der Erwachsenen nicht lesen, während es beispielsweise in Ost- und Südostasien nur noch 9% sind. Lediglich Jordanien, Kuwait und die Palästinensischen Gebiete weisen eine Analphabetenrate von weniger als 10% auf, während diese in Marokko, Mauretanien und dem Jemen sogar bei über 40% liegt. Im Schnitt liegen die Analphabetenquoten der arabischen Länder rund 12 Prozentpunkte über den Werten aller anderen Länder mit jeweils dem gleichen PKE. Ähnliches gilt für die Schulbesuchsquoten, die in den arabischen Ländern im Schnitt bei 71% und damit knapp 6 Prozentpunkte unter dem Niveau liegen, mit dem man in Anbetracht ihres mittleren Einkommensniveaus gerechnet hätte.[6]

Hinzu kommt, dass die Unterschiede im Bildungsniveau in den arabischen Ländern immer größer werden. Kinder reicher Eltern besuchen zunehmend teure Privatschulen. Der Mittelstand kann sich zumindest privaten Nachhilfeunterricht leisten. Und die Ärmsten haben das Nachsehen, da die Lehrer der öffentlichen Schulen einen immer schlechteren Unterricht abhalten - nicht zuletzt, um die Nachfrage nach privat angebotener Nachhilfe zu steigern. Zudem haben die Regierungen ihre Bildungsausgaben in den vergangenen zwanzig Jahren stark reduziert. Das Mittel ihrer Ausgaben pro Grundschüler lag im Jahr 2007 bei gut 1000 US-Dollar in Kaufkraftparitäten und damit noch nicht einmal halb so hoch wie in anderen Ländern mit einem vergleichbaren PKE.[7]

Noch schlechter ist es um die Qualität der in den arabischen Schulen vermittelten Bildung bestellt. Hierauf deutet bereits das hohe Verhältnis von Schülern zu Lehrern in den staatlichen Schulen hin. Auch die bislang erschienenen Arab Human Development Reports (AHDR) verweisen darauf, führen hierfür allerdings nur anekdotische Evidenz an.[8] Mittlerweile beteiligen sich aber mehrere arabische Länder regelmäßig an internationalen Bildungsvergleichstests wie PISA, IGLU oder TIMMS, deren Ergebnisse die These der Arab Human Development Reports stützen. Stets landen alle arabischen Länder bei den unteren 40 bzw. sogar 20% aller teilnehmenden Länder, und außer dem Libanon konnte keines seine Ergebnisse im Mittel verbessern (Ägypten und Marokko schnitten 2007 sogar noch schlechter ab als in vorangegangenen Runden). Vor allem aber erreichten außer in Bahrain, Dubai und Jordanien jeweils weniger als 10% der Schülerinnen und Schüler eine als "gut" beziehungsweise "sehr gut" eingestufte Punktzahl, währen dieser Anteil beispielsweise in Kasachstan zuletzt bei 40% und in Taiwan bei 60% lag.[9]

Nicht ganz so schlecht schneiden die arabischen Länder bei der Gesundheit ihrer Einwohner ab. Die Lebenserwartung liegt mittlerweile im Durchschnitt bei mehr als 70 Jahren und die Säuglingssterblichkeit bei 3,2%. Allerdings wird der Gesundheitszustand ihrer Bewohner immer stärker vom Einkommen bestimmt. So lagen beispielsweise die Säuglingssterblichkeitsziffern in Ägypten, Marokko und dem Jemen im Jahr 2005 im ärmsten Fünftel der Bevölkerung jeweils dreimal so hoch wie im reichsten Fünftel.[10] Dies liegt daran, dass die öffentlichen Gesundheitssysteme seit Mitte der 1980er Jahre unterfinanziert sind. So wendet beispielsweise Ägypten rund 6% seines Volkseinkommens für Gesundheit auf. Davon entfallen aber weniger als 1,5% auf das kostenlose öffentliche Gesundheitssystem, das dem Staat bis Ende der 1970er Jahre noch 5% des Volkseinkommens wert gewesen war. Und selbst von den staatlichen Gesundheitsausgaben kommen in Ägypten nur 16% den ärmsten 20% der Bevölkerung zugute, 24% hingegen den reichsten 20%.[11]

Unterernährung ist weniger verbreitet als in anderen Weltregionen. Nur 8% aller Einwohner in den arabischen Ländern nehmen regelmäßig zu wenig Energie zu sich, überwiegend handelt es sich um Frauen, Kinder, Einkommensarme und landlose Bauern. Dennoch liegt der Anteil der untergewichtigen Kleinkinder bei 13% und damit 5 Prozentpunkte höher, als es dem wirtschaftlichen Entwicklungsniveau der arabischen Länder entsprechen würde.

Fußnoten

6.
Eigene Berechnung auf Basis von UNDP (Anm. 1), S. 171-174.
7.
Eigene Berechnung auf Basis von ebd., S. 199-202.
8.
Vgl. UNDP, Arab Human Development Report 2003, New York 2003.
9.
Vgl. OECD, PISA 2006: Kurzzusammenfassung, Paris 2007, S. 21 und S. 24; Michael Martin et al., TIMSS 2007: International Science Report, Boston 2008, S. 34f. und S. 68f.; dies., TIMSS 2007: International Mathematics Report, Boston 2008, S. 34f. und S. 70f.; Ina Mullis et al., PIRLS 2006: International Report, Boston 2007, S. 37 und S. 69.
10.
Vgl. S. Bibi/M. Nabli (Anm. 2), Tab. 11.
11.
Vgl. Markus Loewe, Systeme der sozialen Sicherung in Ägypten: Entwicklungstendenzen, Erfahrungen anderer Geber und Ansatzpunkte für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit, Berlin 2000, S. 95.