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5.6.2010 | Von:
Markus Loewe

Die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher und menschlicher Entwicklung in der arabischen Welt

Ursachen der schlechten Bilanz

Um die Errungenschaften der arabischen Länder bei der menschlichen Entwicklung angemessen würdigen zu können, darf man nicht übersehen, dass diese 1945 von einem niedrigeren Niveau starteten als fast alle anderen Teile der Welt. In den folgenden Jahrzehnten machten sie teilweise sogar größere Fortschritte als andere Ländergruppen. Erst in jüngster Zeit hat sich die Entwicklung wieder verlangsamt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Lebensbedingungen in der arabischen Welt verheerend. Das PKE hatte während der gesamten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stagniert: Kein anderer Teil der Welt wies schlechtere Gesundheitsindikatoren auf, ein Großteil der Region war von Epidemien und Unterernährung betroffen, die Säuglingssterblichkeit lag bei 186 pro 1000 Neugeborenen. 99% aller Ägypter waren Analphabeten. Noch 1969 hatten Erwachsene im Mittel nur 0,9 Jahre lang die Schule besucht, während es in Subsahara-Afrika 1,7 und in Ostasien 4,3 Jahre waren.[20] Als etwa in Südkorea in den frühen 1960er Jahren der wirtschaftliche Aufschwung einsetzte, waren bereits 70% der Bevölkerung alphabetisiert; diese Schwelle erreichte Bahrain erst 1985, Syrien um 1998 und Tunesien um 2000, während Ägypten, Marokko, Jemen, Sudan und Mauretanien sie bis heute noch nicht überschritten haben.[21]

Nach der Unabhängigkeit kamen in vielen arabischen Ländern revolutionäre Regime an die Macht, die ihre autoritäre Herrschaft mit auf Sozialreformen ausgerichteten Programmen rechtfertigten. Die untere Mittelschicht war ihre soziale Basis und erwartete nach der Machtübernahme Taten. Abgesehen von einer hohen Problemlösungsdringlichkeit war somit eine weitere Bedingung für staatliches Handeln zugunsten der menschlichen Entwicklung - eine hohe Problemlösungsbereitschaft in Gesellschaft und Politik - gegeben. Tatsächlich begannen sich die meisten Regime mit großer Überzeugung in der Bildungs-, Gesundheits-, Frauenförderungs- und Sozialpolitik zu engagieren. Für allzu große Erfolge mangelte es in dieser ersten Phase der Entwicklung allerdings noch an einem dritten Faktor: der ökonomischen Problemlösungsfähigkeit.

Diese kam mit dem Ölpreisboom der 1970er Jahre, von dem alle arabischen Länder profitierten, da Gastarbeiterüberweisungen und Budgettransfers von den Erdölländern in die gesamte Region flossen. Der Geldsegen begründete einen Sozialvertrag, in dem die autoritären Regime ihren Bürgern politische Mitsprachemöglichkeiten mit großzügigen Sozialleistungen abkauften: der Schaffung einer riesigen Zahl von Arbeitsplätzen für Akademiker in der Staatsverwaltung, hohen Bildungs- und Gesundheitsausgaben, Sozialwohnungen, sozialen Sicherungssystemen und Lebensmittel- und Energiesubventionen.

Die Erfolge ließen sich sehen: Die meisten arabischen Länder holten beträchtlich bei der menschlichen Entwicklung auf. Ihre Wachstumsraten lagen zwei Jahrzehnte lang bei fast 4% und waren zeitweise die höchsten weltweit. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg zwischen 1960 und 1999 von 45 auf 64 Jahre, die Länge des durchschnittlichen Schulbesuchs von 0,9 auf 5,3 Jahre und die Alphabetisierungsrate von 31 auf 69%. Besonders stark stieg die Schulbeteiligung von Mädchen: Bei jenen im Grund- und Sekundarschulalter schnellte sie zwischen 1970 und 1997 von 32 auf 74% hoch. Tunesien, Jordanien und Syrien waren weltweit sogar unter den Spitzenreitern bei der Verbesserung der Indikatoren der menschlichen Entwicklung. So sank beispielsweise die Säuglingssterblichkeit in Tunesien zwischen 1970 und 1997 von 20,1 auf 3,7%. Und selbst der Gini-Koeffizient konnte in den meisten Ländern gesenkt werden (so in Ägypten von 43 auf 33%).[22]

Die Probleme begannen mit dem Verfall des Erdölpreises in den 1980er Jahren, der die Problemlösungsfähigkeit der arabischen Staaten wieder erheblich einschränkte. Fast alle mussten in den sozialen Sektoren erhebliche Einsparungen vornehmen. Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung verlangsamte sich, und die Arbeitslosigkeit stieg an.

Dennoch verbesserten sich die Bildungs- und Gesundheitsindikatoren der arabischen Länder auch nach 1985 - wenngleich langsamer. Und selbst Einkommensarmut und -ungleichheit konnten in einigen Ländern weiter reduziert werden. Im regionalen Mittel sank der Anteil derjenigen, die von weniger als einem US-Dollar in Kaufkraftparitäten leben, von 1985 bis 1995 von 4 auf 2%, und der Ginikoeffizient sank beispielsweise in Mauretanien, Tunesien und Jemen. Die arabischen Regime hatten Sorge, ihrer Herrschaftslegitimation allzu sehr zu schaden, wenn sie sich gar nicht mehr für die menschliche Entwicklung in ihren Ländern einsetzten.

Erst ab Mitte der 1990er Jahre kam der positive Trend ganz zum Erliegen. Obwohl die ökonomischen Wachstumsraten seit 2002 wieder höher liegen, steigen Einkommensarmut und -ungleichheit weiter an. Die Dynamik anderer Weltregionen in den Bereichen Bildung und Gesundheit liegt mittlerweile weit über derjenigen in den arabischen Ländern. Und bei der Gleichstellung der Frauen vergrößert sich der Rückstand der arabischen Länder ebenfalls weiter. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Stieg die Lebenserwartung in den arabischen Ländern vor 1985 im Mittel noch um 0,61 Lebensjahre pro Jahr und damit doppelt so stark wie im Rest der Welt, lag der Anstieg von 2000 bis 2007 nur noch bei 0,23 Lebensjahren pro Jahr und damit unter dem Anstieg im Rest der Welt. Ebenso lag das Mittel des Anstiegs der Grund- und Sekundarschulbeteiligungsraten in den arabischen Ländern vor 1985 bei 1,3 Prozentpunkten jährlich und damit mehr als doppelt so hoch wie im Rest der Welt, von 2000 bis 2007 hingegen nur noch bei 0,6 Prozentpunkten und damit signifikant niedriger als im Rest der Welt (auch wenn man Unterschiede im Einkommensniveau in Rechnung stellt).[23]

Zwar hat sich die finanzielle Problemlösungsfähigkeit einiger arabischer Länder wieder verbessert, seitdem die Ölpreise ab 2002 wieder angestiegen sind und durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise wohl auch nur einen vorübergehenden Dämpfer hinnehmen mussten. Zugleich hat aber die Problemlösungsbereitschaft vieler arabischer Regime nachgelassen, da sich diese immer weniger auf Rückhalt in unterprivilegierten Schichten der Bevölkerung stützen. Ganz offen paktiert selbst die ägyptische Führung mittlerweile eher mit einer Gruppe von jungen, dynamischen Unternehmern, deren neoklassischem Denken ein allzu großes sozialpolitisches Engagement des Staates eher fremd ist.

Auch die größere Aufmerksamkeit, die der menschlichen Entwicklung in der internationalen Entwicklungsdebatte zuteil wird, führte bislang nicht zu einer höheren Bereitschaft der arabischen Regime, sich verstärkt in den sozialen Sektoren zu engagieren. Selbst Appelle der entwicklungspolitischen Geberstaaten haben nichts bewirkt. Dies sollte allerdings auch nicht verwundern, engagieren sich doch viele Geber selbst - Deutschland eingeschlossen - in den arabischen Ländern stärker in den Wirtschafts- denn in den sozialen Sektoren.

Fußnoten

20.
Vgl. World Bank (Anm. 5), S. 26, S. 46 und S. 66.
21.
Vgl. Moez Doraid, Human development and poverty in the Arab states, in: Heba Handoussa/Zafiris Tzannatos (eds.), Employment Creation and Social Protection in the Middle East and North Africa, Kairo 2002, S. 5.
22.
Vgl. ebd., S. 4f.; S. Bibi/M. Nabli (Anm. 2), S. 10 und S. 39.
23.
Eigene Berechnungen auf der Basis von UNDP, Human Development Index trends and indicators, Datentabellen online: http://hdr.undp.org/en/media/HDI_trends_components_2009_rev.xls (31.3.2010).