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5.6.2010 | Von:
Kamal El Guennouni

Gesellschaftliche Differenzierungs-
prozesse und Wandel des Frauen- und Familienrechts in Marokko

Familienrecht im vorkolonialen Marokko

Die sozialwissenschaftliche Forschungslage zum Familienrecht in der vorkolonialen Phase in Marokko erweist sich als lückenhaft. Laut dem marokkanischen Philosophen Mohammed Abed al-Jabri sei die marokkanische Geschichte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht kritisch erforscht worden.[2] Thematisiert sei entweder eine national eingefärbte Geschichte, die die Gegensätze und Kämpfe im Land ausblende, oder eine nichtnationale Geschichte, die von französischen Historikern unter Einfluss der kolonialen Verwaltung dokumentiert sei. Die unzureichende Forschungslage berührt insbesondere die Geschlechterthematik und kann ebenso auf die kaum institutionalisierte Geschlechterforschung an den marokkanischen Universitäten zurückgeführt werden - was wiederum als ein gesellschaftsstruktureller Ausdruck der Tabuisierung geschlechtlicher Beziehungen betrachtet werden kann. Intimbeziehungen waren immer Gegenstand moralischer Bedenken in der arabischen Welt und gelten bis heute weitgehend als tabuisierter Bereich. Erörtert wurden von einigen Ethnologen und Soziologen einzig Aspekte, die das Familienrecht und die Ehepraxis betreffen.

Die Eheschließung und Familienbildung im vorkolonialen Marokko dienten nicht nur der Institutionalisierung, sondern erfüllten zudem die Funktion der sozialen Stabilität und schützten vor der sogenannten Fitna, dem sozialen Chaos. Diese Vorstellung beruhte auf der Sorge vor den scheinbar unkontrollierten Kräften der weiblichen Sexualität, die als eine Gefahr für die islamische Gemeinschaft (Umma) erachtet wurden, falls sie nicht in einem ehelichen Rahmen "kontrolliert" würden.[3] Insofern war die Ehe nicht gegenüber Instanzen der öffentlichen Gewalten, sondern gegenüber der islamischen Gemeinschaft zu legitimieren. Die Familie zeichnete sich durch eine patriarchale und agnatische Struktur aus, in der die Polygamie sowohl in allen sozialen Schichten als auch Regionen weit verbreitet war. In juristischer Hinsicht existierte keine allgemeingültige Rechtsreferenz für das Familienrecht und die Ehepraxis. Eine Reihe religiöser und ungeschriebener Gewohnheitsrechte organisierte die eheliche Institution. Dieser Rechtspluralismus herrschte vor allem bei den Berber-Stämmen.[4] Die rechtsplurale Struktur war unmittelbar mit der politischen und sozialen Ordnung dieser Stämme verbunden. Die zentrale Regierungsgewalt versuchte landesweit islamische Rechtsnormen einzuführen, tastete aber gleichzeitig die traditionellen Rechtsstrukturen der Stämme nicht an. So schaffte das Zentrum (Regierungsgewalt) eine Koexistenz zwischen dem universalistischen, islamischen Recht und dem partikularen Gewohnheitsrecht der Peripherie (den verschiedenen Regionen). Systematisch ließen sich zwei Rechtsformen unterscheiden: eine in den Städten, im Zentrum des Landes und eine zweite in den ländlichen Regionen in den Stämmen, der Peripherie des Landes.

Rechtsordnung in den Städten:
Das Zentrum Marokkos lässt sich als traditionell und statisch beschreiben. Die Regierung des Sultans zeichnete sich durch relative Homogenität aus; sie bestand lediglich aus einem Minister, Palastmeister, Schriftführer, Boten und um die Städte herum stationierte Soldaten.[5] Das Treffen rechtsverbindlicher Entscheidungen basierte ausschließlich auf dem islamischen Recht, der Scharia, auf deren Grundlage Verstöße gegen das Recht festgestellt und Unrecht beseitigt werden konnten. Das Familienrecht wurde unmittelbar aus den Hauptquellen der Scharia, dem Koran und der Sunna, entnommen und galt in diesem Sinne als heilig. Die Scharia regelte nicht nur die Eheschließung und Scheidung, sie durchdrang auch alle Bereiche des ehelichen Zusammenlebens und des Erbrechts.

Eine umfassende Beschreibung aller Zuständigkeitsbereiche der Scharia würde den Rahmen sprengen. Allerdings kann man zusammenfassend feststellen, dass alle rechtsrelevanten Handlungen in den Wirkungskreis der Scharia fielen. Geprägt wurde sie im Wesentlichen von der malikitischen Rechtsschule, deren Inkorporierung in Marokko in das 8. Jahrhundert zurückreicht. Seitdem tauchten die heiligen Texte des Koran und der Sunna als Rechtsquellen auf und wurden von den islamischen Rechtsgelehrten gelehrt und praktiziert. Diese Gelehrten wiederum nahmen innerhalb der Justizeinrichtungen eine besondere Stellung ein und waren in Moscheen und Lehreinrichtungen (an deren Spitze die Universität Al-Qarawiyyin in der Stadt Fez) repräsentiert. Die heiligen Texte stellten in den damaligen Lehreinrichtungen die wichtigsten Lehr- und Lerninhalte dar. Dagegen nahmen andere Wissenschaften wie Philosophie oder Logik eine untergeordnete Stellung ein.[6] Zugang zu diesen vormodernen Lehreinrichtungen hatten lediglich Männer aus der einflussreichen arabischen Oberschicht.

Rechtsordnung in den Berber-Stämmen:
Die Stämme lassen sich über die gemeinsame Genealogie als ein System der Verwandtschaft beschreiben. Sie bildeten keinen einheitlichen Organismus, sondern bestanden aus vielen strukturell einander ähnlichen Segmenten. Jeder Stamm verfügte über ein bestimmtes Territorium als Basis seiner politischen und ökonomischen Macht und Ausdruck seiner Einheit. Zudem waren sie abhängig von der Viehzucht und Landwirtschaft und waren durch eine schwache Arbeitsteilung unter dem Primat von Alter und Geschlecht differenziert. Die segmentäre Differenzierung der sozialen Ordnung in den Stämmen bestimmte auch das Familienrecht: So war die Eheschließung und Familienbildung "Privatsache" eines jeden Stammes.

Das Familienstammesrecht bestand aus regionalen Bräuchen und Gewohnheiten und war neben der Scharia ein wichtiger Teil der geltenden Rechtsordnung. Der Stammesrat brachte das Recht zur Geltung und konnte alle ihm vorgelegten rechtsrelevanten Fälle autonom entscheiden. Dabei besaß das männliche Geschlecht eine uneingeschränkte Autorität. Beispielsweise waren Frauen vom Stammesrat ausgeschlossen und durften ihr Erbe nicht selbst verwalten. In den Atlasgebieten durften die Frauen nach dem Tod des Ehemannes sogar nicht einmal erben.[7] Derlei Praktiken haben eine vorislamische Tradition und konnten in vielen Fällen ohne Rücksicht auf das islamische Recht durchgesetzt werden.[8] Denn ökonomisch wie auch politisch waren die Stämme autonom und entzogen sich der Herrschaft der zentralen Regierungsgewalt. Erst im Laufe der Kolonialzeit dehnte sich die Zentralgewalt allmählich auf sämtliche Regionen Marokkos aus. Im Jahre 1934 gelang es der Kolonialmacht, unter Einsatz militärischer Mittel die Stammesstrukturen weitgehend zu zerstören und die Stämme unter staatliche Herrschaft zu bringen. Alle Stämme verloren ihre Autonomie, und Marokko wurde zum ersten Mal in seiner Geschichte zentralisiert.

Fußnoten

2.
Vgl. Mohammed Abed al-Jabri, Marokko von heute. Das Eigene und die Moderne, Casablanca 1988, S. 35 (in Arabisch).
3.
Vgl. Fatima Mernissi, Geschlecht. Ideologie. Islam, München 1989, S. 35.
4.
Vgl. Christian Müller, Sitte, Brauch und Gewohnheitsrecht im malikitischen Fikh, in: Michael Kemper/Maurus Reinkowski (Hrsg.), Rechtspluralismus in der islamischen Welt. Gewohnheitsrecht zwischen Staat und Gesellschaft, Berlin 2005.
5.
Vgl. Robert Montagne, La vie sociale et politique des Berbères, in: Regards sur le Maroc. Actualité de Robert Montagne, Paris 1986, S. 77.
6.
Vgl. M.A. al-Jabri (Anm. 2), S. 19.
7.
Vgl. ebd., S. 94.
8.
Vgl. Ahmed Al Khamlichi, Drei Faktoren bestimmen die Entwicklung des Familienrechts, Al Jadida 1988, S. 256 (in Arabisch).