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5.6.2010 | Von:
Kamal El Guennouni

Gesellschaftliche Differenzierungs-
prozesse und Wandel des Frauen- und Familienrechts in Marokko

Zum Verhältnis von Familienrecht und Protektorat

Eine Strukturveränderung in der marokkanischen Sozialordnung kann man erst während der Kolonialzeit beobachten. Eine allmähliche Modernisierung und Industrialisierung des Landes kam in Gang.[9] Die koloniale Verwertungslogik erforderte nicht nur Investitionen in die Infrastruktur; auch die islamische Rechtsordnung des Landes geriet ins Wanken. So betonte auch Ludwig Feuerbach: "Wohin Napoleons Gesetzbuch kommt, da entsteht eine neue Zeit, eine neue Welt, ein neuer Staat."[10] Diese generalisierende Aussage erweist sich in diesem Kontext in fast allen gesellschaftlichen Bereichen als haltbar - außer dem Bereich des Familienrechts. Viele marokkanische Historiker weisen übereinstimmend darauf hin, dass das Familienrecht im Gegensatz zu allen anderen staatlichen Institutionen und Stammesstrukturen keine Veränderungen oder Anpassungen während des Protektorats erfahren hat.[11] Dadurch bildeten sich zwei unterschiedliche Rechtsordnungen heraus: eine säkular-westliche und eine islamische, deren Wirkungsmacht sich allerdings nur noch auf das Familienrecht beschränkte. Diese gesellschaftliche Entwicklung trat übrigens nicht nur in Marokko auf, sondern ist auch in anderen islamischen Gesellschaften zu beobachten, in denen die Modernisierung von außen oktroyiert oder herangetragen wurde.[12]

Seit 1913 kann man feststellen, dass sich auf der Grundlage des französischen Rechts ein vom islamischen Recht getrenntes Straf- und Zivilrecht entwickelte. Es entstanden gerichtliche Verfahrensformen mit entsprechenden Gerichtsbarkeiten. Neue und auf bestimmte Rechtsbereiche spezialisierte Gerichte wurden errichtet und durch die französische Gerichtsverfassung geregelt. Außerdem wurden neue Gesetze erlassen, die bis heute Anwendung finden, wie etwa das Vertrags- und Beurkundungsgesetz.[13] Die islamischen Gerichte konnten nur noch Rechtsfragen über Heirat, Scheidung und Erbschaften behandeln. In ländlichen Gebieten verlief der Prozess ähnlich, denn auch die Stämme verfügten über eigenständige Rechtsinstitutionen und Gesetze. Dabei stützte sich die koloniale Verwaltung auf zwei Instrumente: die Bildung moderner Strukturen wie die Ersetzung des Stammesrates durch französische Gerichtshöfe und die Beibehaltung des Familienrechts, da dieses ihre Interessen nicht unmittelbar berührte.

Dieser Dualismus lässt sich auch im Bereich der Bildung beobachten. Die koloniale Verwaltung modernisierte zwar die islamische Universität Al-Qarawiyyin, veränderte sie jedoch strukturell nicht: Wie Jahrhunderte zuvor bildeten dieselben Lehr- und Forschungsmethoden und dieselben Curricula die Grundlagen der Universität. Parallel dazu wurden neue, moderne Bildungseinrichtungen gegründet, die sich nach der Unabhängigkeit Marokkos rasch im ganzen Land verbreiteten und nach europäisch-säkularem Vorbild organisiert waren. Beispielsweise gab es bis zum Jahre 1936 nur einen marokkanischen Absolventen der Rechtswissenschaften im ganzen Land. Im Gegensatz dazu waren im Jahre 1959 1725 Studierende an der Juristischen Fakultät in Rabat eingeschrieben.[14] Der Zugang zu den von der kolonialen Verwaltung etablierten modernen Strukturen stand ausschließlich Mitgliedern der arabischen Oberschicht in den Städten offen. So dienten diese modernen Einrichtungen in erster Linie zur Rekrutierung autochthoner Eliten.

Diese Entwicklungen im Rechts- und Bildungsbereich sind prägnante Beispiele dafür, wie in Marokko die Grundlagen für die Entwicklung und Ausgestaltung von modernen Funktionsbereichen wie Wissenschaften, Recht oder Bildung geschaffen wurden. Die Sozialordnung, die sich aufgrund dieser Veränderungen herauskristallisierte, hat zu einer Neuorganisation der geschlechtlichen Arbeitsteilung geführt. Dementsprechend spezialisierte sich das Familienleben, während das Ehe- und Familienrecht im Zuständigkeitsbereich der Religion blieb. Dadurch entstand ein Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch auf Modernität und der Schwierigkeit, diesen Anspruch ohne islamischen Identitätsverlust zu verwirklichen. Beispielsweise sah das marokkanische Familienrecht eine klare geschlechtliche Arbeitsteilung nach klassisch-islamischem Ideal vor, in dem der Ehemann für den öffentlichen und die Ehefrau für den häuslichen, privaten Bereich zuständig waren. Aber durch die zunehmende Beteiligung der Frau am Arbeitsmarkt nahm ihre soziale Rolle im öffentlichen Raum enorm zu, während ihre rechtliche Stellung unverändert blieb. Die postkoloniale Geschichte ist von diesem Dualismus und der Suche nach einem Ausweg daraus geprägt. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in den zahlreichen Initiativen des marokkanischen Staates wider, das Familienrecht zeitgemäß zu gestalten.

Fußnoten

9.
Vgl. Abdelkebir Khatibi, Etat et classes sociales, in: ders. (ed.), Etudes sociologiques sur le Maroc, Rabat 1971, S. 9.
10.
Zit. nach: Paul Johann Anselm Feuerbach, Themis oder Beiträge zur Gesetzgebung, Landshut 1812.
11.
Vgl. Azdine Khatabi, Die Entwicklung der marokkanischen Gesellschaft zwischen Kontinuität und Wandel. Die familiären Beziehungen als Beispiel, in: Ahmed Scharak/Idriss Katir (Hrsg.), Soziologie bei Abdeljalil Halim, Fez 2001, S. 130 (in Arabisch).
12.
Vgl. Francis Robinson, Säkularisierung im Islam, in: Wolfgang Schluchter (Hrsg.), Max Webers Sicht des Islams. Interpretation und Kritik, Frankfurt/M. 1987.
13.
Vgl. Mohamed Jalal, Dreißig Jahre Arbeit mit dem Familienrecht, in: Al Mayadin, (1988) 4, S. 23 (in Arabisch).
14.
Vgl. Mohammed Abed al-Jabri, Das Problem des Bildungssystems in Marokko, Casablanca 1973, S. 38 (in Arabisch).