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5.6.2010 | Von:
Kamal El Guennouni

Gesellschaftliche Differenzierungs-
prozesse und Wandel des Frauen- und Familienrechts in Marokko

Geburt des modernen Familienrechts

Betrachtet man die Entwicklung des Familienrechts seit der Unabhängigkeit am 6. September 1956, so drängt sich der Eindruck auf, dass die Mechanismen und Einflussfaktoren dieses Prozesses nicht systemimmanent waren. Sie lassen sich vielmehr auf äußere Einflüsse zurückführen. Wie in der Kolonialzeit erfolgten gesellschaftliche Differenzierungsvorgänge auch in der postkolonialen Phase nach demselben Schema: induziert von außen durch die Monarchie und durch globale Strukturmuster westlicher Prägung.[15]

So war unmittelbar nach der Unabhängigkeit ein königliches Dekret erlassen worden, um das Familienrecht in Gesetzesform zu kodifizieren, woraufhin zum ersten Mal sechs Gesetzbücher entstanden, die das Familienrecht im gesamten Land vereinheitlichten. Die Inhalte der Gesetze beruhten jedoch weiterhin auf den religiösen Quellen der Scharia. Diese übertrugen Männern und Frauen unterschiedliche Rechte und Pflichten. Sie waren nicht gleichberechtigt. So durfte der Ehemann beispielsweise ohne jegliche Angabe von Gründen und ohne ein gerichtliches Verfahren seine Frau verstoßen, während die Ehefrau die Scheidung nur aus geregelten Gründen beantragen durfte. Im Laufe der Zeit kam es zu erheblichen Bedenken gegen eine solch patriarchalische Auslegung der Scharia. Viele Diskurse beschreiben das kodifizierte Familienrecht daher als eine unveränderte Wiederholung in einer sich wandelnden Gesellschaft.[16] Tatsächlich läuft die Sozialstruktur seit der Kolonialzeit auf immer umfassendere Differenzierungsvorgänge zu, die zu einer zunehmenden Spezialisierung im Arbeitsmarkt und zur Inklusion der Frauen im Bildungssystem führten. Im Ergebnis wurde ein erheblicher Teil der Frauen aus ihren traditionellen Geschlechterrollen herausgelöst.

Dieser Prozess beschleunigte sich mit der Integration des Landes in globale Strukturen. Die globalen Einflüsse berührten nicht nur den öffentlichen Bereich, sie durchdrangen auch die Privatsphäre und das Familienleben. Seit der Mitgliedschaft Marokkos in den Vereinten Nationen im November 1956 ist eine wachsende Einbindung des Landes in das internationale Rechtssystem zu beobachten. Dieses internationale, säkularisierte Rechtssystem bietet einen Referenzrahmen, auf den sich Menschenrechts- und Frauenorganisationen in Marokko berufen können. Vor diesem Hintergrund hatten sie im Frühjahr 1992 eine Aktion gestartet mit dem Ziel, eine Million Unterschriften für die Gleichberechtigung zu sammeln.[17] Ein Jahr später wurde im Auftrag von König Hassan II., der von 1961 bis 1999 regierte, das Familienrecht reformiert, was jedoch zu keiner nennenswerten rechtlichen Neuerung führte. Denn für das Treffen rechtsverbindlicher Entscheidungen im privaten Bereich waren weiterhin die Regelungen der Scharia maßgeblich.

Erst mit der Liberalisierungswelle und der neuen Geschlechterpolitik König Mohammed VI., der seit 1999 das Land regiert, wurden die Forderungen der marokkanischen Frauenbewegung aufgenommen. Im Jahre 2001 setzte er eine Beratungskommission aus Juristen und religiösen Rechtgelehrten ein, welche ihm einen ersten Reformvorschlag vorlegte. Die Änderungen zielten darauf, die säkularen universellen Normen unter Achtung der religiösen Besonderheiten des Landes in das nationale Familienrecht zu integrieren. Am 10. Oktober 2003 schließlich gab der König das neue Familienrecht bekannt. Vor allem die Frau verbesserte ihren formalen Rechtsstatus und findet mehr Anerkennung, wie die folgenden Sachverhalte aus der neuen Familiengesetzgebung zeigen:

  • Anders als im klassisch-islamischen Familienrecht wurde die gängige Praxis der Verstoßung abgeschafft. Das Scheidungsrecht gewinnt nun säkulare, zivilrechtliche Konturen, da die Scheidung in staatlichen Familiengerichten geregelt wird (Art. 78).
  • Die hierarchische Familienstruktur ist durch eine gleichberechtigte Verantwortung der Ehepartner im Haushalt und in der Familie ersetzt (Art. 51).
  • Die Frau braucht keinen Vormund mehr bei der Eheschließung (Art. 25).
  • Das Mindestheiratsalter für die Frau ist wie beim Mann auf 18 Jahre heraufgesetzt; Ausnahmen sind nur mit richterlicher Genehmigung möglich (Art. 20).
  • Zudem ist die Polygamie sehr stark eingeschränkt und nur in äußersten Ausnahmefällen möglich (Art. 40).
Unmittelbar nach der Bekanntmachung des neuen Familienrechts wurden im marokkanischen Rechtssystem säkulare Familiengerichte eingerichtet. Um eine entsprechende Rechtspraxis der neuen Familiengesetzgebung zu gewährleisten, erhalten die Richter zusätzliche Weiterbildungsmaßnahmen. Zudem wird der Versuch unternommen, den Zugang zur Justiz zu stärken. Dadurch konnte der strukturelle Dualismus im Rechtssystem Marokkos, der das Land seit der Kolonialzeit prägte, zum großen Teil überwunden werden.

Fußnoten

15.
Sicherlich muss angeführt werden, dass sich auch innerhalb der Gesellschaft Frauen- und Menschenrechtsgruppen gebildet hatten, die eine Modernisierung des Familienrechts forderten. Allerdings fanden ihre Forderungen keine Berücksichtung bei den politischen Entscheidungen, da weder die politischen Strukturen durchlässig noch die Entscheidungsträger aufnahmewillig waren.
16.
Vgl. A. Khatibi (Anm. 9).
17.
Vgl. Silvia Tellenbach, Änderung im marokkanischen Familienrecht. Zur Stellung der Frau in Marokko, in: Zeitschrift für das gesamte Familienrecht, 41 (1994), S. 843.