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5.6.2010 | Von:
Kamal El Guennouni

Gesellschaftliche Differenzierungs-
prozesse und Wandel des Frauen- und Familienrechts in Marokko

Schlussbetrachtung

Die Evolution des Familienrechts in Marokko eignet sich besonders gut, die Besonderheiten der Differenzierungsvorgänge in der marokkanischen Gesellschaft aufzuzeigen. Aus den Ergebnissen lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen:

  • Die gesellschaftliche Entwicklung in Marokko deutet darauf hin, dass die Bildung moderner, säkularer Strukturen im öffentlichen Bereich formal zumindest relativ schnell verlaufen ist. Die koloniale Verwaltung hat die in Europa ausgebildeten Strukturen sukzessive auf Marokko übertragen. Durch die Integration des Landes in globale Strukturmuster wurde die zunehmende funktionale Differenzierung beschleunigt; anders als in Europa, wo die Ausdifferenzierung der Funktionsbereiche von innen heraus erfolgte und dafür Jahrhunderte in Anspruch nahm.[18]

  • Im Gegensatz zur gesellschaftlichen Entwicklung in Europa verliefen Differenzierungsvorgänge in Marokko nicht mit systemeigenen Mitteln, sondern wurden von außen herbeigeführt - wie man deutlich an der Zentralisierung Marokkos und am Transfer moderner Funktionsbereiche seit der Kolonialzeit sehen kann. Diese Entwicklung wurde in der postkolonialen Phase durch die Monarchie und durch die Inklusion Marokkos in globale Strukturen fortgesetzt und ist bis heute noch nicht abgeschlossen.
Abschließend ist festzuhalten, dass die Evolution des Familienrechts in Marokko als Beleg dafür gesehen werden kann, dass sich die Regelungen der Scharia und universelle Menschenrechte keineswegs widersprechen müssen, sondern miteinander vereinbar sind. Insofern lässt sich die soziale und rechtliche Diskriminierung der Frau vielmehr mit den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen erklären, die bestimmte Auslegungen der heiligen Texte artikulieren.

Fußnoten

18.
Vgl. Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Band II, Frankfurt/M. 1997, S. 707f.