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5.6.2010 | Von:
Marie-Christine Heinze

Waffenproliferation, Kleinwaffenkontrolle und "Waffenkultur" im Jemen

Historischer Kontext

Die ersten modernen Waffen kamen mit den Kolonialmächten in den Jemen.[3] Im Jahr 1839 besetzte Großbritannien die strategisch wichtige Hafenstadt Aden in der Nähe vom Bab al-Mandab im Süden des Landes. Aus der britischen Garnison in Aden gelangte eine geringe Anzahl moderner Waffen entweder auf illegalem Wege in jemenitische Hände oder durch den Verkauf älterer Waffentypen im Zuge der Modernisierung der Bestände.[4] Weit mehr Waffen brachte die zweite osmanische Besatzung (1872-1918/19) in den Norden des Jemen. In den andauernden gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den osmanischen Besatzern, dem dort herrschenden Imam und den Stämmen fielen zahlreiche Waffen in die Hände der nordjemenitischen Bevölkerung.

Der nächste große Zustrom moderner Waffen steht in direkter Verbindung mit der Gründung der ersten beiden modernen jemenitischen Staaten: Im Norden des Landes wurden in einem von 1962 bis 1967 dauernden Bürgerkrieg, aus welchem 1967 die Arabische Republik Jemen ("Nordjemen") hervorging, die konfligierenden Parteien von Saudi-Arabien auf der einen und Ägypten auf der anderen Seite unter anderem mit Waffenlieferungen unterstützt. Diese Waffen fanden auch ihren Weg in den Süden, wo ein von 1963 bis 1967 andauernder Aufstand die Vorherrschaft der Briten in Aden und dessen Hinterland beendete.[5] 1967 wurde hier mit der Demokratischen Volksrepublik Jemen ("Südjemen") eine neue Staatsform marxistisch-sozialistischer Couleur errichtet, deren gesellschaftliches Experiment vor allem das Leben der Bewohner von Aden nachhaltig verändern sollte.

1990 vereinigten sich die beiden Staaten zur Republik Jemen. 1994 allerdings erklärten Teile der ehemaligen südjemenitischen Elite aus Unzufriedenheit mit der Machtteilung die Sezession des Südens. In dem darauffolgenden Bürgerkrieg rekrutierte vor allem das nordjemenitische Militär zahlreiche Männer aus der Bevölkerung - unter ihnen viele aus Afghanistan zurückgekehrte Dschihadisten -, die es bewaffnete und an seiner Seite kämpfen ließ. Die südjemenitische Sezessionsbewegung unterlag und viele ihrer Anführer flohen ins Exil. Die auf diesen Krieg folgenden Plünderungen der Waffenlager im Süden durch die nordjemenitische Armee sowie diejenigen, die auf ihrer Seite gekämpft hatten, führten zu einer noch weiteren Verbreitung von Kleinwaffen im Lande und damit zu Preissenkungen, welche die Waffen selbst für den Ärmsten erschwinglich machten.

In der Erinnerung der Jemeniten sind die genannten Revolutionen und der weniger als zwanzig Jahre zurückliegende Bürgerkrieg von 1994 höchst lebendig. Diese gewaltsamen Umbrüche haben die politische und gesellschaftliche Landschaft des Jemen nachhaltig verändert. Das kollektive Gedächtnis vieler Jemeniten ist daher eng verbunden mit den Waffen, die meist über Interventionsmächte in das Land kamen und jeweils den Sieg einer Herrschaftsform über eine andere mit begründeten. Eine AKS-74U (eine kurze Variante der Kalaschnikow) beispielsweise ist unter dem Namen "al-Jifri" bekannt. Abd al-Rahman al-Jifri war einer der Anführer der südlichen Sezessionsbewegung von 1994. Erzählungen von Jemeniten nach soll er damals diese Waffe an die Mitstreiter der Sezessionisten verteilt haben. Eine andere Variante der Kalaschnikow ist unter der Bezeichnung "mu'tamar" bekannt. Dieser Name bezieht sich nach Aussagen von Jemeniten auf die Regierungspartei Allgemeiner Volkskongress (al-mu'tamar al-sha'bi al-'am), die im Bürgerkrieg 1994 die auf ihrer Seite Kämpfenden mit dieser Waffe ausstattete und deren Verteilung erneut vor den Parlamentswahlen 2003 gezielt zur Sicherung von Loyalitäten einsetzte.[6]

Fußnoten

3.
Ausführlicheres zur modernen Geschichte des Jemen findet sich unter anderem bei Paul Dresch, A history of modern Yemen, Cambridge 2000; Brian Whitaker, The birth of modern Yemen, 2009, online: www.al-bab.com/yemen/birthofmodernyemen/default.htm (13.5.2010).
4.
Vgl. Derek B. Miller, Demand, stockpiles, and social controls. Small arms in Yemen, Genf 2003, S. 9, online: www.smallarmssurvey.org/files/sas/publications/o_papers_pdf/2003-op09-yemen.pdf (21.4.2010).
5.
Vgl. Clive Jones, Among ministers, mavericks and mandarins. Britain, covert action and the Yemen civil war, 1962-1964, in: Middle Eastern Studies, 40 (2004) 1, S. 101f.
6.
Interviews der Autorin im Jemen (2009/2010).