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31.5.2010 | Von:
Elsbeth Bösl

Die Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik aus Sicht der Disability History

Inklusion und Normalitätserwartungen seit den 1990er Jahren

Inklusion ersetzte als Ziel und Methode nun zunehmend Integration: Statt Menschen einer Gesellschaft zuzuführen, der sie vermeintlich nicht angehören, bedeutet Inklusion, eine von Geburt an bestehende Zugehörigkeit aufrecht zu erhalten. An die Stelle von Defizitorientierung sollte die Förderung von Fähigkeiten rücken. Propagiert wurde ein Normalisierungsverständnis, demzufolge die Lebens-, Wohn- und Konsumformen in der Gesellschaft so zu verändern sind, dass sie Menschen mit und ohne Behinderungen gleichermaßen in Anspruch nehmen können. Barrierefreie Technologien galten nun als Garanten von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Dahinter verbarg sich die Vorstellung, dass die Umwelt durch technische Maßnahmen universell zugänglich und nutzbar gemacht werden könnte. Gelänge dies, gäbe es, so die Erwartung, keine Benachteiligungen mehr, weil behinderte Menschen nicht mehr ausgeschlossen oder auf diskriminierende Weise auf Sondernutzungen und Sonderwege verwiesen würden.[17]

Selten wurde dabei darauf aufmerksam gemacht, dass dies mit einer neuen Angewiesenheit auf Technologien einhergeht und Behinderung dadurch tendenziell weiterhin individualisiert, statt sie zu vergemeinschaften.[18] Wenngleich der Anpassungsdruck an funktionale Normalitätserwartungen und präskriptive Normen gesunken sein mag, lautet das behindertenpolitische Ideal weiterhin, "normal" zu leben. In der Umsetzung gewannen viele behinderte Menschen an Handlungs- und Teilhabeoptionen, jedoch lässt das Normalitätsideal die Einsicht vermissen, dass Leben nicht "normal" sein muss[19] und dass gerade die Umwelt offen für die Pluralität von Zugangs- und Nutzungswegen und eine Vielfalt von Aneignungsmöglichkeiten gestaltet werden kann. Nicht "Andersheit" ist das Problem, sondern Benachteiligung.

Fußnoten

17.
Vgl. z.B. Europäisches Institut Design für Alle in Deutschland, European Concept für Accessibility/ECA für Verwaltungen, Berlin 2008.
18.
Vgl. Sally French, What's so great about independence?, in: John Swain u.a. (eds.), Disabling Barriers - Enabling Environments, London-Newbury Park-New Delhi 1993, S. 44-48.
19.
Vgl. Anne Waldschmidt, Ist Behindertsein normal? Behinderung als flexibelnormalistisches Dispositiv, in: Günther Cloerkes (Hrsg.), Wie man behindert wird. Texte zur Konstruktion einer sozialen Rolle und zur Lebenssituation betroffener Menschen, Heidelberg 2003, S. 83-101, hier S. 98.