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Pakistan, seine Stammesgebiete und der Afghanistan-Krieg


14.5.2010
Der Afghanistan-Krieg führt auch zur Schwächung Pakistans. Tatsächlich ist es wichtig, den Zusammenhang der Gewalt in beiden Ländern realistisch einzuschätzen, will man das Gewaltniveau auf beiden Seiten der Grenze senken.

Einleitung



Der Afghanistan-Krieg zieht weiter die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich, so dass das strategisch weit bedeutsamere Pakistan oft vernachlässigt wird. Dabei verfügt das Land über 170 Millionen Einwohner, Atomwaffen, ist selbst instabil und ein Schauplatz politischer Gewalt. Im vergangenen Jahr kamen dort über 12000 Menschen bei politischer oder militärischer Gewalt ums Leben.[1] Trotzdem wird es entweder ignoriert oder unter dem taktischen Gesichtspunkt betrachtet, wie man Pakistan als Helfer im Afghanistan-Krieg instrumentalisieren kann. Erst seit dem Amtsantritt von Barack Obama als US-Präsident beginnt sich dies teilweise zu ändern, wenn auch gelegentlich in einer wenig hilfreichen Form. Tatsächlich ist es wichtig, den Zusammenhang der Gewalt in Afghanistan und in Pakistan realistisch einzuschätzen, wenn man das Gewaltniveau auf beiden Seiten der Grenze senken möchte.

Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die Gewalt auch in Pakistan inzwischen Kriegsniveau erreicht, dass sie aber nicht das ganze Land erfasst, sondern bestimmte regionale Schwerpunkte erkennen lässt. Dazu kommt, dass die Gewaltursachen und Gewaltdynamiken je nach Region höchst unterschiedlich sind. In Pakistan existieren heute nicht ein Gewaltkonflikt, sondern mindestens drei, die teilweise miteinander verschränkt sind, teilweise aber auch unabhängige Dynamiken aufweisen. Da dies an anderer Stelle bereits ausführlicher dargestellt wurde,[2] genügt hier eine kurze Aufzählung: (1) In Belutschistan kam es aufgrund einer lang andauernden Benachteiligung der Provinz zu einem Aufstand, der eine ethno-nationalistische, anti-koloniale Färbung aufweist und auf Gleichberechtigung oder Autonomie zielt; (2) seit Mitte der 1980er Jahre entwickelte sich ausgehend vom Zentralpunjab ein gewaltsamer, oft terroristisch ausgetragener Gewaltkonflikt zwischen sunnitischen und schiitischen extremistischen Gruppen, der inzwischen auch immer wieder in anderen Provinzen oder den Northern Areas aufflammt. Diese beiden Gewaltherde - wie auch der inzwischen abgeflaute ethnische Bürgerkrieg in der Millionenstadt Karachi - sind prinzipiell unabhängig vom Afghanistan-Krieg, auch wenn in allen Fällen potenzielle Verbindungspunkte bestehen. Dies gilt für Belutschistan aufgrund der starken paschtunischen Besiedelung entlang der afghanischen Grenze und in seiner Hauptstadt Quetta; und es gilt bezüglich der konfessionellen Auseinandersetzung wegen einer Zusammenarbeit sunnitischer Extremisten mit den ebenfalls sunnitisch geprägten, paschtunischen Aufständischen in der Nordwestprovinz Pakistans. Damit rückt der Gewaltherd der Nordwestprovinz ins Blickfeld, der stark mit dem Afghanistan-Krieg verknüpft ist.


Fußnoten

1.
Vgl. Pak Institute of Peace Studies, Pakistan Security Report 2009, Islamabad 2010, S. 4f.
2.
Vgl. Jochen Hippler, Das gefährlichste Land der Welt? Pakistan zwischen Militärherrschaft, Extremismus und Demokratie, Köln 2008, S. 208-233; ders., Gewaltkonflikte und autoritäre Staatlichkeit in Pakistan, in: ders./Andreas Heinemann-Grüder/Bruno Schoch/Markus Weingardt/Reinhard Mutz (Hrsg.), Friedensgutachten 2008, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Bonn International Center for Conversion (BICC), Institut für Entwicklung und Frieden (INEF), Münster 2008, S. 258-269.

 

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