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14.5.2010 | Von:
Jochen Hippler

Pakistan, seine Stammesgebiete und der Afghanistan-Krieg

Bürgerkrieg in den Stammesgebieten der Nordwestprovinz

Zum blutigsten Konfliktherd Pakistans hat sich die Nordwestprovinz entwickelt, die im Wesentlichen von Paschtunen besiedelt ist und an Afghanistan grenzt. Die dortigen Familien und Stämme stehen seit Jahrhunderten in engem Kontakt mit ihren Verwandten jenseits der heutigen Grenze, die in der Kolonialzeit von Großbritannien gezogen wurde ("Durand-Linie") und die paschtunischen Siedlungsgebiete künstlich trennt.

Die Stammesgebiete (Federally Administered Tribal Areas, FATA) gehören zur Nordwestprovinz (NWFP). Rechtlich sind sie damit Teil Pakistans, doch die Verfassung bestimmt: "Kein vom Parlament beschlossenes Gesetz gilt in irgendeinem der Stammesgebiete oder einem ihrer Teile, solange es der Präsident nicht anordnet"[3] , was kaum jemals vorkommt. Dieses Fehlen staatlichen Rechts in der Region an der afghanischen Grenze reflektiert die dortige Schwäche des Staates. Die Regierungsführung innerhalb der FATA ist archaisch.[4] Sie beruht auf der prinzipiellen Autonomie der einzelnen Stämme, die von sieben "Politischen Agenten" des Präsidenten (political agents, PA) beaufsichtigt werden, die der Gouverneur der Nordwestprovinz in seinem Namen ernennt. Die PAs sind die höchsten Repräsentanten des Staates in den sieben Tribal Agencies. Sie verfügen allerdings nicht über direkte Regierungs- oder Verwaltungskompetenz; ihr Einfluss beruht auf der Kooperation mit den Stammesführern (maliks). Sie verwenden die alte Technik von Zuckerbrot und Peitsche, um die maliks zur Kooperation zu bewegen; dazu gewähren sie finanzielle oder andere Anreize oder drohen mit kollektiven Bußgeldern oder der Einbehaltung von Finanzmitteln und anderen Gütern.

Die political agents und maliks sind voneinander abhängig: Die Macht der maliks über ihre Stämme hängt von der finanziellen, politischen und sonstigen Unterstützung durch die PAs ab. Sie nutzen sie, um klientelistische Netzwerke aufzubauen. Gleichzeitig braucht ein political agent die maliks, um überhaupt die Interessen der Regierung wahrnehmen zu können. Diese Art der indirekten Regierung entstand während der britischen Kolonialzeit und wurde im Jahr 1901 in der Frontier Crimes Regulation (FCR) kodifiziert. Sie gilt bis heute, da keine Regierung je in der Lage war, vollständige Kontrolle über die Stammesgebiete an der Grenze zu Afghanistan zu erlangen.

Ein solches Regierungsmodell, wenn man es überhaupt so nennen möchte, schließt die örtliche Bevölkerung weitgehend von einer politischen Teilhabe aus. Diese darf erst seit Mitte der 1990er Jahre überhaupt an Wahlen teilnehmen. Vorher wurden die Parlamentsabgeordneten von den Stammesführern bestimmt. Selbst die pakistanischen Parteien sind weiter illegal, obwohl der Präsident im Jahr 2009 eine Reform zu deren Legalisierung verkündete, die allerdings noch umgesetzt werden muss. In den FATA existieren keine staatlichen Gerichte, Stämme werden kollektiv für kriminelle Aktivitäten Einzelner haftbar gemacht. Darüber hinaus kann dieses anachronistische System von Governance nur funktionieren, solange die Stämme ihre jeweiligen Gebiete tatsächlich kontrollieren und die Stammesstrukturen (wie die dominierende Rolle des malik) fortbestehen. Diese beiden Voraussetzungen werden jedoch oft nicht mehr erfüllt. Im Afghanistan-Krieg der 1980er und frühen 1990er Jahre wurden die alten Stammesstrukturen durch mindestens zwei soziale Gruppen untergraben, die an Macht gewannen. Dazu gehören Anführer nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen. In Kriegszeiten sind traditionelle soziale Strukturen weniger wichtig als militärische Effizienz. Deshalb wurden viele militärische Führer aufgrund ihrer militärischen und organisatorischen Fähigkeiten zu machtvollen lokalen Figuren. Zweitens erhielten Mullahs und andere religiöse Führer aufgrund der zunehmenden Bedeutung religiöser Motivation im anti-sowjetischen Dschihad größeren Einfluss. Waren die Mullahs ursprünglich vor allem Teil eines Stammes und von politisch sekundärer Bedeutung, ja sogar Gegenstand von Witzen, so gewannen sie nun oft beträchtlichen politischen Einfluss.

Darüber hinaus trugen sozio-ökonomische Trends zu einer Schwächung der Stammesstrukturen bei, etwa die anhaltende Landflucht. Die dschihadistische Transformation der örtlichen Religiosität, die der zusätzlichen Motivierung und Mobilisierung für den anti-sowjetischen Kampf diente, sowie die Schaffung einer paramilitärischen Infrastruktur trugen zur sozialen Umstrukturierung bei. Beides wurde nach dem Abzug der Sowjetunion aus Afghanistan nicht rückgängig gemacht und konnte so später bruchlos in den Dienst des Kampfes gegen die NATO-Truppen in Afghanistan und gegen die pakistanische Regierung gestellt sowie für den internationalen Dschihadismus al-Qaidas genutzt werden. Insgesamt sind die Stammesgebiete nur locker in den pakistanischen Staat integriert, während sie zugleich über informelle, aber enge Bindungen an die Stämme jenseits der afghanischen Grenze verfügen.

Fußnoten

3.
Constitution of Pakistan, Part 12, Chapter 3, Paragraph 247 (3), online: www.pakistani.org/pakistan/constitution/part12.ch3.html (18.4.2010).
4.
Vgl. Jochen Hippler, Violence, Governance and Islam in Pakistan, Prepared for the Final Conference "Control of Violence", Center for Interdisciplinary Research, Bielefeld University, 10.-13. September 2008.