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14.5.2010 | Von:
Jochen Hippler

Pakistan, seine Stammesgebiete und der Afghanistan-Krieg

Auswirkungen des Afghanistan-Krieges

Nach dem Sturz der Taliban durch US-Truppen und ihre afghanischen Verbündeten im Herbst und Winter des Jahres 2001 flohen viele der - paschtunischen - Taliban und bis zu 2000 internationale Kämpfer al-Qaidas aus Afghanistan in die Stammesgebiete der pakistanischen Nordwestprovinz.[5] Dort wurden sie meist freundlich aufgenommen, da man sich ihnen seit der gemeinsamen Kampfzeit im anti-sowjetischen Dschihad verbunden fühlte. Damals waren auch durch Eheschließungen familiäre Bindungen entstanden, die eine positive Wahrnehmung begünstigten. Schließlich bestanden auch ideologische Sympathien, da die dschihadistische Umformung des deobandischen, sunnitischen Islam in den Grenzgebieten seit dem Krieg gegen die Sowjetunion eine positive Grundwahrnehmung religiöser Kämpfer bewirkt hatte. Deshalb - und aufgrund finanzieller Zahlungen der ausländischen Dschihadisten an die Stämme oder ihre maliks - wurden die Dschihadisten nicht nur in den Stammesgebieten akzeptiert, sondern konnten die Region auch zur Vorbereitung von Überfällen und Anschlägen in Afghanistan nutzen.

Daraus ergab sich eine Situation, bei der neben den Stämmen und den bedeutsamer gewordenen religiösen Führern nun auch Hunderte usbekischer, tschetschenischer und arabischer Kämpfer zu politischen Machtfaktoren in den Stammesgebieten wurden. Zwischen diesen Ausländern und den traditionellen Stammesstrukturen bildeten sich auch einheimische, paschtunische Gruppen dschihadistischer Kämpfer, die sich zuerst Mudschahidin (religiöse Krieger), bald aber (pakistanische) Taliban nannten. Sie schlossen sich schrittweise zusammen und nannten sich Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP; "Bewegung der (religiösen) Studenten Pakistans"). Diese Gruppen bildeten einerseits eine Brücke der lokalen Gesellschaft zu den ausländischen Dschihadisten, zugleich aber untergruben sie die Macht der bereits in den vergangenen Jahrzehnten geschwächten Stammestradition in einigen Regionen, da sie die Stammesführer nur noch akzeptierten, wenn diese ihren religiösen und politischen Vorstellungen entsprachen. Sie begannen bald, in bestimmten Gebieten selbst quasi-staatliche Strukturen aufzubauen, die die Macht der maliks ideologisch, aber auch durch Einschüchterung und Gewalt einschränkten. Auch der ohnehin geringe Einfluss der pakistanischen Behörden in der Region wurde so noch weiter zurückgedrängt.

Die lokalen Dschihadisten begannen in einigen Regionen mit der Verfolgung und Hinrichtung Krimineller (wie Räuber, Vergewaltiger, etc.), was ein erneutes Indiz für die Untergrabung der Stämme darstellt, die ja eigentlich für Sicherheit zuständig waren. Ihre shuras (Ratsversammlungen der Führer) setzten Männer unter Druck, sich Bärte wachsen zu lassen und bedrohten Geschäftsleute, die CDs, DVDs oder Videos verkauften, da Musik und Filme die Moral untergrüben und durch den Islam verboten seien. Wurde diesen Anweisungen nicht gefolgt, sprengten sie entsprechende Geschäfte (selbst Friseurläden, die Männern die Bärte rasierten) nicht selten in die Luft. Nichtregierungsorganisationen - insbesondere solche mit ausländischer Unterstützung oder zur Förderung von Frauen - wurden bedroht und zum Teil angegriffen und vertrieben, da ihre Arbeit subversiv sei, westliche Werte propagiere und letztlich im Auftrag Washingtons erfolge.

Zugleich standen die Bewohner der FATA nicht allein unter dem Druck dschihadistischer Gruppen, sondern auch der Behörden und des Militärs. Diese nahmen oft ganze Dörfer oder Stämme in Haftung, um einzelner Verdächtiger oder extremistischer Gruppen habhaft zu werden. Wenn ein Stamm nicht bereit oder in der Lage war, Verdächtige oder Gewalttäter an die Regierung auszuliefern, wurden sein Siedlungsgebiet abgeriegelt oder Kollektivstrafen verhängt.

Solche Ultimaten mögen jenseits ihrer menschenrechtlichen Fragwürdigkeit in Fällen funktionieren, in denen lokale Autonomie- und Stammesstrukturen intakt sind und es sich um die Auslieferung Einzelner handelt. Wenn die betroffene Gemeinschaft aber nicht mehr handlungsfähig ist, weil etwa die Autorität einer Stammesführung nicht mehr allgemein akzeptiert wird, sich Einzelne ihrer Überstellung entziehen oder die auszuliefernde Gruppe groß und gut bewaffnet ist, dann können solche Androhungen von Kollektivstrafen ihr Ziel kaum erreichen und werden darüber hinaus die Sympathie der Bevölkerung für die Behörden und das Militär beschädigen - ohne die eine Aufstandsbekämpfung jedoch aussichtslos bleibt. Wenn dann noch bei Strafaktionen oder anderen militärischen Operationen lokale Zivilisten zu Schaden kommen, werden möglicherweise die Regierung und das Militär als das schlimmere zweier Übel wahrgenommen. Dann wird das Militär faktisch als Besatzungstruppe im eigenen Land aufgefasst und verliert jede realistische Chance, einen Keil zwischen die Bevölkerung und die Dschihadisten zu treiben - und so zugleich die Aussicht auf einen militärischen Sieg.

Die skizzierten Entwicklungen beschränkten sich nicht allein auf die Stammesgebiete, auch wenn sie dort ihren Ursprung hatten und besonders intensiv auftraten. Die politische Gewalt dehnte sich selbst in größere Städte aus wie nach D.I. Khan und Peshawar. Allerdings erreichte sie dort nicht das Niveau eines offenen Krieges, sondern nahm die Form von Attentaten und Terrorakten an.

Die pakistanische Armee unternimmt seit 2002 - und verstärkt ab 2004, als bis zu 120000 Soldaten eingesetzt wurden - militärische Operationen gegen die Dschihadisten in den Stammesgebieten. Diese Einsätze waren bis 2009 nur mäßig erfolgreich, auch weil die lokale Bevölkerung die Präsenz und die Gewaltanwendung von Soldaten in ihrer autonomen Region überwiegend ablehnte. Die pakistanische Armee erlitt teilweise schwere Verluste und reagierte mit einer Eskalation der Operationen, die nun auch massive Luftangriffe beinhalteten. Die resultierenden zivilen Opfer führten zu verstärktem Widerstand der betroffenen Stämme, was die ausländischen und insbesondere lokalen extremistischen Kämpfer politisch stärkte und ihre Zusammenarbeit förderte. Dazu kamen vereinzelte, aber politisch oft verheerende Angriffe durch US-Kräfte. Das wichtigste Beispiel war 2006 ein Raketenangriff auf eine Medresse im Dorf Chingai (Bajaur Agency, Tribal Areas) durch - sehr wahrscheinlich - US-Truppen aus Afghanistan, bei dem 82 Menschen starben, darunter viele Frauen und Kinder. Einige Tage später kam es zu einem Vergeltungsangriff durch einen Selbstmordattentäter, bei dem 40 pakistanische Soldaten getötet wurden. Insgesamt starben bei den Kämpfen bis 2007 vermutlich mehr als 1000 Soldaten und eine unbekannte Zahl an dschihadistischen Kämpfern und Zivilisten. Die militärischen Rückschläge, das Unbehagen gegen Teile der eigenen Bevölkerung und "gläubige Muslime" vorgehen zu müssen, das Gefühl, eigentlich im Auftrag der USA Gewalt anzuwenden und die Opfer unter der Zivilbevölkerung beeinträchtigen außerdem die Kampfmoral vieler Soldaten. Ein Beispiel dafür stellte ein Zwischenfall im August 2007 dar, bei dem eine kleine Gruppe örtlicher Taliban rund 250 Soldaten gefangen nahm, die sich nicht einmal verteidigten.[6]

Zugleich kam es immer wieder zu Versuchen, die Konflikte in den Stammesgebieten durch Gespräche, Verhandlungen und Vereinbarungen beizulegen, wobei häufig Politiker der - mit den Taliban (ideologisch, nicht unbedingt politisch) sympathisierenden - JUI (Jamiat-Ulema-i-Islam) und Stammesversammlungen (Jirgas) zur Vermittlung genutzt wurden. Meist bestand der Ansatz darin, die Stämme zu verpflichten, lokale und internationale Kämpfer selbst zu disziplinieren oder terroristische Täter der Regierung auszuliefern oder an Angriffen zu hindern - im Gegenzug sollten das Militär sich zurückziehen und die zivilen Behörden finanzielle Zuwendungen leisten oder Entwicklungsprojekte durchführen. Da allerdings in einigen Regionen die lokalen Machtverhältnisse dies nicht mehr zuließen - die militanten Gruppen waren bereits so stark, dass sie durch die Stämme nicht mehr kontrolliert werden konnten - in anderen der politische Wille fehlte, kam es auch zu direkten Verhandlungen und Vereinbarungen der Behörden mit lokalen Taliban. In diesen Fällen legitimierte und stärkte sie dies offensichtlich gegenüber den nicht-extremistischen Kräften. Lokale Abkommen brachen zusammen, weil häufig weder das Militär noch die Aufständischen sich daran hielten. Verhandlungsprozesse mit den lokalen Akteuren waren prinzipiell sinnvoll, erfolgten allerdings unter Umständen, die sie immer wieder zum Scheitern brachten. Teilweise wurden während laufender Verhandlungen größere Militäroperationen durchgeführt - so erfolgte auch das Raketenmassaker von Bajaur genau an dem Tag, als in der Region ein Friedensabkommen unterschrieben werden sollte. In solchen Fällen ist offensichtlich, dass die militärische Aufstandsbekämpfung Ansätze friedlicher Konfliktregelung zum Scheitern brachte.

Seitdem spitzt sich die militärische Lage zu. Im Swat-Tal (außerhalb der FATA) zerschlug das pakistanische Militär 2009 mit harter Hand eine brutale, quasi-staatliche Herrschaft lokaler extremistischer Aufständischer, und 2009/2010 unternahm es große Offensiven gegen die Kerntruppe der TTP in Süd-Waziristan, der südlichsten der sieben Stammesgebiete. Letztere war militärisch zwar verlustreich, aber zumindest kurzfristig erfolgreich. Die Aufständischen konnten zwar nach Norden ausweichen, gerieten aber so unter Druck, dass die Welle der Selbstmord- und Terroranschläge in der Nordwestprovinz und anderen Teilen Pakistans 2010 deutlich zurückging. Bedeutsam war in diesem Zusammenhang, dass sich in weiten Teilen Pakistans die Stimmung nun gegen die Aufständischen wandte: Hatte man zuvor den Krieg der Armee mit großer Skepsis und Kritik betrachtet, da man ihn als Hilfestellung für die USA betrachtete und einen Kampf von Pakistanern gegen andere Pakistaner verurteilte, führten die zunehmenden Terroranschläge der aufständischen Taliban gegen pakistanische Zivilisten und Politiker zu einer Änderung des Klimas.

Fußnoten

5.
Vgl. Zahid Hussain, Frontline Pakistan. The Struggle with Militant Islam, New York 2007, S. 120 und S. 143.
6.
Vgl. Ghafar Ali Khan, High Cost of Low Morale, in: The Herald (Karachi), October 2007, S. 64f.