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14.5.2010 | Von:
Jochen Hippler

Pakistan, seine Stammesgebiete und der Afghanistan-Krieg

Die Kriege in Pakistan und der pakistanischen Nordwestprovinz

In Europa und den USA werden die pakistanischen Stammesgebiete mit großer Sorge betrachtet, weil sie einerseits die Kriegführung in Afghanistan erschweren. Die kaum kontrollierbare Region bietet Rückzugs- und Ruheräume für afghanische Aufständische, logistische Unterstützung und teilweise auch Rekrutierungsmöglichkeiten. Eine wirksame Abriegelung der FATA von Afghanistan ist wegen der engen familiären und Stammesbindungen über die Grenze, aus politischen, topographischen und militärischen Gründen kaum möglich, so dass militante Extremisten in beide Richtungen immer wieder ausweichen können, wenn irgendwo der Druck zu groß wird - um später zurückzukehren. Zweitens bieten die Stammesgebiete auch Rückzugs-, logistische und Operationsmöglichkeiten für die internationalen dschihadistischen Kämpfer von al-Qaida. In Afghanistan sollen gegenwärtig nur noch etwa 100 al-Qaida-Kämpfer operieren, während ihre Zahl auf der pakistanischen Seite der Grenze weit höher liegen dürfte - soweit sie nicht in andere Länder (wie Jemen oder Somalia) ausgewichen sind. Dazu kommt die Möglichkeit für afghanische und pakistanische Taliban und al-Qaida, zusätzlich in den oft unübersichtlichen pakistanischen Großstädten unterzutauchen wie in Karachi oder Quetta.

Andererseits bilden die Stammesgebiete und die gesamte Nordwestprovinz auch einen Transmissionsriemen, durch den die Gewalt in Afghanistan nach Pakistan eindringt. In gewissem Sinne bilden der Krieg in Afghanistan und der Bürgerkrieg in der pakistanischen Nordwestprovinz eine Einheit: Viele Paschtunen in Pakistan fühlen sich von der Präsenz US-amerikanischer, britischer und anderer Truppen in Afghanistan genauso betroffen, als wenn sie im eigenen Land stünden. Auch die nicht-paschtunische - selbst die säkulare - Bevölkerung Pakistans lehnt den Krieg fremder Truppen in Afghanistan überwiegend ab - und wirft ihrer eigenen Regierung und dem Militär vor, im Auftrag Washingtons gegen Teile der eigenen Bevölkerung gewaltsam vorzugehen. Dies war der vermutlich wichtigste Grund, dass der zuerst beliebte damalige Präsident Musharraf in Pakistan praktisch jede Unterstützung verlor und als "Busharraf" verspottet wurde. Auch wenn diese Entfremdung von der eigenen Regierung aufgrund deren Unterstützung der US-Afghanistanpolitik heute weniger stark ausgeprägt ist, stellt sie doch weiter einen Faktor dar, der die Legitimität des pakistanischen Staates untergräbt.

Die Situation der Instabilität und Gewalt in den Stammesgebieten entspringt zwei Quellen: Einerseits der eklatanten Schwäche an Staatlichkeit und dem daraus resultierenden politischen Vakuum, das durch die erwähnte Aushöhlung der Stammesstrukturen noch verstärkt und von den religiösen Extremisten gefüllt wird; und zweitens aus den Kriegen im benachbarten Afghanistan seit Ende der 1970er Jahre, die (a) den zuvor konservativen Islam politisierten und ihn dschihadistisch transformierten; (b) eine militärische Infrastruktur (Waffen, Logistik, bewaffnete Banden und extremistische Gruppen, etc.) schufen, die von den Aufständischen und den afghanischen Taliban und al-Qaida genutzt werden kann und ihnen günstige Operationsbedingungen bietet; (c) eine politische Mobilisierungsmöglichkeit gegen die ausländischen und "ungläubigen" Truppen schufen und schaffen, die als Besatzer betrachtet werden; und (d) den Zustrom extremistischer afghanischer und ausländischer (arabischer, tschetschenischer, usbekischer) Extremisten, zur Folge hatten, die gut organisiert, schwer bewaffnet, ideologisch unnachgiebig und kampferfahren sind. Dazu kommt (e) die politisch mobilisierende Situation, dass die eigene Regierung an der Seite der verhassten USA gegen Pakistaner vorgeht - wodurch das eigene Militär in den Stammesgebieten als faktische Besatzungstruppe im Dienste einer fremden Macht betrachtet wird.

Im Zuge der eskalierenden Kämpfe und angeheizt durch die häufigen "Kollateralschäden" an der eigenen Bevölkerung durch die Härte des pakistanischen Militärs und die Drohnenangriffe der USA weitete sich die Gewalt von den Stammesgebieten und der Nordwestprovinz auf andere Landesteile aus und nahm auch terroristische Formen an. So ist es kein Zufall, dass der erste Selbstmordanschlag durch Pakistaner[7] erst im Jahr 2002 erfolgte, also kurz nach dem Sturz der afghanischen Taliban durch Washington - und die Eskalation der Selbstmordanschläge erst im Jahr 2006 begann, nachdem eine US-Drohne zahlreiche Zivilisten tötete. Darüber hinaus kam es zu zahlreichen Anschlägen auf pakistanische Schlüsselpolitiker wie den damaligen Präsidenten Musharraf, die ehemalige Ministerpräsidentin Benazir Bhutto, auf das pakistanische Militär (einschließlich auf das gut gesicherte Oberkommando des Heeres in Rawalpindi) und auf die Zivilbevölkerung.

Auf diese Weise wurde die ohnehin deformierte und teilweise schwache Staatlichkeit in Pakistan weiter geschwächt und die Legitimität des Staates zusätzlich untergraben, da er seine Bürger offensichtlich nicht schützen konnte. Auch die zunehmende Kooperation der aus den Stammesgebieten operierenden Aufständischen mit sunnitischen Extremisten und Dschihadisten aus dem Punjab (die ihr Operationsgebiet primär im indischen Teil Kaschmirs sahen) trug zur wachsenden Unsicherheit bei.

Der Afghanistan-Krieg führt deshalb nicht allein zu beträchtlichem menschlichen Leiden, materiellen Zerstörungen und politischer Instabilität in Afghanistan selbst, sondern auch zur Schwächung Pakistans, zu zahlreichen Gewaltopfern und wachsender Instabilität. Heute sterben bereits mehr Menschen in Pakistan an politischer Gewalt und Kriegseinwirkung als in Afghanistan. Die Ansteckung Pakistans mit der politischen Gewalt erfolgt allerdings nicht primär durch den Krieg in Afghanistan als solchen, sondern sowohl historisch als auch aktuell durch die ausländische Rolle in diesem Krieg, zuerst durch die Sowjetunion, die USA und einige arabische Staaten (vor allem Saudi Arabiens), heute durch die der USA und NATO-Verbündeten.

Die ausländischen Truppen stellen dabei den wichtigsten Mobilisierungsfaktor dar. Eine Diskussion der westlichen Politik in Afghanistan wäre gut beraten, diese Wirkung im strategisch viel bedeutenderen Nachbarland einzubeziehen. Eine weitere Destabilisierung der fragilen Atommacht Pakistan in Kauf zu nehmen, um dem taktischen Ziel einer ohnehin kaum möglichen Abriegelung der Grenze zu Afghanistan näherzukommen, wäre ein strategischer Fehler mit unabsehbaren Folgen - der schließlich mit aller Macht auf den Krieg in Afghanistan zurückschlagen müsste.

Fußnoten

7.
Der vermutlich erste und bis zum Jahr 2002 einzige Selbstmordanschlag in Pakistan überhaupt erfolgte im Jahr 1996 gegen die ägyptische Botschaft in Islamabad, wurde aber von arabischen Dschihadisten verübt.