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14.5.2010 | Von:
Aasim Sajjad Akhtar

(Post)koloniale Politik in den Stammesgebieten Pakistans

Bis heute konnte Pakistan die Prägung durch den Kolonialstaat nicht ablegen. Um den Aufstieg des Islamismus in Pakistan und Afghanistan in heutiger Zeit zu verstehen, muss daher zunächst der staatliche Entstehungsprozess beleuchtet werden.

Einleitung

Bis heute, mehr als sechs Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft, konnte Pakistan die Prägung durch den Kolonialstaat nicht ablegen. Hartnäckigstes Erbe der Kolonialherrschaft sind die in bestimmten Bereichen "überentwickelten" staatlichen Strukturen. Das pakistanische Militär hat sich im Laufe der Zeit zur dominierenden wirtschaftlichen und politischen Kraft des Landes entwickelt.[1] Unter anderem ähnelt die ethnische Zusammensetzung der pakistanischen Armee heute auffallend derjenigen vor einhundert Jahren: Die Mehrheit der Rekruten stammt aus dem Punjab und der Nordwestlichen Grenzprovinz (North-West Frontier Province).

Unter den Briten erlangten diese beiden Provinzen besondere Bedeutung für das koloniale Gemeinwesen: Die Sicherung dieser strategischen Zone wurde als entscheidend für die Wahrung der Interessen des Empire in ganz Asien angesehen. Um den Aufstieg des Islamismus in Pakistan und Afghanistan in der heutigen Zeit zu verstehen, muss zunächst der staatliche Entstehungsprozess im Nordwesten von Britisch-Indien beleuchtet werden. Dabei stellt sich die Frage, wie erfolgreich der postkoloniale Staat aus dem Schatten seines Vorläufers treten konnte.

Im Rahmen dieser kurzen Darstellung hoffe ich zeigen zu können, wie die Dynamik des "Great Game" den britischen Umgang mit den Paschtunen beeinflusste, die in den Grenzregionen des Empire lebten. Ich werde darlegen, wie der pakistanische Staat das institutionelle Inventar der Kolonialzeit geradezu en gros übernahm, indem er die Frontier,[2] die Grenzzone zu Afghanistan, als Pufferzone für seine strategischen Ziele instrumentalisierte. In der Folge der Invasion und Besetzung Afghanistans durch westliche Mächte haben sich die Gebiete der Paschtunen zu einem Zentrum islamistischer Militanz entwickelt. Wer dies aber als rein reaktives Phänomen sieht, lässt den historischen Wettbewerb widerstreitender Gesellschaftsentwürfe außer Acht, der das hier ausgefochtene "New Great Game" unterlegt.

Fußnoten

1.
Hamza Alavis wegweisende Schriften über den "überentwickelten" postkolonialen Staat basierten in erster Linie auf der pakistanischen Erfahrung. Trotz gewisser problematischer Formulierungen bleibt Alavis Analyse eine äußerst treffende Beschreibung des Machtgefüges in Pakistan. Vgl. Hamza Alavi, The State in Post-Colonial Societies. Pakistan and Bangladesh, in: New Left Review, (1972) 74, S. 69-81.
2.
Die eigenständigen Stammesgebiete unter Bundesverwaltung (Federally Administered Tribal Areas - FATA) gehören zu keiner der vier pakistanischen Provinzen und liegen zwischen der Nordwestlichen Grenzprovinz (North-West Frontier Province) und der afghanischen Grenze. Sie bestehen aus sieben (Tribal)Agencies genannten Stammesgebieten sowie sechs von diesen unabhängigen Frontier Regions.