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14.5.2010 | Von:
Aasim Sajjad Akhtar

(Post)koloniale Politik in den Stammesgebieten Pakistans

Einrichtung einer Grenzzone

Jede britische Strategie für die Paschtunen-Gebiete basierte auf der Zielvorgabe, dem russischen Expansionismus Einhalt zu gebieten. Es war die (reale oder eingebildete) russische Bedrohung, die eine Pufferzone und Grenzregionen erforderlich machte. Zuerst unternahmen die Briten den Versuch, die Paschtunen militärisch zu unterwerfen und Kabul zu besetzen. Der erste anglo-afghanische Krieg endete jedoch für das britische Expeditionsheer mit einer katastrophalen Niederlage im Dezember 1841. In der Folgezeit unterließen die Briten militärische Expeditionen in Regionen jenseits des Tals von Peschawar, welches sie mit der Annexion des Punjab im Jahr 1849 unter ihre direkte Kontrolle bringen konnten.[3]

Um den unterschiedlichen administrativen Aufbau zu erklären, der für die Paschtunen diesseits und jenseits des Peschawar-Tals vorgesehen war, begannen die Briten zu unterscheiden zwischen "sesshaften" und "tribalen" Paschtunen. Die Unterteilung in eine "sesshafte" und "tribale" Zone entsprach zwar teilweise der kolonialen Terminologie,[4] die Zielsetzung der Briten war aber ohne Zweifel rein funktional: "(tribale Grenzzonen wurden als) Mechanismen zum Umgang mit eindringenden politischen und sozialen Kräfte eingerichtet. (Der Kolonialstaat) brauchte eine möglichst kostengünstige und effektive politische Struktur, die größtmögliche Kontrolle gewährleistete, jedoch ohne direkte Verwaltung wie in Britisch-Indien auskam."[5]

Die Einrichtung und Aufrechterhaltung einer "tribalen" Zone war durchaus erfolgreich. Eine Konfrontation zwischen Briten und Russen wurde, abgesehen von unbedeutenden Grenzplänkeleien, verhindert. Spannungen zwischen den paschtunischen Stämmen und den Briten konnten jedoch nicht vollständig ausgeräumt werden. Schließlich handelten die Briten im Jahr 1893 mit der afghanischen Monarchie als Grenzlinie zwischen Afghanistan und Britisch-Indien die so genannte Durand-Linie aus. Diese Aufteilung war jedoch längst noch keine überzeugende Lösung für das britische Dilemma.

Die Briten bezeichneten ihre Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik als Antwort auf die Unnachgiebigkeit der Paschtunen. Das Problem bestand jedoch darin, dass koloniale Politik gegenüber den Paschtunen von Ad-hoc-Entscheidungen und Instrumentalisierung geprägt war. Bis zum Jahr 1876 hatte man eine Politik der geschlossenen Grenze verfolgt, die von gelegentlichen Militärexpeditionen, Wirtschaftsblockaden und unregelmäßigen Initiativen zur Schlichtung von Stammesfehden geprägt war. Nachdem auch der zweite anglo-afghanische Krieg im Jahr 1880 mit einem Debakel endete, wurde die so genannte forward policy ausgerufen.

Tatsächlich lassen sich jedoch die britische closed-border policy vor 1890 und die forward policy nach 1890 nicht klar voneinander abgrenzen. Beide waren geprägt von Strafexpeditionen und Wirtschaftsblockaden.[6] Gleichwohl wurde in den 1890er Jahren die politisch-ökonomische Struktur der Stammesgebiete entwickelt, wie sie noch heute besteht. Die Briten schufen und ermächtigten eine "Stammeselite", malik genannte Stammesführer bzw. Gemeindevorstände, die in Abstimmung mit dem staatlichen Verwaltungsapparat die Stämme kontrollieren sollten. Die Kolonialverwaltung mit Hilfe des maliki-Systems beruhte auf Verträgen: Von der britischen Verwaltung ausgewählte Stammesführer wurden dafür entlohnt, dass sie bestimmte, gemeinsam vereinbarte Aufgaben erfüllten.[7]

Es wird oft angeführt, dass die von den Briten kooptierten maliks die "traditionelle" Autorität repräsentierten. Inzwischen haben aber Studien zur Erforschung der Entstehung von "Traditionen" nachgewiesen, dass europäische Kolonialverwaltungen - die Briten eingeschlossen - überall in Afrika und Asien "Traditionen" so konstruiert haben, dass sie ihren Kontrollbedürfnissen und Interessen dienten.[8]

In der Praxis war das maliki-System gekennzeichnet durch ständige Fehden innerhalb der Stammesverbände und zwischen den Stämmen sowie durch die außerordentlichen Machtbefugnisse des so genannten political agent (PA), des eigentlichen Gebieters einer Tribal Agency. Die Vorstellung, dass Angehörige von Stammesgesellschaften ständig in Fehden verstrickt seien, wurde hier zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Die "Stammeszone" entwickelte sich zu einem veritablen "schwarzen Loch", in dem die Zeit stehen geblieben war. Der Kolonialstaat investierte kaum in die soziale und physische Infrastruktur der "Stammesgebiete", was eine Kultur der Fehde nur verstärkte. Ein politisch-ökonomisches System entstand, in dem das Wohlergehen der lokalen Bevölkerung vernachlässigt und stattdessen auf zynische Weise nach den jeweiligen strategischen Interessen des Staates die Stämme protegiert oder bestraft wurden.

An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass die von den Briten geformte gesellschaftspolitische Ordnung nicht auf strikter Trennung zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten basierte. Die Briten stützten sich auf eine parasitäre Klasse von Kollaborateuren, zu der neben den maliks verschiedene politisch-ökonomische Akteure gehörten, die eng in die koloniale Struktur eingebunden waren. Zur Natur des Systems gehörten Rebellionen, in denen sich von Zeit zu Zeit der Kolonialverwaltung ansonsten verbundene maliks und andere dominante Elemente gegen den Staat wandten. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass dieser Zustand permanenter Instabilität der Kolonialmacht dienlich war. Im Großen und Ganzen teilten die Briten und die Stammeseliten gemeinsame Interessen.

Es ist wichtig festzuhalten, dass Paschtunen, auch wenn der Staat ihnen eine politisch-ökonomische Struktur aufzwang, nicht nur passiv Zugang zu dieser erhielten. In der paschtunischen Stammesgesellschaft gab es Akteure, die von dieser Struktur profitierten, andere, die sie in Frage stellten und wieder andere, die sich ihr widersetzten. Ihre Langlebigkeit war also nicht der Tatsache geschuldet, dass die paschtunische Gesellschaft statisch war, sondern vielmehr, dass relativ dominante gesellschaftliche und politische Akteure - allen voran die maliks - in der Lage waren, mit dem Staat gemeinsame Sache zu machen, so dass ernsthafte Widerstände gegen diese Struktur unterdrückt werden konnten.

Fußnoten

3.
Vgl. Olaf Caroe, The Pathans, Karachi 1958, S. 660.
4.
Die klassische Dichotomie besteht bei den Paschtunen (Pathanen) zwischen den beiden sozialen Organisationsformen nang (der Ehre verpflichtet) und qalang (Pacht zahlend) bzw. sesshaft und tribal. Die wesentlichen Unterschiede zwischen nang and qalang basieren auf der Produktionsweise: Die nang-Gesellschaft ist arm und ohne ausreichenden Zugang zu urbarem Boden, die qalang-Gesellschaft den Bodenbesitzstrukturen entsprechend stärker hierarchisch aufgebaut. Vgl. Akbar S. Ahmed, Millenium and charisma among Pathans, Oxford 1976.
5.
Ainslee Embree, Pakistan's Western Borderlands, New Delhi 1977, S. xvi f.
6.
Zwischen 1857 und 1877 gab es elf militärische Operationen, zwischen 1877 und 1881 zwölf. Zwischen 1878 und 1897 wurden 16 Militärexpeditionen gegen die Stämme der Grenzzone durchgeführt. Vgl. Akbar S. Ahmed, Pukhtun Economy and Society - Traditional Structure and Economic Development in a Tribal Society, London 1980.
7.
Vgl. C.C. Davies, The Problem of the North-West Frontier 1890-1908, London 1932, S. 24f.
8.
Unter der Kolonialherrschaft "wurde ein Rechtskorpus geschaffen, der weder gewohnheitsrechtlich noch britisch war: Weder ,gab es' Gewohnheitsrecht noch war es traditionell", so Martin Chanock, Law, custom and social order, Cambridge 1985, S. 57-61.