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14.5.2010 | Von:
Aasim Sajjad Akhtar

(Post)koloniale Politik in den Stammesgebieten Pakistans

Kolonialer Gesellschaftsvertrag in neuem Gewand

Nach dem Abzug der Briten wurde die administrative Kontrolle der Stammesgebiete Pakistan übertragen. Der junge Staat wurde dadurch umgehend in den seit Langem bestehenden Grenzkonflikt mit Afghanistan verwickelt (Stichwort: Durand-Linie), was seine zukünftige Politik in der Region wesentlich prägte. Gleichwohl gab es keinen Grund, warum die nunmehr pakistanischen Regierenden nicht eine neue Politik für die Stammesgebiete hätten formulieren können, um diese in eine demokratische Verwaltungsstruktur zu integrieren.

Tatsächlich fühlten sich die neuen Regierenden dem demokratischen Prozess ebenso wenig verpflichtet wie ihre kolonialen Vorgänger. Sie glaubten, ihren strategischen Interessen (und denjenigen ihrer neuen imperialen Gönner) am besten damit zu dienen, dass sie die Paschtunenregionen des Staates weiterhin als Grenzgebiete betrachteten.[9] Daher blieben die Gebiete der sesshaften Paschtunen die "Nordwestliche Grenzprovinz", während aus den Stammesgebieten letztlich die "Stammesgebiete unter Bundesverwaltung" (FATA) wurden.

Im Frühjahr des Jahres 1948 stiftete der pakistanische Staat, der noch nicht über eine einsatzfähige Armee verfügte, Stammesangehörige aus Waziristan dazu an, das im Nordosten an Pakistan grenzende Königreich Kaschmir zu besetzen, und löste damit den ersten Indisch-Pakistanischen Krieg aus. Von Anfang an gab der pakistanische Staat also zu verstehen, dass er die "Stämme" als politisches Werkzeug ansah, das bei Bedarf eingesetzt werden könne. Und ebenso wie zuvor die Briten hielten es die pakistanischen Regierenden nicht für nötig, die "Stämme" dafür mit Sozial- und Entwicklungsprogrammen in den FATA zu entlohnen.

Die erste bedeutende öffentliche Investition in den FATA wurde in den 1970er Jahren unter der populistischen Regierung von Zulfikar Ali Bhutto getätigt. Unter anderem wurden Straßen gebaut, verlassene Militärgarnisonen wieder besetzt, alte Befestigungen wie Datta Khel, Ladha und Tiarza wieder instand gesetzt und umfangreiche Elektrifizierungsprogramme begonnen.[10] Nicht alle diese Programme kamen notwendigerweise den lokalen Gemeinwesen zu Gute. Die Befestigungsanlagen beispielsweise wurden zu exklusiven Sonderzonen des jeweiligen political agent und seiner Gefolgsleute. Jedenfalls mussten nach dem Abzug der Briten nicht weniger als drei Jahrzehnte verstreichen, bevor der Staat die Notwendigkeit erkannte, Strukturhilfen für die Wohlfahrt der Bevölkerung der FATA zur Verfügung zu stellen. Immer noch verweisen deren Entwicklungsindikatoren auf eine beschämende Unterentwicklung. So gibt es dort nur 33 Krankenhäuser und die Straßendichte liegt mit 0,17km pro Quadratkilometer weit unter dem nationalen Durchschnitt von 0,26.

Im Großen und Ganzen hat Pakistan sich weiter der Methoden der Kolonialverwaltung bedient, um die Region zu regieren. Das politisch-ökonomische System dreht sich um den political agent, das maliki-System und die Khassadare.[11] Wohl am schwersten wiegt die Tatsache, dass die FATA nach wie vor einer aus der Kolonialzeit übernommenen Rechtsordnung unterworfen ist, den Frontier Crimes Regulations (FCR). Die FCR ermächtigen den political agent, Individuen oder ganze Stämme mit Geldbußen zu belegen, zu bannen oder in Haft zu nehmen. Darüber hinaus ist er mit Verweis auf die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung dazu berechtigt, Eigentum zu konfiszieren oder zu zerstören.

Den FATA wurde zwar eine Vertretung im pakistanischen Parlament zugestanden, aber erst im Jahr 1996 wurde volljährigen Bürgerinnen und Bürgern das Wahlrecht für die Wahl zur Nationalversammlung gewährt. Zum größten Teil werden jedoch nach wie vor die maliks als natürliche "Repräsentanten" der Bevölkerung der FATA angesehen.[12] Zwischen 1947 und 1954 waren die FATA mit nur einem Mitglied in der ersten verfassungsgebenden Versammlung Pakistans vertreten. 1973 wurden für insgesamt 37000 maliks acht Sitze in der Nationalversammlung reserviert. Aber auch nachdem 1996 das individuelle Stimmrecht gewährt wurde, blieb es politischen Parteien verboten, in den FATA anzutreten.

In jüngster Zeit hat es vollmundige Diskussionen um die notwendige Aufhebung der FCR und eine Öffnung der FATA für politische Parteien gegeben, um den "Stämmen" die Integration in die pakistanische Gesellschaft zu ermöglichen. Vorerst sieht es jedoch nicht danach aus, als würden nennenswerte Schritte in diese Richtung unternommen werden.

Fußnoten

9.
Für eine detaillierte Diskussion darüber, wie die Sicherheitserfordernisse den Aufbau des neuen Staatswesens in den Jahren nach dem Abzug der Briten beeinflussten siehe: Ayesha Jalal, The State of Martial Rule: the origins of Pakistan's Political Economy of Defence, Cambridge 1990.
10.
Vgl. A.S. Ahmed (Anm. 4), S. 56.
11.
Khassadare erfüllen Polizeifunktionen in den Stammesgebieten. Sie sind nicht uniformiert und werden unterstützt durch die regulären Einheiten des political agent und seine paramilitärischen Polizeitruppen, die Levies.
12.
Die maliks hatten die außerordentliche Machtposition inne, mit dem jeweiligen political agent Gemeindezuwendungen auszuhandeln. Dies erleichterte ihren Aufstieg zu einer von der übrigen Bevölkerung abgesonderten besitzenden Klasse.