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14.5.2010 | Von:
Inken Wiese

Das Engagement der arabischen Staaten in Afghanistan

Entspannung an der islamistischen Heimatfront

Ein dritter zentraler Faktor für die umfangreiche und prompte Unterstützung des afghanischen Widerstands durch arabische Regierungen war jedoch gänzlich innenpolitischer Natur: Zeitgleich mit der sowjetischen Invasion in Afghanistan sahen sich Saudi-Arabien, Ägypten und andere Staaten der Region durch eine militante islamistische Opposition herausgefordert. Nicht ohne Hintergedanken erklärte Scheich Abd al-Aziz bin Baz als höchste religiöse Autorität Saudi-Arabiens den Kampf gegen den Kommunismus in Afghanistan zum Dschihad und religiösen Pflicht eines jeden Muslims. Saudi-Arabien sah in seinem Engagement in Afghanistan eine Chance, gleichzeitig den Islam wahhabitischer Ausprägung zu verbreiten, was den Forderungen der religiösen Autoritäten im Land entsprach, und einige radikale Aktivisten loszuwerden. Die durch staatliche Anreize wie Stipendien für Reisekosten und Unterhalt unterstützte Migration junger Aktivisten bedeutete also zunächst eine Entspannung an der "heimischen Front". Dass diese Männer bereichert durch Kampferfahrung zurückkehren könnten, war eine Vorstellung, die die Sicherheitsapparate zunächst noch von sich schoben.

Die Zahl der vom militärischen Kampf in Afghanistan angezogenen jungen Araber sollte jedoch nicht überschätzt werden. Selbst in den Hochphasen ab 1986 hielten sich nie mehr als 3000 bis 4000 Araber gleichzeitig in Afghanistan bzw. in den Lagern an der pakistanischen Grenze auf.[12] Viele seien tage- oder wochenweise als Freiwillige angereist, weshalb Analysten auch von "Abenteurern" und "Studenten im Urlaub" sprechen. Bis 1986 seien die "arabischen Afghanen"[13] kaum an Kämpfen beteiligt gewesen, auch wenn viele von ihnen ein kurzes militärisches Training in eigens für die Araber errichteten Lagern durchlaufen hatten. Unterschlagen wird bei der Debatte über die "arabischen Afghanen" jedoch, dass eine erhebliche Zahl von Arabern, gerade aus weniger wohlhabenden Staaten wie Mauretanien, dem Irak oder Jemen, aus primär ökonomischen Gründen nach Afghanistan gekommen sei: "They were seeking jobs and salaries with Gulf-based NGOs in Pakistan, not martyrdom in Afghanistan".[14]

Fußnoten

12.
Mohammed Hafez, Jihad after Iraq. Lessons from the Arab Afghans, in: Studies in Conflict & Terrorism, 32 (2009) 2, S. 76.
13.
Der mittlerweile gängige Terminus "arabische Afghanen" kam in den 1990er Jahren auf, als die Regierungen in Ägypten und Algerien islamische Aktivisten und Afghanistan-Rückkehrer als "trouble makers" delegitimieren wollten, die als Zeichen ihrer Überzeugung afghanische Kleidung und Verhaltensweisen übernommen hatten.
14.
M. Hafez (Anm. 12), S. 76.