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11.5.2010 | Von:
Gemma Pörzgen

Die Welt im Blick: ARD-Auslandskorres-
pondenten

Sendeplätze für Auslandsberichte

Hintergrundberichte der Fernsehkorrespondenten aus dem Ausland zeigt das Erste vor allem im "Weltspiegel", der als älteste deutsche Auslandssendung zu den Traditionsmarken der ARD zählt. Bis heute schalten jeden Sonntag um 19:20 Uhr mehr als drei Millionen Zuschauer den Fernseher für diese Sendung an, so dass sie in der ARD als "unverwüstliches Erfolgsformat" gilt.[8] Der attraktive Sendeplatz sei nicht in Frage gestellt, bestätigt auch Tina Hassel, die den "Weltspiegel" im Wechsel mit drei anderen Kollegen moderiert.[9] Sie verweist auf Umfragen, die zeigten, dass die Zuschauer anspruchsvolle Hintergrundberichte wünschen: "Das Publikum hat seine Erwartungen, und unsere Zuschauer wollen gefordert werden, das sollten wir uns ruhig immer wieder klar machen. (...) Seichte Kost im ,Weltspiegel' kommt nicht an." Doch abseits dieses etablierten Sendeplatzes gilt: Lange Reportagen oder Dokumentationen aus dem Ausland werden in der ARD meist erst so spät gesendet, dass sie kaum Zuschauer erreichen.

Als attraktiver Nischenplatz gilt bei den Korrespondenten das halbstündige "Europa-Magazin" am Samstagnachmittag im Ersten, das im Wechsel von WDR und SWR gestaltet wird. Auch in den Dritten Programmen gibt es noch anspruchsvolle Auslandsmagazine, wie die "Weltbilder" im NDR, die aber Dienstags auch erst um 23:15 Uhr zu sehen sind. Der MDR zeigt sein Auslandsmagazin "Windrose" Sonntagnachmittags immerhin um 16:05 Uhr. Neben den wenig attraktiven Sendezeiten bemängeln Korrespondenten auch den zunehmenden Druck der Regionalisierung in den Dritten Programmen. Vor allem diejenigen, die nicht an Nachrichtenplätzen arbeiten, wo aktuelle Ereignisse ständige Aufmerksamkeit garantieren, wünschen sich mehr attraktive Sendeplätze.

Dabei seien gerade die deutsche Außenpolitik und die deutsche Wirtschaft inzwischen so stark international verflochten, dass die Aufgaben für die Auslandskorrespondenten eher gewachsen seien, stellt der Wien-Korrespondent Thomas Morawski fest. "Eigentlich müssen wir da überall reinschauen."[10] Doch die Programmplaner machten sich viel zu wenig Gedanken darüber, wie der Verfassungsauftrag der ARD in dieser Zeit der Globalisierung aktualisiert werden müsse: "Da tut sich eine riesige Lücke auf." Morawski sieht sich immer stärker fernsehspezifischen Vermarktungsmechanismen ausgesetzt, bei denen komplizierte Entwicklungen wie auf dem Balkan oft auf der Strecke blieben. Fernsehbeiträge sollten aus Sicht der Redaktionen stark personalisiert werden und möglichst die Emotionen der Zuschauer berühren. "Aber was machen wir mit den vielen anderen Themen, die sich diesen Vermarktungsmechanismen entziehen?" Wer bei den Programmplanern mit dem Verfassungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens argumentiere, dringe damit nicht durch, ist Morawskis Erfahrung. Er beklagt auch, dass Kulturthemen aus dem Ausland kaum noch auf Interesse stießen. "Aber bislang beklagt sich ja niemand aktiv bei den Sendern, dass sie solche Themen ausblenden." Deshalb regiere heute vor allem die Quote.

"Manche Kritik, dass früher alles besser war, ist mir oft zu wehleidig", hält Tina Hassel solchen Äußerungen entgegen. In Teilen sei die Kritik vermutlich richtig, aber sie sehe auch viele positive Entwicklungen in der ARD. So habe sich das Erste 2009 auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise in einer Schwerpunktwoche diesem Thema gewidmet. Auch den Afrika-Schwerpunkt im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 hebt sie als Gegenbeispiel hervor.

Doch trotz solcher Akzente zeigen sich viele Kritiker skeptisch, ob die "Auslandslobby" den Kampf gegen die Programmplaner angesichts des Spar- und Quotendrucks gewinnen kann. Dabei spielt auch die Herkunft der Programmplaner eine Rolle, die aus den regionalen Strukturen der Länderanstalten stammen und nicht selten auch aufgrund einer bestimmten Parteizugehörigkeit aufgestiegen sind. Sobald Programmverantwortliche selbst über Erfahrungen im Auslandsjournalismus verfügen, sehen auch ihre Prioritäten anders aus. So heißt es zum Beispiel, dass die Auslandsmagazine beim NDR unter anderem deshalb einen größeren Stellenwert genössen, weil Chefredakteur Andreas Cichowicz selbst im Ausland tätig war.

Ganz anders beim SWR, wo Beobachter angesichts einer tiefgreifenden Reform des Fernsehprogramms eine stärkere "Boulevardisierung" und "Verseichtung" befürchten. So soll unter Verweis auf die schwache Quote die Sendung "Auslandsreporter" im Dritten Programm gestrichen werden.[11] In der SWR-Pressestelle heißt es dazu, das Auslandsmagazin werde nur mit der Sendung "Länder - Menschen - Abenteuer" zusammengelegt. Überlegt wird offenbar auch, das unter Federführung des SWR stehende Studio in Straßburg zu schließen, was in Stuttgart aber bislang bestritten wird.

Fußnoten

8.
So nachzulesen auf der Homepage der Sendung: www.daserste.de/weltspiegel/geschichte.asp(7.4.2010).
9.
Die Sendung wird im wöchentlichen Wechsel von vier Sendeanstalten verantwortet (WDR, NDR, BR und SWR). Versuche, einen einzigen Moderator durchzusetzen, sind bislang an der Sender-Konkurrenz gescheitert.
10.
Interview der Autorin mit Thomas Morawski am 25.3.2010 (folgende Zitate ebd).
11.
Vgl. Ein Sender auf der Rüttelstrecke, in: Stuttgarter Zeitung vom 18.3.2010, S. 3.

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