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11.5.2010 | Von:
Gemma Pörzgen

Die Welt im Blick: ARD-Auslandskorres-
pondenten

Die Auslandskorrespondenten sind ein wichtiges Aushängeschild für die ARD. Angesichts der massiven Kürzungen bei den Printmedien wird die Bedeutung des ARD-Korrespondentennetzes in Zukunft noch wachsen.

Einleitung

Wer an die ARD-Auslandsberichterstattung denkt, dem fällt zunächst das Fernsehen ein. Nachrichtensendungen wie die "Tagesschau" oder die "Tagesthemen" erreichen täglich ein Millionenpublikum und schmücken sich mit ihren Auslandskorrespondenten in aller Welt. Journalisten wie Thomas Roth gehören heute zu den vertrauten Fernsehgesichtern. Viele Jahre lang war er ARD-Studioleiter in Moskau, seit bald zwei Jahren ist er in New York. Sein Kollege Peter Mezger berichtete im April 2009 zeitweise sogar als einziger deutscher Journalist regelmäßig aus Teheran, weil andere Kollegen keine Visa mehr für Iran bekamen. Das weltweite ARD-Korrespondentennetz besteht heute aus rund hundert fest angestellten Hörfunk- und Fernsehjournalisten, die unter anderem aus Peking, Paris, Neu Delhi, Genf oder London in die Heimat berichten. Das Netz ist neben dem der britischen BBC eines der größten weltweit. Die Privatsender haben seit ihrer Entstehung Mitte der 1980er Jahre nichts vergleichbares aufbauen können. Auch im Vergleich zu den Sendern der europäischen Nachbarn kann sich das weitverzweigte Netz der 26 ARD-Auslandsstudios sehen lassen.

Auch wenn dieses Netz vergleichsweise engmaschig ist, sind die Berichtsgebiete einzelner Studios bisweilen sehr groß: So müssen zum Beispiel die Korrespondenten Florian Meesmann und Markus Gürne vom ARD-Studio Neu Delhi aus regelmäßig Indien, Pakistan, Nepal, Bhutan, Sri Lanka, Bangladesch und die Malediven bereisen. Gleichzeitig sind sie auch für die Afghanistan-Berichterstattung zuständig.[1] Vielerorts, beispielsweise in Lateinamerika, ist die ARD personell jedoch noch besser aufgestellt als die etwas jüngere Konkurrenz vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF).

Unter Federführung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) ist die ARD schon seit 1956 in Moskau vertreten. Das heutige Studio unter Leitung der erfahrenen Russland-Berichterstatterin Ina Ruck ist mit drei Korrespondenten und 30 Mitarbeitern nicht nur das älteste in der russischen Hauptstadt, sondern auch das größte. Rund 2000 Sendeminuten kommen jährlich aus Moskau, wobei das dortige Auslandsstudio nicht nur aus Russland, sondern auch aus fast allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion berichtet. Auch von vielen anderen Standorten garantiert die ARD ihren Zuschauerinnen und Zuhörern schon seit Jahrzehnten eine qualifizierte Berichterstattung.

Pioniere der Auslandsberichterstattung

Die ersten Schritte ins Ausland machte Anfang der 1950er Jahre der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR). "Wir wollten raus damals", charakterisiert der langjährige Korrespondent Ulrich Schiller die Stimmung unter den ersten Auslandsberichterstattern der jungen Bundesrepublik. "Wir waren im Krieg, waren in Gefangenschaft und fühlten uns dann in Deutschland wie eingeschlossen im Nazidenken", erinnert sich der erfahrene Journalist, der für die ARD von wichtigen Auslandsposten wie Belgrad, Moskau und Washington berichtete.[2]

Nachdem im Januar 1950 erste Hörfunkkorrespondenten für den NWDR nach London und Stockholm gegangen waren, ernannte der Sender noch im selben Jahr offiziell Ansprechpartner in Großbritannien, Frankreich, Schweden, Italien und den USA, später auch in der Türkei bzw. Ägypten.[3] Sie sollten nicht nur als Kommentatoren arbeiten, sondern auch für die Nachrichtenhauptabteilung berichten.[4] Ihr Status war damals der von "festen Freien"; ihr Gehalt - abgesehen von einem Monatsfixum von 30 bis 50 US-Dollar - mussten sie durch die Zulieferung von Hörfunkbeiträgen verdienen, ohne dass es damals eine Abnahmegarantie durch den NWDR gegeben hätte. Dies führte dazu, dass die Korrespondenten meist auch für Zeitungen schrieben, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. In vielen Weltgegenden waren sie die ersten Repräsentanten Nachkriegsdeutschlands, weil es zunächst nur wenige diplomatische Vertretungen im Ausland gab.

Ulrich Schiller ging 1960 als studierter Slawist nach Belgrad und suchte sich eine Wohnung, in der er auch arbeitete. Damals seien vor allem Sprachkenntnisse wichtig gewesen und ein Telefon, erinnert er sich. Auch als er ein paar Jahre später nach Moskau wechselte, waren die Arbeitsbedingungen mit der technischen Ausstattung heutiger Auslandsstudios nicht vergleichbar: "Ich hatte ja noch nicht einmal ein ordentliches Tonbandgerät." Dennoch habe es echte Hörergemeinden bestimmter Korrespondenten gegeben: "Die Stimme war eben geläufig", erinnert sich Schiller an diese Blütezeit des Hörfunkjournalismus.

Mit dem Ausbau der Fernsehberichterstattung aus dem Ausland stiegen auch die organisatorischen und technischen Anforderungen. Viele Korrespondenten wie der legendäre USA-Berichterstatter Peter von Zahn arbeiteten für Hörfunk und Fernsehen. Ab 1955 begannen die Rundfunkanstalten der Länder dann damit, die Liste ihrer Korrespondenten auszutauschen, um die Auslandsberichterstattung in der ARD auszubauen. Mit der ARD wuchs auch das Netz ihrer Auslandsposten. 1963 entstand mit dem "Weltspiegel" ein eigenes Auslandsformat im Ersten. 1966 wurde die Nahost-Berichterstattung ausgeweitet und ein Studio in Tel Aviv eingerichtet. In den folgenden Jahren kamen immer mehr Berichtsgebiete dazu.

Nach der Wiedervereinigung 1990 mussten dann auch die neuen Sendeanstalten, der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) und der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), in das Auslandskorrespondentennetz eingebunden werden. Der MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich erinnert sich noch gut daran, wie gering die Bereitschaft in der alten ARD damals war, die Sendegebiete neu aufzuteilen.[5] Schließlich übernahm der MDR in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk (HR) Prag, außerdem trat der Norddeutsche Rundfunk (NDR) das Fernsehstudio für Südasien ab, während der Hörfunk unter seiner Federführung verblieb.

Föderale Struktur der ARD

"Die ARD ist eine bunte Wiese voller Blumen", beschreibt Kenntemich das föderale System des Senderverbundes. "Es hat Vor- und Nachteile, dass wir nicht zentral durchorganisiert sind." Einerseits könne die ARD auf die Größe ihres Auslandskorrespondentennetzes stolz sein, anderseits führe die föderale Struktur auch häufig zu Reibungsverlusten.

Die Nachteile werden nach Einschätzung von Kritikern vor allem dann deutlich, wenn es aufgrund brennender Aktualität darum geht, Kräfte zu bündeln und rasch klare Entscheidungen zu fällen. Während es beim ZDF seit einiger Zeit einen "Krisenreaktionsraum" gibt, in dem die wichtigsten Entscheider im Krisenfall, wie jüngst beim Erdbeben in Haiti, zusammenkommen und die gesamte Auslandsberichterstattung zentral koordinieren, konkurrieren die einzelnen ARD-Anstalten in solchen Momenten häufig miteinander, statt zusammenzuarbeiten. Besonders berüchtigt ist das schlechte Verhältnis zwischen dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) und dem Südwestrundfunk (SWR), der 1998 aus der Fusion von Süddeutschem Rundfunk (SDR) und Südwestfunk (SWF) hervorging und seitdem in der Auslandsberichterstattung eine dem WDR ebenbürtige Rolle spielt.

Anders als ZDF-Chefredakteur Peter Frey kann ARD-Chefredakteur Thomas Baumann nicht "durchregieren". Er ist zwar für die Koordination der aktuellen politischen Berichterstattung der ARD zuständig, aber das bedeutet kaum mehr, als dass er die täglichen Schaltkonferenzen der Chefredakteure der Landesrundfunkanstalten moderiert. Das Machtgerangel auf den Chefetagen führt dann im journalistischen Alltag dazu, dass sich Sender-Rivalitäten stärker auswirken als journalistische Argumente. Zur Illustration erzählt man sich unter Journalisten gerne Anekdoten, wie etwa jene über die Reise des Außenministers Guido Westerwelle in die Türkei und auf die Arabische Halbinsel im Januar 2010, die ein WDR-Kollege begleitete. Als Westerwelle kurzfristig einen Abstecher in den Jemen einplante, brauchte der Journalist zunächst eine offizielle Zustimmung des für dieses Berichtsgebiet zuständigen SWR, um weiter mitreisen zu können.

Das komplizierte Machtgefüge der Landesrundfunkanstalten sorgt auch dafür, dass sich der Zuschnitt der Berichtsgebiete nur schwer verändern lässt. Kritiker bemängeln, dass die ARD nach dem Ende des Kalten Krieges viel zu spät auf die grundlegenden weltpolitischen Veränderungen und das Entstehen neuer Machtzentren reagiert habe. "Die Strukturen der ARD sind nicht mitgewachsen und haben sich nicht modernisiert", so etwa der Medienwissenschaftler Oliver Hahn.[6] Die ARD müsse auch journalistisch darauf reagieren, dass Schwellenländer wie Brasilien an Gewicht gewonnen hätten: "Die Chefredakteure sollten die heutige Landkarte mal wieder in die Hand nehmen und ihre Auslandsposten neu aufteilen."

Bedeutung des Korrespondentennetzes

Angesichts des tiefgreifenden Strukturwandels in den Printmedien dürfte die Bedeutung des herausragenden ARD-Auslandskorrespondentennetzes in den kommenden Jahren weiter steigen. Längst sparen die Verleger selbst bei überregionalen Tageszeitungen vor allem an der teuren Auslandsberichterstattung. So lässt zum Beispiel die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Entwicklungen auf dem Balkan nur noch vom Korrespondentenplatz Istanbul aus betrachten und hat ihr Büro in Belgrad geschlossen. Auch andere Redaktionen setzen angesichts des einbrechenden Anzeigengeschäfts den Rotstift bei den Auslandsposten an. Auch die Deutsche Presse-Agentur, die bislang mit eigenen Korrespondenten in rund 80 Ländern gut aufgestellt war, wird auf den zunehmenden Konkurrenz- und Kostendruck in den kommenden Jahren voraussichtlich mit einem harten Sparkurs in der Auslandsberichterstattung reagieren müssen. Deutschland droht deshalb eine zunehmende Provinzialisierung seiner überwiegend von Regionalzeitungen dominierten Medienlandschaft.

Auch in den Sendern beobachten Redakteure, denen die Auslandsthemen am Herzen liegen, diese Entwicklung mit Sorge. "Es ist beunruhigend, wenn in der Auslandsberichterstattung so stark gekürzt wird", sagt zum Beispiel die WDR-Auslandschefin Tina Hassel, die selbst Korrespondentin in Paris und Brüssel war.[7] Vielerorts arbeiteten Fernsehkollegen mit Zeitungskollegen sehr eng zusammen. "Das Signal ist in den Sendern angekommen." Aus Hassels Sicht benötigen Auslandsthemen eine starke Lobby, damit sie zukünftig nicht nur noch in den aktuellen Nachrichtensendungen "Tagesschau" und "Tagesthemen" ihren Platz fänden. "Das hielte ich für gefährlich", sagt Hassel und hebt die Bedeutung der Hintergrundformate auch in den Dritten Programmen der ARD hervor. "Wir haben als öffentlich-rechtlicher Rundfunk unglaubliche Möglichkeiten, die aber noch intensiver genutzt werden müssen."

Sendeplätze für Auslandsberichte

Hintergrundberichte der Fernsehkorrespondenten aus dem Ausland zeigt das Erste vor allem im "Weltspiegel", der als älteste deutsche Auslandssendung zu den Traditionsmarken der ARD zählt. Bis heute schalten jeden Sonntag um 19:20 Uhr mehr als drei Millionen Zuschauer den Fernseher für diese Sendung an, so dass sie in der ARD als "unverwüstliches Erfolgsformat" gilt.[8] Der attraktive Sendeplatz sei nicht in Frage gestellt, bestätigt auch Tina Hassel, die den "Weltspiegel" im Wechsel mit drei anderen Kollegen moderiert.[9] Sie verweist auf Umfragen, die zeigten, dass die Zuschauer anspruchsvolle Hintergrundberichte wünschen: "Das Publikum hat seine Erwartungen, und unsere Zuschauer wollen gefordert werden, das sollten wir uns ruhig immer wieder klar machen. (...) Seichte Kost im ,Weltspiegel' kommt nicht an." Doch abseits dieses etablierten Sendeplatzes gilt: Lange Reportagen oder Dokumentationen aus dem Ausland werden in der ARD meist erst so spät gesendet, dass sie kaum Zuschauer erreichen.

Als attraktiver Nischenplatz gilt bei den Korrespondenten das halbstündige "Europa-Magazin" am Samstagnachmittag im Ersten, das im Wechsel von WDR und SWR gestaltet wird. Auch in den Dritten Programmen gibt es noch anspruchsvolle Auslandsmagazine, wie die "Weltbilder" im NDR, die aber Dienstags auch erst um 23:15 Uhr zu sehen sind. Der MDR zeigt sein Auslandsmagazin "Windrose" Sonntagnachmittags immerhin um 16:05 Uhr. Neben den wenig attraktiven Sendezeiten bemängeln Korrespondenten auch den zunehmenden Druck der Regionalisierung in den Dritten Programmen. Vor allem diejenigen, die nicht an Nachrichtenplätzen arbeiten, wo aktuelle Ereignisse ständige Aufmerksamkeit garantieren, wünschen sich mehr attraktive Sendeplätze.

Dabei seien gerade die deutsche Außenpolitik und die deutsche Wirtschaft inzwischen so stark international verflochten, dass die Aufgaben für die Auslandskorrespondenten eher gewachsen seien, stellt der Wien-Korrespondent Thomas Morawski fest. "Eigentlich müssen wir da überall reinschauen."[10] Doch die Programmplaner machten sich viel zu wenig Gedanken darüber, wie der Verfassungsauftrag der ARD in dieser Zeit der Globalisierung aktualisiert werden müsse: "Da tut sich eine riesige Lücke auf." Morawski sieht sich immer stärker fernsehspezifischen Vermarktungsmechanismen ausgesetzt, bei denen komplizierte Entwicklungen wie auf dem Balkan oft auf der Strecke blieben. Fernsehbeiträge sollten aus Sicht der Redaktionen stark personalisiert werden und möglichst die Emotionen der Zuschauer berühren. "Aber was machen wir mit den vielen anderen Themen, die sich diesen Vermarktungsmechanismen entziehen?" Wer bei den Programmplanern mit dem Verfassungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens argumentiere, dringe damit nicht durch, ist Morawskis Erfahrung. Er beklagt auch, dass Kulturthemen aus dem Ausland kaum noch auf Interesse stießen. "Aber bislang beklagt sich ja niemand aktiv bei den Sendern, dass sie solche Themen ausblenden." Deshalb regiere heute vor allem die Quote.

"Manche Kritik, dass früher alles besser war, ist mir oft zu wehleidig", hält Tina Hassel solchen Äußerungen entgegen. In Teilen sei die Kritik vermutlich richtig, aber sie sehe auch viele positive Entwicklungen in der ARD. So habe sich das Erste 2009 auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise in einer Schwerpunktwoche diesem Thema gewidmet. Auch den Afrika-Schwerpunkt im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 hebt sie als Gegenbeispiel hervor.

Doch trotz solcher Akzente zeigen sich viele Kritiker skeptisch, ob die "Auslandslobby" den Kampf gegen die Programmplaner angesichts des Spar- und Quotendrucks gewinnen kann. Dabei spielt auch die Herkunft der Programmplaner eine Rolle, die aus den regionalen Strukturen der Länderanstalten stammen und nicht selten auch aufgrund einer bestimmten Parteizugehörigkeit aufgestiegen sind. Sobald Programmverantwortliche selbst über Erfahrungen im Auslandsjournalismus verfügen, sehen auch ihre Prioritäten anders aus. So heißt es zum Beispiel, dass die Auslandsmagazine beim NDR unter anderem deshalb einen größeren Stellenwert genössen, weil Chefredakteur Andreas Cichowicz selbst im Ausland tätig war.

Ganz anders beim SWR, wo Beobachter angesichts einer tiefgreifenden Reform des Fernsehprogramms eine stärkere "Boulevardisierung" und "Verseichtung" befürchten. So soll unter Verweis auf die schwache Quote die Sendung "Auslandsreporter" im Dritten Programm gestrichen werden.[11] In der SWR-Pressestelle heißt es dazu, das Auslandsmagazin werde nur mit der Sendung "Länder - Menschen - Abenteuer" zusammengelegt. Überlegt wird offenbar auch, das unter Federführung des SWR stehende Studio in Straßburg zu schließen, was in Stuttgart aber bislang bestritten wird.

Auslandskorrespondenten für Hörfunk und Internet

Anders als beim Fernsehen mit seinem Ersten Programm, ist die ARD für den Radiohörer als Marke schwerer erkennbar. Dabei sind für den ARD-Hörfunk weltweit 71 Auslandskorrespondenten tätig - und damit noch mehr als für das Fernsehen. Wer mit einigen von ihnen spricht, hört vor allem die Klage über das verbreitete Desinteresse an Auslandsthemen in den Redaktionen: "Tagelang sitze ich im Büro, ohne dass eine Redaktion anruft", heißt es sogar an wichtigen Auslandsposten. Vor allem morgens, wenn die meisten Hörer ihr Radio einschalten, sei es immer schwerer, überhaupt ins Programm zu gelangen. "Der Deutschlandaspekt wird immer stärker betont", beschreibt ein Auslandskorrespondent die Anforderungen seiner Heimatredaktion. "Jedes Auslandsthema soll möglichst deutsche Entwicklungen widerspiegeln."

Die stellvertretende Chefredakteurin beim WDR-Hörfunk, Helga Schmidt, hält solche Kritik für überzogen. Die frühere Brüssel-Korrespondentin hält dagegen, dass der technische Fortschritt viele neue Möglichkeiten ergeben habe: "Nach 20 Jahren Zeitfunk wage ich die steile These, dass wir heute mehr Auslandsberichterstattung haben und mehr Sendeplätze als vor 15 Jahren".[12] Für die Hörfunkjournalisten im Ausland ist diese Entwicklung mit mehr Unübersichtlichkeit verbunden. Da sie ihre Angebote und später die fertigen Beiträge in ein zentrales Netzwerk speisen, haben sie längst den Überblick verloren, welchen ihrer Beiträge welcher der mehr als 60 ARD-Sender eigentlich wann gesendet hat. Der direkte Draht zur Heimatredaktion geht immer mehr verloren.

Mit dem Nachrichtenportal "tagesschau.de" verfügt die ARD seit 1999 über ein von den Fernsehsendungen weitgehend unabhängiges, ereignisorientiertes Onlineangebot. Keine andere seriöse Nachrichtenseite im deutschsprachigen Raum räumt der fundierten Auslandsberichterstattung so viel Platz ein; die Hamburger Redaktion ist rund um die Uhr besetzt. Ermöglicht wird das Informationsangebot aber vor allem von den Hörfunkkorrespondenten, die ihre Manuskripte für die Radiobeiträge an "tagesschau.de" senden, wo die Texte für das Internet aufbereitet werden. "Es gibt da niemanden mehr, der sagt, für ,tagesschau.de' arbeite ich nicht", so der Redaktionsleiter Jörg Sadrozinski.[13]

Die Hörfunkjournalisten erleben dank dieser neuen Plattform eine Renaissance. Während sich ihre Radiobeiträge schon nach wenigen Minuten "versendet" haben, erweisen sich die Texte auf "tagesschau.de" als nachhaltiger Lesestoff. Nach den bisherigen Bestimmungen darf das Onlineangebot ein Jahr lang im Netz stehen bleiben. Gerade die Auslandsberichterstattung erreiche bei "tagesschau.de" hohe Klickzahlen, so Sadrozinski. "Das Auslandskorrespondentennetz der ARD ist das wirkliche Pfund, mit dem wir wuchern können."

So lieferte beispielsweise die damalige Nahost-Hörfunkkorrespondentin Bettina Marx bei den palästinensischen Parlamentswahlen 2006 tagelang exklusive Reportagen aus dem Westjordanland, die auch online zu lesen waren und von Marx mit Fotos illustriert wurden. Extra vergütet werden solche Zusatzleistungen allerdings nicht. "Ich finde das Konzept gut", befindet Marx dennoch. "Unser Ansehen ist gestiegen, seitdem wir auch zu lesen sind, selbst bei Kollegen." Viele Hörfunkkorrespondenten hätten auch nichts dagegen, für "tagesschau.de" eigene Beiträge zu liefern und nicht nur Nebenprodukte.[14]

Kritiker merken jedoch an, dass die sinnvolle Weiterentwicklung dieses wichtigen Informationsangebots der ARD im Internet derzeit noch vom Besitzstanddenken der einzelnen Anstalten behindert werde. Einzelne Chefredakteure befürchteten offenbar, dass "ihre" Auslandskorrespondenten ausgerechnet dann für das Onlineangebot tätig sein könnten, wenn "ihr" Landessender gerade einen Radiobeitrag benötige. In einigen Sendern sei zudem die Angst groß, der Platzhirsch NDR könne durch eine weitere Stärkung der in Hamburg ansässigen zentralen Nachrichtenredaktion für das Internet noch zusätzlich an Gewicht gewinnen.

Anders als die Hörfunktexte sind die Manuskripte der Fernsehkorrespondenten nicht für "tagesschau.de" nutzbar. Aber in Zukunft sollen Videoblogs eine stärkere Rolle spielen, so Redaktionsleiter Sadrozinski. Bislang sind es nur wenige Korrespondenten, die mit diesen journalistischen Formaten erste Experimente wagen. Mit ihrem Videoblog "London Calling"[15] gilt Annette Dittert, Studioleiterin in London, als Vorreiterin. Ihre bunten Geschichten von der Fuchsjagd, dem Hofknickkurs oder schwimmenden Schlössern verleiteten das "ARD-Morgenmagazin" kürzlich dazu, die Videobloggerin mit rotem Lackmantel und kleiner Plastik-Queen eine Woche lang live in die Sendung zu nehmen. Auch der Israel-Korrespondent Richard C. Schneider bedient mit "Zwischen Mittelmeer und Jordan" ein Videoblog auf "tagesschau.de", vom Nairobi-Korrespondent Peter Schreiber erschien dort vor kurzem die erste Folge des Videoblogs "Afrika, Afrika!". Entsprechende Vorbereitungen gibt es auch bei den Korrespondenten in Wien. Für die Journalisten vor Ort bedeutet dieses neue Format zusätzlichen Aufwand, der ebenfalls nicht extra vergütet wird.

Es gibt aber auch Kritik am ARD-Onlineangebot. Nach Ansicht des Medienwissenschaftlers Oliver Hahn verfolgt "tagesschau.de" mit der Übernahme der Hörfunktexte einen falschen Ansatz: "Als das Radio entstand, haben die Sprecher am Anfang aus der Zeitung vorgelesen. Jetzt werden fürs Hören geschriebene Texte einfach nur ins Netz gestellt", sagt er und vermisst die für Internetmedien typische Verlinkung ebenso wie die Einbindung der Nutzer in Leserforen. "Die hinken der Zeit mit ihrem Onlineangebot völlig hinterher", sagt Hahn unter Verweis auf die aufwändigeren Internetportale der BBC. "Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte mit den neuesten Medienentwicklungen mitgehen können." ARD-Mitarbeiter halten dieser Sicht entgegen, dass ein attraktives Angebot im Internet entstanden sei ohne hohe zusätzliche Kosten zu verursachen, zumal die Marke "tagesschau.de" derzeit auch im Vergleich zum ZDF-Angebot "heute.de" konkurrenzlos dastehe.

Tabuthema Kosten

Wie groß der Kostenanteil für die Auslandsberichterstattung an den Gesamtkosten der Programme der Landesrundfunkanstalten und ARD-Gemeinschaftsprogramme ist, ist offenbar ein Tabuthema. Keiner der zahlreichen Interviewpartner mochte über Geld sprechen - als ließen sich die jährlichen Kosten für ein Auslandsstudio oder einen Korrespondenten nicht beziffern. "Der Verteilungsschlüssel ist so kompliziert wie bei der EU", antwortet die stellvertretende WDR-Chefredakteurin Schmidt auf eine entsprechende Frage. "Bei den Zahlen lässt sich niemand reingucken", betont auch MDR-Chefredakteur Kenntemich. In jedem Sender würden die Kosten unterschiedlich berechnet, deshalb sei auch die Vergleichbarkeit schwierig.

Ob die Mittel effizient eingesetzt werden, ist fraglich: Anekdoten über gepanzerte Fahrzeuge, die aus bürokratischen Rücksichten von der ARD nicht gekauft werden können, sondern für 3000 Euro im Monat jahrelang geleast werden müssen, lassen erahnen, dass hier große Summen im Spiel sind, über die offenbar einvernehmliches Stillschweigen herrscht. Bislang deckt die Gebührenerhebung im Rahmen des staatlichen Grundversorgungsauftrags die Kosten der Auslandsberichterstattung, aber in allen Sendern werden die Budgets knapper, und vor dem Hintergrund latenter Konflikte zwischen "Qualität und Quantität" wird effizientes Kostenmanagement immer wichtiger.

"Die Frage ist, wie lange sich die ARD uns noch leisten kann", bangen viele Auslandskorrespondenten angesichts sinkender Rundfunkbeiträge mit Blick in die Zukunft. Bisher sind Korrespondenten bei der ARD fest angestellt und werden dank der Auslandszulagen überdurchschnittlich gut bezahlt. Auch ein Heer freier Journalisten lebt davon, Fernseh- und Radiobeiträge aus dem Ausland an die ARD-Anstalten für Honorare verkaufen zu können, die sich bei Printmedien und im Onlinebereich nicht erzielen lassen.

"Ich plädiere dafür, diesen Schatz zu wahren", betont Wolfgang Kenntemich in Bezug auf das ARD-Korrespondentennetz. Er setzt für die Zukunft auf größere Synergieeffekte in der Zusammenarbeit von Hörfunk- und Fernsehkorrespondenten im Ausland. Durch den technischen Fortschritt ließen sich schon jetzt erhebliche Kosten sparen. Ob die Entwicklung bei den Printmedien im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Warnung verstanden wird, oder im Gegenteil auch bei der ARD zukünftig eine Kürzung der Auslandsberichterstattung befördert, wird sich in den kommenden Jahren erweisen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Florian Meesmann, Von Panzern und Paschtunen, in: ARD-Jahrbuch 2009, S. 41-45, online: www.ard.de/intern/publikationen (7.4.2010).
2.
Interview der Autorin mit Ulrich Schiller am 23.3.2010 (folgende Zitate ebd.).
3.
Vgl. ARD-Chronik, online: www.ard.de/intern/chronik (7.4.2010).
4.
Vgl. Christoph Hilgert, Kommentare im Hörfunkprogramm des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR). Redaktioneller Kontext und gesellschaftliche Stellung, Magisterarbeit, Universität Hamburg 2005 (unveröff.), S. 79 ff.
5.
Interview der Autorin mit Wolfgang Kenntemich am 1.4.2010 (folgende Zitate ebd.).
6.
Interview der Autorin mit Oliver Hahn (Journalistikprofessor in Iserlohn und Mitherausgeber des Buches Deutsche Auslandskorrespondenten, Konstanz 2008) am 1.4.2010 (folgende Zitate ebd.).
7.
Interview der Autorin mit Tina Hassel am 31.3.2010 (folgende Zitate ebd.).
8.
So nachzulesen auf der Homepage der Sendung: www.daserste.de/weltspiegel/geschichte.asp(7.4.2010).
9.
Die Sendung wird im wöchentlichen Wechsel von vier Sendeanstalten verantwortet (WDR, NDR, BR und SWR). Versuche, einen einzigen Moderator durchzusetzen, sind bislang an der Sender-Konkurrenz gescheitert.
10.
Interview der Autorin mit Thomas Morawski am 25.3.2010 (folgende Zitate ebd).
11.
Vgl. Ein Sender auf der Rüttelstrecke, in: Stuttgarter Zeitung vom 18.3.2010, S. 3.
12.
Interview der Autorin mit Helga Schmidt am 25.3.2010 (folgende Zitate ebd.).
13.
Interview der Autorin mit Jörg Sadrozinski am 1.4.2010 (folgende Zitate ebd.).
14.
Interview der Autorin mit Bettina Marx am 1.4.2010.
15.
Siehe www.tagesschau.de/ausland/
londoncalling192.html (7.4.2010).

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Der Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten lautet: Gewährleistung einer unabhängigen "Grundversorgung" mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Erfüllen die Sender ihren am Gemeinwohl orientierten Programmauftrag?

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